Venezuela: Der Glanz des Chavismo ist verblasst

5. Oktober 2012, 05:30
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Vierzehn Jahre lang galt er als unschlagbar. Am Sonntag steht Venezuelas Präsident Hugo Chávez eine Schicksalswahl bevor. Oppositionskandidat Henrique Capriles Radonski hat seriöse Siegesschancen

Während Amtsinhaber Hugo Chávez zuletzt in der Wählergunst stagnierte, verzeichneten die Umfragen steten Zuwachs für seinen jugendlichen Herausforderer Henrique Capriles Radonski. Inzwischen liegt der Einheitskandidat der bürgerlichen Opposition fast gleichauf mit Chávez, der noch jüngst verkündete, es sei unmöglich, dass die Oligarchie gewinne, dies bedeute Bürgerkrieg.

Doch dann strömten hunderttausende zur Abschlusskundgebung von Capriles auf die zentrale Avenida Bolívar in Caracas - einst Bastion des Chavismo - und feierten den 40-jährigen Anwalt wie einen Messias. "Ich habe früher immer Chávez gewählt, aber nun habe ich die Nase voll", sagt der Autolackierer José Luis Caicedo (42), der in einem Armenviertel am Stadtrand wohnt. "Die Sozialprogramme funktionieren nicht, Straßen, Krankenhäuser, alles vergammelt, und die Regierung wirft nur mit Beleidigungen um sich, statt etwas zu tun."

Der Glanz der Revolution ist verblasst nach Jahren der Misswirtschaft und Korruption. Vor allem aber durch die Krebserkrankung ihrer Galionsfigur Chávez, der dadurch zu einem virtuellen Wahlkampf per TV gezwungen wurde. Aufgedunsen, mit steifem Bein, rhetorisch schwankend zwischen grobschlächtigen Beleidigungen seines Gegners, kommunistischer Propaganda und sentimentalen Kindheitsbetrachtungen, fand der 58-Jährige nicht mehr zur Hochform zurück.

Währenddessen reiste der vitale Capriles unermüdlich von Ort zu Ort, absolvierte Hausbesuche, hielt Meetings ab und verbreitete Aufbruchstimmung. "Es gibt einen Weg", lautet sein Motto. Was selbstverständlich suggeriert: einen besseren abseits der Revolution. Die Sozialpolitik will der Mitte-links-Politiker beibehalten, doch ohne ideologische Verpackung und politischen Klientelismus. Vor allem verspricht er Effizienz, Transparenz und Pragmatismus beim Lösen von Problemen wie der galoppierenden Kriminalität, dem Arbeitsplatz- und Wohnungsmangel.

Aufblasbarer Chávez

Doch nicht alle glauben den Versprechungen. "Wenn die Opposition gewinnt, ist hier Schluss mit allen Sozialprogrammen, und wir Chavistas werden umgebracht", sagt der Stadtteilaktivist und lokale Chef der Chávez-Partei PSUV, Joel Capriles (52). In seinem dicht besiedelten Armenviertel in Catia im Westen von Caracas hat er alle Wahlplakate von Capriles persönlich entfernt. An der Zufahrt thront ein überlebensgroßer, aufblasbarer Chávez.

Der Familienvater lebt seit Jahren in einer abbruchreifen Hütte. Die versprochene Sozialwohnung hat er noch nicht bekommen, und das geplante Schulgebäude steckt im Bürokratiesumpf fest. Aber das ficht ihn nicht an. Hinter den Widrigkeiten steckten Konterrevolutionäre oder Chavistas ohne revolutionäres Bewusstsein.

339.000 Wohnungen baute Chávez in 13 Jahren - weniger als sämtliche Vorgänger. Im Vorjahr legte die Regierung kräftig nach: Mithilfe russischer und chinesischer Techniker wurden vor allem in der Hauptstadt eilig Wohntürme aus der Erde gestampft und von Chávez übergeben - live im Fernsehen übertragen. Nicht immer waren die Bauten Tropenstürmen gewachsen, manche hatten zu wenig Trinkwasser oder keine Parkplätze.

Aber Korruption und Improvisation haben im Erdölstaat Tradition, und Realitäten stehen ohnehin nicht wirklich zur Debatte am Sonntag. Es geht vor allem um Emotionen. "Ich bin heute wer und werde ernst genommen, das lasse ich mir nicht nehmen", sagt Joel Capriles. "Wenn Chávez noch einmal gewinnt, muss ich auswandern, um nicht depressiv zu werden", sagt der Architekt Jorge Quevedo. Egal, wie das Ergebnis am Sonntag ausfällt - das Land bleibt polarisiert. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 5.10.2012)

  • Amtsinhaber Hugo Chávez macht nicht nur seine Krebserkrankung zu schaffen.
    foto: epa/miguel gutierrez

    Amtsinhaber Hugo Chávez macht nicht nur seine Krebserkrankung zu schaffen.

  • Herausforderer Henrique Capriles Radonski verspürt Aufwind.
    foto: reuters/isaac urrutia

    Herausforderer Henrique Capriles Radonski verspürt Aufwind.

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