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Warum "Digitalisierung" für die ÖNB nicht ausreicht

Wien - Das imposanteste Modell einer frei zugänglichen Bibliothek stammt von Jorge Luis Borges. Die Erzählung Die Bibliothek von Babylon steht bestimmt auch, abgegriffen und zerlesen, in einem Regalfach der Österreichischen Nationalbibliothek. Der Argentinier Borges (1899-1986) illustriert in seinem berühmten Text die Idee zu einer Bücherei, in der sämtliche denkbaren Bände im Vorhinein enthalten sind. Das gesammelte Weltwissen füllt einen Gebäudekomplex aus, der aus einem merkwürdig planvollen Gewirr aus Galerien, Stiegen und Gängen besteht. Ihrer Anlage nach ist diese Bibliothek unendlich.

Man könnte sagen, Borges habe mit großer Entschiedenheit jenes Problem gelöst, das ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger besonders schwer im Magen liegt. Rachinger fürchtet, unter Hinweis auf Geld- und Platzprobleme, die potenzielle Ewigkeit jeder Sammlungstätigkeit. Sie tat unlängst kund, sie wolle vom lückenlosen Erwerb physischer Bücher Abstand nehmen. Die ÖNB werde in Zukunft nur noch E-Books sammeln. Die dafür notwendige Novelle des Mediengesetzes scheint bloß eine Frage des günstigen Augenblicks. Im Übrigen basteln die staatlichen Bibliothekare bereits an der digitalen Vernetzung der ihnen anvertrauten Schätze. Die Staublungen der Väter, die früher verzogene Leitern erklommen und unverdrossen Bücher in Regale schlichteten, gelten nach dieser Logik nichts.

Borges' fantastische Erzählung entstand 1941. Zu diesem Zeitpunkt setzten sich die ersten Turingmaschinen, die Vorläufer unserer Computer, gerade in Bewegung. Nichts altert rascher als die jeweils neueste Technologie. Der beflissene Hinweis auf die enormen Speicherkapazitäten unterschlägt die Mühsal, gehortetes Wissen vom einen Trägermedium auf das nächste zu übertragen. Im Wettlauf der Dienst- und Lebensalter drückt sich sogar im Bereich der Hochtechnologie die Hoffnung auf immerwährende Jugend aus. Dem Vertrauen auf die Digitalität aber liegt schlechte Metaphysik zugrunde.

Zur Löschung der Datenbanken braucht es keine Brandstiftung. Der Brand der Bibliothek von Alexandria beruht auf einer Legende. Trotzdem fielen ihm große Teile des antiken Weltwissens spurlos zum Opfer. Heutigentags reicht das Veralten von Abspielgeräten aus, um wie der Affe hilflos vor der Konservenbüchse zu sitzen. Es stimmt unbehaglich, den Zugang zur Schrift einer - wenn auch hochqualifizierten - Schar von Experten zu überlassen.

Auf das Buch wollte Jorge Luis Borges keinesfalls Verzicht leisten. Das Buch ist aber eben auch mehr als ein Trägermedium. In ihm, seiner beliebig strapazierbaren Form, konzentriert sich die ganze Autorität einer Technik, die im geduldigen Entziffern eines Textes ihre religiöse Herkunft verrät. Herkömmliche Schriftgelehrsamkeit besteht im Buchstabieren. Bücher sind Ableger. Ihre Ahnenreihe führt zurück zum " Buch der Bücher". Von dieser Abkunft zehrt ihre nicht geringe Autorität. Am Anfang aber "war das Wort". Es hat nicht das Geringste mit ehrfürchtiger Religiosität zu tun, wenn man auf diesen Zusammenhang von Schriftgläubigkeit und Überlieferung hinweist.

Zweck und Schönheit

Johanna Rachinger hat versprochen, der Sammlung der ÖNB weiterhin Bücher einzuverleiben, deren äußere Form einen "haptischen" Mehrwert erkennen lässt. Leider aber liegt noch der Idee der bibliophilen Ausstattung der Gedanke der Zweckmäßigkeit zugrunde. Bücher sind in aller Regel nicht um ihrer selbst willen "schön", sondern lenken umso bedachtsamer das Augenmerk auf den Schriftsinn.

Design ist ein Mittel, um Inhalt zu erfassen. Wer je über den jammervollen Zeilenumbruch von Gedichten in E-Books gestöhnt hat, weiß, was gemeint ist. Zur Fron der Sammeltätigkeit zeichnet sich weit und breit keine überzeugende Alternative ab. Das wusste keiner besser als der Bibliomane Borges. Er war übrigens mit fünfzig blind.  (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.10.2012)

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