Stöger hält Verbot von Spielautomaten für sinnlos

4. Oktober 2012, 21:32
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Die Österreicher verjubeln jährlich 1,5 Milliarden Euro mit Glücksspiel und Wetten. Gesundheitsminister Stöger will mehr Spielsuchtprävention

Wien - Das Glück ist zwar ein Vogerl, aber welches, das weiß niemand. So vielfältig wie die gefiederte Fauna sind auch die Zugänge zum Glücksspiel. Magnus Lindkvist, Trendspotter und Zukunftsforscher aus Schweden, setzt beispielsweise schon beim Sammeln von Flugmeilen sein Pokerface auf. Andere suchen - in der Regel vergeblich - am Roulettetisch oder an Spielautomaten ihr Glück. Noch viel mehr Menschen werden am kommenden Sonntag versuchen, den mit fünf Millionen Euro gefüllten Dreifachjackpot bei Lotto 6 aus 45 zu knacken.

Die Österreicher verjubeln jährlich an die 1,5 Milliarden Euro, das ist also der Umsatz der Glücksspielbranche, der von den knapp 14,2 Milliarden Euro an Spiel- und Wetteinsätzen pro Jahr bleibt. Das Geschäft trotzt der Wirtschaftskrise mit stetig steigendem Wachstum. Gerade deswegen sorgen sich Psychologen und Ärzte um Menschen, die ein krankhaftes Spielverhalten an den Tag legen. Denn: "Spielsucht beginnt mit der Verfügbarkeit", stellte die Gesundheitspsychologin Malgorzata Zanki am Donnerstag beim interdisziplinären Symposium "Glücksspiel im Spannungsfeld der Interessen" fest.

Die Veranstaltung des Psychologen-Berufsverbandes und der Medizinischen Universität Wien erhielt durch die Teilnahme von Gesundheitsminister Alois Stöger (SP) auch einen politischen Drive - immerhin will sich die SPÖ kommende Woche bei einem Bundesparteivorstand auf eine einheitliche Richtung in Bezug auf das umstrittene kleine Glücksspiel (Automaten) einigen.

Mehr Prävention

Stöger sagte am Rande der Veranstaltung zum Standard, dass er für weitere Einschränkungen zugunsten der Suchtprävention eintrete. Von einem generellen Spielautomatenverbot halte er wenig, weil rigide Verbote allein nichts bewirken könnten. Wie berichtet, haben in Wien die jungen Sozialdemokraten der Sektion 8 durchgesetzt, dass nach Ablauf der Lizenzen für einarmige Banditen ab 2015 in der Bundeshauptstadt keine mehr erlaubt werden sollen.

Derzeit ist das Automatenspiel so geregelt: Nicht nur der Bund kann Lizenzen vergeben, sondern auch jedes Bundesland kann das kleine Glücksspiel erlauben - was derzeit nur in Wien, Niederösterreich, in der Steiermark und in Kärnten der Fall ist.

Laut Marktforscher Andreas Kreutzer ist das Automatengeschäft nach der Glücksspielnovelle 2010 um 16 Prozent eingebrochen. Im Vorjahr landeten aber immerhin noch 3,7 Milliarden Euro im Schlund der blinkenden Computer. Dem stünden Zuwächse von 18 Prozent bei Lotteriespielen (vor allem durch die zweite Wochenziehung bei EuroMillionen) und elf Prozent bei Umsätzen in ungeregelten Online-Platformen gegenüber.

Kreutzer glaubt nicht, dass ein Automatenverbot Spielsucht eindämmen könne. "Das wäre so, als würde ich Wein und Bier verbieten, Spirituosen dürften aber weiter verkauft werden." Was Doris Kohl, die Leiterin der Spielerschutzstelle im Finanzministerium, ganz anders sieht, man müsse schon hinterfragen, warum es für Automatenspiele einer stärkeren Reglementierung bedurfte. "Weil diese bisher fehlte."

Rund fünf Prozent der heimischen Bevölkerung zeigen ein problematisches Glücksspielverhalten. 0,4 Prozent aller Frauen und 0,9 Prozent der Männer gelten als spielsüchtig. Betroffene kämpfen neben ihrer Erkrankung auch mit der Stigmatisierung, die damit einhergeht. " Spielsucht wird von Außenstehenden häufig nicht als Krankheit, sondern als Faulheit oder gar als kriminelle Einstellung gesehen", so Gesundheitspsychologin Zanki.

Fastgewinn wie Gewinn

Aus den Niederlanden, wo Suchtforschung wesentlich höher dotiert ist als in Österreich, kommen neueste Erkenntnisse. Ein Fastgewinn, etwa wenn am Automaten gleiche Symbole in einer Reihe nur knapp verfehlt werden, werde im Belohnungszentrum des Gehirns wie ein tatsächlicher Gewinn gewertet. "Weil es ganz knapp war, überwiegt das positive Gefühl", so Anneke Goudriaan vom Institut für Suchtforschung in Amsterdam. Bei ausgeprägter Spielsucht gehe es nicht mehr um Geld oder Gewinn, sondern um die Sekunden zwischen Einsatz und Entscheidung. Die Wahrnehmungsfähigkeit soll betäubt werden - so wie bei Alkohol und anderen Suchtmitteln. (Michael Simoner, DER STANDARD, 5.10.2012)

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