Erinnerungslücken prägen UBS-Prozess

Der Ex-UBS-Händler Kweku Adoboli zeigt vor Gericht große Erinnerungslücken, sein früherer Chef und Ex-Kollegen ebenfalls

London - Ausweichen, leugnen, sich nicht so genau erinnern - was frühere und derzeitige UBS-Angestellte den Geschworenen des Krongerichts von Southwark erzählen, lässt das Londoner Investmenthaus der Schweizer Großbank, ja die gesamte City of London nicht sonderlich seriös aussehen.

Am Donnerstag wollte auch Christophe Bertrand keine Ausnahme machen: Dem Junior Trader am Delta One-Desk mochten Details aus der ersten Jahreshälfte 2011 kaum noch einfallen. An jenem Septembertag, als Bertrands unmittelbarer Tischnachbar Kweku Adoboli per E-Mail einen Verlust von 2,25 Milliarden Dollar einräumte, habe er ahnungslos weitergearbeitet: "Ich hörte am nächsten Morgen zum ersten Mal davon", sagte Bertrand.

Betrug und falsche Bilanzierung vorgeworfen

Adoboli (32) steht seit vier Wochen wegen zweifachen Betrugs und zwei Fällen von vorsätzlich falscher Bilanzierung vor Gericht. Laut Anklage-Vertreterin stand der bei Kollegen und Vorgesetzten beliebte, als belastbar und kompetent geltende Trader mit seinen Milliarden-Wetten auf diverse Aktien-Indizes "kurz davor, die Existenz der Bank zu riskieren". Dazu bediente sich Adoboli eines nicht genehmigten Kontos, auf dem er zwischenzeitliche Verluste und Gewinne parkte, um sie bei Gelegenheit in seine offiziellen Tagesbilanzen einzuträufeln.

Das "Regenschirm" genannte System, das haben die Zeugenvernehmungen ergeben, war keineswegs das Geheimnis des jungen Ghanaers, den die Bank und die Anklage gern als "rogue trader" (Schurken-Händler, Anm.) abtun möchten. Die unmittelbaren Kollegen der Abteilung wussten nicht nur vom Schirm. Adobolis Vorgesetzter John Hughes musste auch einräumen: Er hatte den Regenschirm selbst aufgespannt.

Keine Erinnerung an Krisentreffen

Bis der langjährige UBS-Mann Hughes (30) seine Beteiligung endlich einräumte, vergingen drei Tage eines teils munteren, teils schwer erträglichen Kreuzverhörs durch Adobolis Verteidiger Charles Sherrard. Hughes mochte zunächst nicht einmal bestätigen, dass ihm die Funktion des Aufsicht führenden Traders am Desk zukam. Dass sein letztes UBS-Jahreseinkommen 2010 deutlich über Adobolis (453.000 Euro) gelegen hatte, dass er die Deals des jeweiligen Tages abgezeichnet hatte - all dies versuchte Hughes als unbedeutend abzutun. Ein Krisentreffen des Quartetts in einer Filiale der Gastronomie-Kette All Bar One, zwei Tage vor Adobolis Selbstbezichtigung? "Daran kann ich mich nicht erinnern."

Da ging es Hughes ähnlich wie Bertrand und dem Vierten im Bunde, Simon Taylor - alle wurden von Sherrard nach dem konspirativen Treffen gefragt. "Sie haben Adoboli gesagt, sie würden ihn im Stich lassen", behauptete der Verteidiger. Der Beschuldigte jedenfalls vertraute sich am gleichen Abend seiner Freundin an: "Die Jungs haben mich verraten und verkauft."

Dass die Solidarität unter Kollegen nicht gerade weitverbreitet ist in der City, wusste man schon bisher. Spannende neue Einblicke vermittelte Taylors Befragung in anderer Hinsicht: Der Investmentbanker bestätigte seinen Eindruck, dass private Wetten unter den Zockern der Finanzindustrie weitverbreitet sei: "Das habe ich so verstanden." Adoboli stand also keineswegs allein - der Angeklagte hatte auf einem privaten Wettkonto weit über hunderttausend Pfund verloren und überbrückte seine Geldknappheit mit kurzfristigen Anleihen bei Kredithaien. Taylor hingegen beließ es beim spekulativen Geschäft. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 5.10.2012)

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