Wer hat Angst vor Netanyahus roter Linie?

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  • Der Premier und der Comic in New York.
    foto: reuters/lucas jackson

    Der Premier und der Comic in New York.

Experte für Abschreckungspolitik: "Abhängigkeit von einer Supermacht senkt die Glaubwürdigkeit der eigenen Drohungen"

Lange Zeit war es immer wieder Muammar al-Gaddafi, der die UN-Generalversammlung mit schrägen Auftritten unterhielt. Als der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu vergangene Woche eine Zeichnung zum Thema Iran präsentierte, fühlten sich einige Kommentatoren in diese Tage zurückversetzt. Dabei war das Thema durchaus ernst: Wann ist das Atomprogramm des Iran nicht mehr durch einen Angriff zu stoppen? 

Netanyahu markierte diesen Punkt mit einem Filzstift als rote Linie auf einer Zeichnung, die mehr an einen Comic als an ein Diagramm erinnerte. Und schon wenige Minuten danach hatten mehr als 17.000 Menschen auf Twitter ihre Kommentare hinterlassen. Die meisten davon waren zynisch und kritisch. "Eine Comic-Zeichnung?", lautete der Tweet eines israelischen Journalisten. "Wer in Netanyahus Delegation hat dieses Diagramm vorher gesehen und trotzdem zu ihm gesagt: Großartig. Mach das!" Wenig überraschend war die Zeichnung auch für die iranische Nachrichtenagentur Fars ein gefundenes Fressen: "Die Grafik einer runden Bombe mit einer Zündschnur, wie man sie aus dem Road-Runner-Trickfilm kennt."

Ist die rote Linie ein gutes Schreckgespenst?

Eine effektive politische Rede hat meist ein bestimmtes Zielpublikum und strebt eine konkrete Wirkung an. Netanyahu schien vor allem bei internationalen Verbündeten wie den USA um Unterstützung für einen Angriff auf den Iran zu werben. Andererseits wollte er vermutlich auch den Iran und seine Verbündeten abschrecken.

Der israelische Analyst Nahum Barnea schrieb in der Zeitung "Yediot Ahronot", wenn man Netanyahus Worte ernst nehme, werde Israel schon in wenigen Monaten alleine angreifen, sollte der Iran nicht abgeschreckt sein und sollten die USA nicht mit angreifen.

"Speak softly and carry a big stick"

Die Rede hat einerseits zu mehr Abschreckung beigetragen, weil Netanyahu mit dem Festlegen einer roten Linie Israel für einen bestimmten Zeitpunkt unter Handlungsdruck setzt, sagt der Politikwissenschaftler Elli Lieberman, ein Spezialist zum Thema Abschreckungspolitik im Nahen Osten und Autor eines neuen Buches zum Thema. "Israel wird handeln müssen, oder es verliert an Glaubwürdigkeit", so Lieberman.

Gleichzeitig habe die Rede die Abschreckungswirkung aber auch gesenkt. Denn durch den ständig wiederholten Appell an die USA und den Westen, Israel bei einem möglichen Angriff zu unterstützen, werde immer klarer, dass Israel zögert oder sogar unfähig ist, den Iran alleine anzugreifen. "Abhängigkeit von einer Supermacht senkt die Glaubwürdigkeit der eigenen Drohungen", sagt Lieberman. So sei das auch 1956 in der Suez-Krise gewesen, als Israel gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich Ägypten angriff, nachdem Gamal Abdel Nasser den Suezkanal verstaatlicht hatte. 

Um durch Rhetorik eine politische Abschreckungswirkung herzustellen, hätte Netanyahu eine andere Strategie verfolgen sollen. "Speak softly and carry a big stick", wäre Liebermans Vorschlag. "Stattdessen spricht er zu laut, hauptsächlich zu westlichen Akteuren. Eine klare Drohung, gefolgt von Stille, wäre wirkungsvoller gewesen." (Andreas Hackl, derStandard.at, 4.10.2012)

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