Melancholische Versprechen

4. Oktober 2012, 17:26
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Eine Regel hat Barack Obama jedenfalls ignoriert: Das TV ist ein gnadenloser Verstärker nonverbaler Kleinigkeiten

Schön, dass ORF III wach blieb und des Nachts live übertrug, was Barack Obama und Mitt Romney einander zu flöten hatten. Schön auch, dass die ZiB 9 Stretching betrieb und sich auf etwa 18 Minuten dehnte. Zu Beginn gab es Miniausschnitte aus der Präsidentschaftsdebatte plus Kurzanalyse von An dreas Pfeifer. Nach anderen Ereignissen (die Welt und Kärntner Gerichtsurteile betreffend) dann die Vertiefung: achtminütige Zusammenfassung mit angehängter Langanalyse.

Pfeifer sah Obama in der Defensive und den Herausforderer offensiv. War alles stimmig und nachvollziehbar. Eigentlich aber reichte das Schlussstatement von Obama, um zu erkennen, warum bei einer CBS-Umfrage 67 Prozent glaubten, Romney hätte gewonnen, und nur 25 Prozent einen Obama-Triumph konstatierten. Wobei es nicht Obamas Worte waren: "Vor vier Jahren habe ich gesagt, dass ich nicht perfekt bin. Aber ich versprach auch, jeden Tag für den Mittelstand zu kämpfen - dieses Versprechen habe ich gehalten. Wenn Sie mich wählen, verspreche ich, in der zweiten Amtszeit genauso hart zu kämpfen." In Ordnung.

Die mimische Begleitmusik jedoch! Obama presste in Sekundenpausen die Lippen zusammen, als würde er gleich Tränen vergießen. Bedauernd blickte er in die Kamera, es umflorte ihn eine zarte Melancholie, die eine meeresblaue Krawatte noch verstärkte. Der frisch wirkende Romney trug indes aggressives Rot und lief nicht zur Pannenform auf. Vielleicht war das nur ein versandeter Versuch, staatsmännisch zu bleiben und sich einiges für die nächsten Debatten aufzuheben. Eine Regel hat Obama jedenfalls ignoriert: Das TV ist ein gnadenloser Verstärker nonverbaler Kleinigkeiten. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 5.10.2012)

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    er frisch wirkende Romney trug indes aggressives Rot.

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