Romney ist wieder im Spiel

Kommentar4. Oktober 2012, 20:15
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Obama bleibt dennoch Favorit - es sei denn, er verliert gegen sich selbst

Die erste Fernsehdebatte im US-Präsidentschaftswahlkampf gilt als eine Art Super Bowl der amerikanischen Demokratie. Mitt Romney hat in diesem Match eine gute Figur gemacht. Der republikanische Kandidat schaffte es, die Agenda zu bestimmen und dabei - beinahe - menschlich zu wirken. Präsident Barack Obama dagegen gewann mit einer seiner schlechtesten Darbietungen seit langem keinen einzigen Yard.

Im Gegensatz zum Finale der National Football League ist mit dieser Debatte die politische Saison allerdings noch lange nicht zu Ende. Romney kann sich nach diesem Mittwochabend in Denver nach einigen Wochen miserabel gelaufenen Wahlkampfes wieder voll und ganz im Spiel fühlen. Und jene, die ihn - vor allem in Europa - schon abgeschrieben haben und nun Obama auf der Verliererstraße sehen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass US-Wahlkämpfe nicht aus sind, bevor tatsächlich gewählt ist.

"Uphill battle"

Die Frage aber bleibt, ob die gute Performance neben Romneys Selbstbewusstsein auch seinen Umfragewerten Flügel verleihen wird. Ohne Zweifel: Er hat seinen Schwung wiedergefunden, aber ob der bis zum Ziel tragen wird, ist alles andere als sicher. Denn bis zum 6. November steht ihm das bevor, was die Amerikaner eine "uphill battle" nennen, einen schweren Kampf bergauf gegen einen trotz des jüngsten Ausfalls starken Gegner mit einer - und das ist noch viel wichtiger - noch stärkeren Wahlkampfmaschine in der Hinterhand.

Obamas Zentrale operierte in den US-Bundesstaaten zuletzt mit rund 100 lokalen Wahlkampfteams, bei Romney waren es deren 30. Das vor allem ist der Grund dafür, dass der Präsident, der sich in den nationalen Umfragen bisher nie wirklich von seinem republikanischen Herausforderer absetzen konnte, in den meisten relevanten Bundesstaaten führt. Und dort, in "Swing-States" wie Ohio, Florida oder eben Colorado werden die Wahlen im amerikanischen Elektoren-System gewonnen.

TV-Duelle

Nachhaltig wäre die Leistung Romneys erst, wenn seine Werte auch dort besser würden. Denn er hat erst dann eine realistische Chance auf einen Sieg im November, wenn er die meisten der insgesamt zehn umkämpften Swing-Staaten gewinnt. Dass das tatsächlich eintreten könnte, ist eher unwahrscheinlich. Politologen haben seit 1988 insgesamt 16 TV-Duelle verglichen und die Meinungsumfragen danach ausgewertet. Die durchschnittlichen Schwankungen lagen bei etwa einem Prozent zugunsten des Gewinners des ersten TV-Duells. Nur John Kerry gewann 2004 gegen George W. Bush 2,3 Punkte dazu, verlor die Wahl aber letzten Endes dennoch.

Daraus lässt sich auch ablesen, dass Obama eigentlich nur gegen sich selbst verlieren kann. Legt er nach Denver noch ein paar solcher müder und lustloser Auftritte hin, brächte er seine Wiederwahl ernsthaft in Gefahr.

Statt seinen "Hintern" höflich für Tritte seines Gegners zu präsentieren, wie es ein paar scharfzüngige Beobachter in Washington zuletzt formulierten, wäre ein Präsident in der Offensive gefordert. Auch deswegen, weil er sich alle Mühe geben muss, seine eigene Wählerschaft aus dem Jahr 2008 noch einmal zu mobilisieren.

Soll das gelingen, dann muss er zumindest in Spurenelementen auch als jener Barack Obama antreten, der er 2008 war. Und nicht als Bodydouble eines politisch blutleeren Präsidenten, den der eigene Wahlkampf zu langweilen scheint. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 5.10.2012)

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