Agentur für Ernährungssicherheit kritisiert "Genmais"-Studie

4. Oktober 2012, 17:31
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Erste Abschätzung durch Experten der EU-Agentur - Schwere methodische Mängel

Parma/Brüssel - Die Europäische Agentur für Ernährungssicherheit (EFSA) in Parma (Italien) hält eine französische Untersuchung zu den Wirkungen des Gentechnik-Mais NK 603 des US-Konzerns Monsanto für inadäquat und nicht aussagekräftig. Das teilte die EFSA am Donnerstag in einer Aussendung zu den Ergebnissen einer vorläufigen Analyse fest. Die Studie sei mit schweren methodischen Schwächen behaftet, hieß es.

Französische Wissenschafter um Gilles-Eric Seralini hatten Ratten zwei Jahre lang mit NK 603 bzw. mit anderem Mais gefüttert. Die mit dem Mais gefütterten Nager hätten häufiger Krebs entwickelt und seien früher gestorben, hatten die Wissenschafter in ihrer Veröffentlichung festgestellt. NK 603 ist gegen das Unkrautvernichtungsmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat resistent. Seit 2005 ist es in der EU auch für Lebensmittel zugelassen. Die Studie hatte weltweit für Aufsehen gesorgt.

Bedenken

Die EFSA allerdings hat große Bedenken. Dies gilt vor allem für die von den französischen Forschern verwendete Methodik. Per Bergmann, der die Arbeiten geleitet hat: "Manche Menschen mögen überrascht sein, weil sich das Statement der EFSA mehr zu der Methodik als zu den Resultaten äußert. Das aber geht an den Grund der Dinge. Wenn eine Studie durchgeführt wird, ist es essenziell, dass dabei die richtigen Rahmenbedingungen gegeben sind."

Das sei unter anderem aus folgenden Gründen nicht der Fall gewesen:

- Der verwendete Rattenstamm sei an sich schon dafür anfällig, innerhalb seiner zwei Jahre betragenden durchschnittlichen Lebenserwartung Krebs zu entwickeln. Damit könne das Ergebnis (Krebsentstehung) auch dadurch bedingt sein.

- Es gab zehn verschiedene Gruppen von Tieren und nur eine Kontrollgruppe.

- Das Protokoll (Durchführungsplan) für die Studie entsprach nicht dem internationalen Standard, der auch von der OECD vorgegeben wird.

- "Für eine Studie dieser Art verlangen die OECD-Richtlinien die Verwendung von mindestens 50 Ratten pro Gruppe. Seralini und die Co-Autoren verwendeten nur zehn Nager pro Gruppe." Die geringe Zahl an Versuchstieren sei ungeeignet, beim Auftreten von Tumoren zwischen Zufall und Wirkung des Futters zu unterscheiden.

- Die Wissenschafter hätten nicht - wie sonst bei solchen Studien - am Beginn jene Fragen formuliert, welche die Untersuchung beantworten sollte.

- Es sei unmöglich, die Exposition der Versuchstiere mit NK 603 zu bewerten, da die Menge des aufgenommenen Herbizids nicht klar erkennbar sei.

- Es seien keine sonst üblichen und etablierten statistischen Analysemethoden verwendet worden.

Die Arbeit der EFSA - so die Aussendung - geht weiter. Bis Ende Oktober soll es zu einer tieferen Analyse kommen. Dabei sollen auch zusätzliche Informationen von den Studienautoren, der EU-Mitgliedsstaaten und von deutschen Herbizid-Experten eingearbeitet werden. In der EU ist Deutschland für die Bewertung des Herbizids zuständig. Deutsche Biologen hatten schon unmittelbar nach Publikation der Studie ähnliche Argumente wie die EFSA geäußert.

Studienautor lehnt Übergabe von Daten ab

Gilles-Eric Seralini will der EFSA keine zusätzlichen Daten über seine Forschung zur Verfügung stellen. Vielmehr müsse die EFSA ihre Daten veröffentlichen, auf deren Grundlage die Behörde den Gentechnik-Mais NK603 und das Pestizid Roundup als unbedenklich einstufte, sagte Seralini am Donnerstag. Es sei "ein Skandal", dass die EFSA ihre Daten geheimhalte.

Die Behörde hatte Seralini aufgefordert, "wichtige zusätzliche Informationen" offenzulegen, um diese bis Ende Oktober in eine umfassendere Bewertung der Studie einbeziehen zu können.

Dem will Seralini nicht nachkommen: "Wir werden ihnen nichts geben", sagte der Professor für Molekularbiologie. Zusätzliche Informationen sollten der Öffentlichkeit aber zugänglich gemacht werden, sobald die EFSA dies mit ihren Daten getan habe. Die EFSA müsse auch die Daten offenlegen, auf deren Grundlage andere genveränderte Pflanzen als unbedenklich eingestuft wurden, forderte Seralini. (APA, derStandard.at, 4. 10. 2012)

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    Unter Beschuss: Gilles-Eric Seralini

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