Iran: Der Sessel des Präsidenten könnte wackeln

4. Oktober 2012, 18:45
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Demonstrationen in Teheran gegen die Wirtschaftspolitik - und gegen Allianz des Iran mit Syrien


"Eine Unterschrift von mir, ich trete zurück, und die Sache ist erledigt, wenn euch das beruhigt", hatte Mahmud Ahmadi-Nejad am Dienstag bei seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Rückkehr aus den USA gesagt, als er mit kritischen Fragen der Journalisten über die Abwertung der iranischen Währung konfrontiert wurde. Laut dem iranischen Präsidenten ist der Rial nicht aufgrund der Sanktionen so schwach: Er werde von einer "Währungsmafia" angegriffen, die es zu bekämpfen gelte.

Die Äußerungen Ahmadi-Nejads wurden am nächsten Tag von fast allen Zeitungen kritisiert und beschleunigten den Abwärtstrend des Rial, was vor allem die Basaris und die Mittelschicht unter Druck setzt. Das brachte am Mittwoch tausende Basarverkäufer im Süden Teherans auf die Straße. In anderen Städten kam es ebenfalls zu kleineren Demonstrationen. Nach einer langen Zeit der Ruhe herrschte in Teheran wieder Ausnahmezustand, es gab auch Verhaftungen.

Im Gegensatz zu den Protesten nach der umstrittenen Wiederwahl Ahmadi-Nejads vor drei Jahren begannen diesmal die Demonstrationen nicht im Norden der iranischen Hauptstadt, sondern in deren Süden, von dem nicht zuletzt wegen der Bevölkerungsdichte und des Großbasars immer alle Umwälzungen im Iran ausgegangen sind. Auch die ersten Demonstrationen gegen den Schah vor 34 Jahren begannen hier, was nun die Opposition neue Hoffnung schöpfen lässt.

Die Demonstranten beschränkten ihre Forderungen aber nicht auf innenpolitische Themen, sondern forderten die Regierung auf, die Zusammenarbeit mit dem Regime in Syrien einzustellen. "Unfähige Regierung, denk an uns und lass Syrien in Ruhe", war ein Slogan der Demonstranten.

Am Donnerstag berichteten fast alle Zeitungen im Gegensatz zu früher über die Proteste, wenn auch kurz und ohne das Ausmaß und die Forderungen zu erwähnen. Die Medien machten wie üblich die Gegner der Islamischen Republik verantwortlich. Das anhaltende wirtschaftliche Chaos setzt die iranische Führung so sehr unter Druck, dass sie durchaus bereit scheint, einen Sündenbock zu präsentieren, dem die Probleme zugeschrieben werden können. Ahmadi-Nejad bietet genug Angriffsfläche, um neun Monate vor seiner Amtsübergabe geopfert zu werden. (N. N.*, DER STANDARD, 5.10.2012)


*Der Name des Autors wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt.

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    Ein Teheraner Feuerwehrmann löscht ein Motorrad, das bei den Protesten in Flammen aufgegangen ist.

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