Zellstoffmühlen auf vier Beinen

4. Oktober 2012, 20:00
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Der bis zu zwölf Meter große Edmontosaurus war ein Vegetarier, für die extrem harte Kost brauchte er ein spezielles Gebiss

Tallahassee/Wien - Nordamerika vor gut 65 Millionen Jahren: Die Urform des Kontinents wird noch von Sauriern beherrscht, die in zahlreichen Spezies und Größen die Landschaft bevölkern. Eine besonders weit verbreitete Gruppe sind die Hadrosaurier der Gattung Edmontosaurus. Sie werden bis zu zwölf Meter lang und ziehen in Herden umher. Die Giganten sind Vegetarier. Mit ihren entenartigen Schnäbeln weiden sie den Bodenbewuchs ab und zupfen Zweige von den Bäumen. Nicht gerade leicht verdauliche Kost.

Die Vegetation der damaligen Zeit bestand vor allem aus Farnen, Schachtelhalmgewächsen und primitiven Bedecktsamern. Viele dieser Pflanzen waren äußerst robust gebaut, einige von ihnen bildeten in ihren Geweben sogar steinharte Kristalle als Schutz vor hungrigen Mäulern. Edmontosaurus fraß sie trotzdem. Die Tiere verfügten über mächtige Gebisse aus hunderten zusammengekitteten und immer wieder nachwachsenden Zähnen. Damit ließ sich praktisch alles kauen. "Ich bezeichne sie deshalb als laufende Zellstoffmühlen", sagt der Paläobiologe Gregory Erickson von der Florida State Uni in Tallahassee im Gespräch mit dem STANDARD.

Erickson ist seit längerem vom Hadrosaurier-Kauapparat fasziniert. Wieso aber konnten die Zähne dem enormen Abrieb widerstehen? Schließlich ging man bisher davon aus, dass die Kauflächen lediglich aus Schmelz und Zahnknochen bestanden, was zu raschen Funktionseinbußen hätte führen müssen.

Sechs Zahngewebetypen

Erickson analysierte mit Kollegen den Mikroaufbau fossiler Edmontosaurus-Zähne, führten Härtetests durch und verarbeiteten die Daten in biomechanischen Modellen. Die heute im Fachblatt Science veröffentlichten Ergebnisse förderten Verblüffendes zutage: Entgegen der vorherigen Annahmen bestanden Hadrosaurier-Zähne aus sechs verschiedenen Gewebetypen unterschiedlicher Härten, die komplex strukturierte und extrem leistungsfähige Kauflächen bildeten. Damit ließen sich vermutlich auch aus den zähesten Pflanzenteilen noch Nährstoffe herausquetschen.

Solche Strukturen sind der Wissenschaft gleichwohl nicht unbekannt. Man findet sie in sehr ähnlicher Form in den Zähnen heutiger Pferde und Bisons. Die Evolution hat bei diesen Säugern offensichtlich denselben Weg eingeschlagen, den sie bei den Hadrosauriern während der Kreidezeit bereits gewählt hat.

Erfolg dank der Zähne

Die ersten so ausgestatteten Gebisse entstanden vor etwa 90 Millionen Jahren, erklärt Gregory Erickson. Danach machten die Hadrosaurier eine schnelle Diversifizierung durch und besetzten zahlreiche ökologische Nischen. Diesen Erfolg verdankten die Riesenechsen wohl ihren komplexen Zahnstrukturen. Sie ermöglichten es ihnen wohl, sich in den unterschiedlichsten Lebensräumen satt fressen zu können. Eben überall, wo es Pflanzen gab. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 5.10.2012)

  • Evolutionäres Erfolgsmodell dank komplexen Zahnaufbaus: Der 
Edmontosaurus hatte Batterien aus hunderten nachwachsenden Zähnen, die den Beißern heutiger Bisons ähneln.
    foto: standard/gregory erickson

    Evolutionäres Erfolgsmodell dank komplexen Zahnaufbaus: Der Edmontosaurus hatte Batterien aus hunderten nachwachsenden Zähnen, die den Beißern heutiger Bisons ähneln.

  • Die Zahnbatterie im Unterkiefer des Sauriers.
    foto: standard/gregory erickson

    Die Zahnbatterie im Unterkiefer des Sauriers.

  • Das Skelett des Hadrosauriers Edmontosaurus.
    foto: standard/gregory erickson

    Das Skelett des Hadrosauriers Edmontosaurus.

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