Die vergessenen Superreichen

Kommentar der anderen4. Oktober 2012, 18:38
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Die OeNB-Studie zur Vermögensverteilung in Österreich dokumentiert eine extreme Schieflage der Besitzverhältnisse. Tatsächlich ist der Konzentrationsgrad aber noch um vieles höher

Vergangenen Montag hat die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) gemeinsam mit Kollegen von Europäischer Zentralbank (EZB) und Deutscher Bundesbank die ersten Ergebnisse einer neuen Studie zur Vermögensverteilung präsentiert. Die Studie ist Teil einer von der EZB organisierten Umfrage in allen 17 Eurostaaten, welche das Nettogesamtvermögen (Sachvermögen und Finanzvermögen abzüglich Verschuldung) der Haushalte mittels neuester Befragungsmethoden erhebt. Nach Fertigstellung aller Länderstudien (voraussichtlich März 2013) wird erstmals auch ein internationaler Vergleich der Vermögensbestände über alle 17 Eurostaaten möglich.

Diese Datenbasis ist für die wissenschaftliche Forschung einzigartig und wird - insbesondere aufgrund der öffentlichen Verfügbarkeit sowie der ausgezeichneten methodischen Dokumentation - ein Fundus für umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten sein. Die Daten bieten eine ausgezeichnete Grundlage, um wichtige makroökonomische Zusammenhänge zwischen dem Finanzsektor und der Realwirtschaft genauer zu untersuchen und somit auch bessere Einsichten über Ursachen und Auswirkungen der Finanzkrise zu erhalten.

Beträchtliche Schieflage

Die ersten Ergebnisse der Datenanalyse zeigen, dass das akkumulierte Nettovermögen in Österreich im Umfang von ca. 1000 Milliarden Euro extrem stark konzentriert ist. Der Gini-Koeffizient, der Werte zwischen 0 (völlige Gleichverteilung) und 1 (eine/einer besitzt alles) annehmen kann, erreicht für die österreichische Vermögensverteilung einen Wert von 0,76 und liegt somit auch im internationalen Vergleich sehr hoch.

Wenngleich das beträchtliche Volumen der Finanz- und Immobilienvermögen sowie dessen hohe Konzentration durch diese Studie sehr gut dokumentiert wird, so muss dennoch angemerkt werden, dass es sich bei diesen Daten um eine deutliche Unterschätzung der Vermögensbestände und -konzentration handelt. Warum?

Zunächst ist es nahezu ausgeschlossen, dass sich Milliardäre an dieser Befragung beteiligen. Dies ergibt sich schon dadurch, dass diese Personengruppe aufgrund der geringen Fallzahl wohl kaum in die Stichprobe kommt. Und selbst wenn, dann würden sich diese Personen an der Befragung wohl kaum beteiligen. Nimmt man zum Beispiel nur die zehn reichsten Österreicher/-innen gemäß Trend-Reichenliste 2012, so macht deren Gesamtvermögen 67 Milliarden Euro aus, jenes der Top 50 beträgt 105 Milliarden Euro und macht somit mehr als 10 Prozent des gesamten Vermögens aller österreichischen Haushalte aus. Auch unter den Top 50 findet sich aber bereits eine enorme Konzentration. So verfügt die reichste Familie alleine über so viel Vermögen wie die nächsten neun vermögendsten Familien zusammen genommen. Zudem wurde in der OeNB-Befragung auch kein Stiftungsvermögen erfasst, das vorsichtig geschätzt einen Umfang von rund 70 Milliarden Euro hat. Unter Einbeziehung dieser Daten ergäbe sich also eine noch wesentlich stärkere Vermögenskonzentration als jene, welche von der OeNB ausgewiesen wurde.

Untersuchungen für Deutschland zeigen, dass mittels einer vollständigen Berücksichtigung aller Top-1-Prozent-Einkommensbezieher der Gini-Koeffizient für das Bruttomarkteinkommen um mehr als 50 Prozent steigt (von 0,43 auf 0,67).

Die US-amerikanische Notenbank (Federal Reserve) berücksichtigt dieses Problem der Untererfassung der Top-1-Prozent, indem sie Einkommenssteuerdaten verwendet und damit eine Substichprobe von besonders vermögenden Haushalten erstellt (ca. ein Viertel der gesamten Stichprobe). Dadurch werden vermögende Haushalte über Steuerdaten identifiziert und können somit überproportional in die Stichprobe gezogen werden.

Die Ergebnisse einer Vermögensbefragung verbessern sich dadurch enorm. Voraussetzung zur Realisierung dieses Vorgehens sind zunächst der politische Wille und sodann eine entsprechende Kooperation zwischen dem Bundesministerium für Finanzen (als Steuerdatenträger) und der OeNB (als zuständige Instanz für die Datenerhebung).

Plutokratie statt Demokratie

Vor allem in den USA werden in jüngster Zeit (in der Fachwelt wie auch im gesellschaftlichen Diskurs) die polit-ökonomischen Implikationen der zunehmenden Vermögenskonzentration intensiv diskutiert. Konzentriert sich das Einkommen in den Händen einer kleinen Gruppe, läuft die Demokratie Gefahr, faktisch in eine Plutokratie, eine Herrschaft der Reichen, verwandelt zu werden.

Sowohl theoretische Überlegungen als auch empirische Untersuchungen legen nahe, dass es umso wahrscheinlicher wird, dass die Demokratie ausgehöhlt wird, um Partialinteressen auf Kosten der anderen durchzusetzen, je mehr Geld die ökonomische Elite zur Verfügung hat. Dadurch kann sich die Qualität kollektiver Entscheidungen in einer Demokratie entscheidend verringern.

Der US-amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat soeben ein Buch mit dem Titel The Price of Inequality - How today's divided society endangers our future (Der Preis der Ungleichheit - Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft berührt, Siedler-Verlag) verfasst. Dabei analysiert Stiglitz theoretisch wie empirisch genau jenes Top-1-Prozent, welches die OeNB-Studie nicht bzw. nur unzureichend erfasst!

Die enorme geld- und finanzpolitische Relevanz dieser Thematik legt jedenfalls den Schluss nahe, dass dem Top-1-Prozent-Perzentil bei der nächsten Vermögenserhebung von EZB bzw. OeNB (2014) - ähnlich wie in den USA - verstärkt Beachtung geschenkt werden sollte. (Wilfried Altzinger, DER STANDARD, 5.10.2012)

Wilfried Altzinger lehrt am Institut für Geld und Finanzpolitik der WU Wien (Forschungsschwerpunkt: Verteilungstheorie und -politik).

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