"Das ist ein vollkommen absurdes System"

Interview | Thomas Trenkler
4. Oktober 2012, 18:16
  • Ab dem Sommer 2013 gemeinsam im alten WU-Gebäude: Eva Blimlinger und Gerald Bast.
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    Ab dem Sommer 2013 gemeinsam im alten WU-Gebäude: Eva Blimlinger und Gerald Bast.

Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste, und Gerald Bast, Rektor der Angewandten, über mangelnde Budgets, Bauvorhaben und Fusionsgerüchte

STANDARD: Die Wirtschaftsuniversität soll im Sommer 2013 in den Prater übersiedeln. Geplant ist, dass die beiden Kunstunis die alte WU als Ausweichquartier nutzen. Denn die Akademie wird generalsaniert, die Angewandte um- und ausgebaut. Stimmt der Zeitplan noch?

Bast: Ich denke, schon. Wir hören sowohl von der Bundesimmobiliengesellschaft als auch vom Rektor der WU, sie seien voll im Plan.

STANDARD: Ist die gemeinsame Zeit in der WU, etwa drei Jahre, der Probegalopp für eine Fusion?

Blimlinger: Nein. Fusionen kosten mehr Geld, als sie bringen. Das Nawi Graz, eine gemeinsame Einrichtung der Uni Graz und der TU Graz, braucht viel mehr Mittel als die einzelnen Einrichtungen vorher. Hinter Fusionsabsichten steht doch immer die Ansicht, dass es zu viel Personal gibt, das nix tut und besser eingesetzt werden könnte - Synergieeffekte heißt das dann. An der Akademie sind wir aber mit unserem Personal am absoluten Limit.

Bast: Wir an der Angewandten auch. In Paris gibt es zehn Kunsthochschulen, in Wien nur drei. Dabei ist Paris mit 2,2 Millionen Einwohnern nicht viel größer als Wien. Zuletzt wurde die Zusammenlegung von den Freiheitlichen in der schwarz-blauen Koalition gefordert. Damals war das ein Ausdruck der Verachtung der Kunst. Man hat sich nicht zu sagen getraut, dass man die Kunstuniversitäten abschaffen soll - und daher die Zusammenlegung vorgeschlagen. Aber wer will heutzutage eine Fusion? Und warum wird immer nur über die Zusammenlegung von zwei kleinen Kunstuniversitäten geredet?

Blimlinger: Warum diskutiert man nicht zum Beispiel die Zusammenlegung von Bodenkultur und Veterinärmedizin? Weil auch sie sinnlos ist.

STANDARD: Wäre es nicht möglich, dass der Staat eine Art Zweimarkenstrategie fährt - wie ein Waschmittelhersteller? Also: Es gibt zwei Häuser mit unterschiedlichen Profilen, aber nur eine Verwaltung.

Blimlinger: Wie gesagt: Das würde keine einzige Stelle einsparen. Kooperationen gibt es ja unentwegt. Es ist ja nicht so, dass die Akademie und die Angewandte nichts miteinander zu tun haben. Die Studierenden nehmen beide Angebote wahr.

Bast: Es gibt in vielen Bereichen, in der Forschung und in der Lehre, Zusammenarbeit. Die IT-Abteilungen haben kürzlich ein gemeinsames Projekt zu Erneuerung der Infrastruktur eingereicht. Das Ministerium finanziert es mit einem respektablen Betrag.

Blimlinger: Wir kooperieren bei der Ausbildung der Kunstpädagogen und -pädagoninnen. Da gibt es übrigens einen erhöhten Bedarf: Es gibt zu wenige geprüfte Kunsterziehende. Wir haben dem Ministerium Vorschläge unterbreitet.

STANDARD: Aber die Kindergärtnerinnen und Volkschullehrerinnen wollen Sie nicht ausbilden?

Blimlinger: Wir bilden alle aus, wenn man uns Geld dafür gibt.

Bast: Und wenn der Gesetzgeber die Grundlage dafür schafft. Derzeit sind dafür die pädagogischen Hochschulen zuständig - und die werden eben vom Unterrichtsministerium finanziert. Aber unsere Bereitschaft und vor allem die Kompetenz sind vorhanden. Doch wir sollten nicht länger über Fusionsgespinste reden. Denn sie lenken von den wirklichen Problemen ab.

STANDARD: Die da wären?

Bast: Die totale Zersplitterung der Forschungslandschaft. Es gibt in zahlreichen Bundesministerien Forschungsabteilungen. Es gibt den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und die Forschungsförderungsgesellschaft. Da könnte man wesentlich mehr Synergieeffekte erzielen als bei einer sinnlosen Zusammenlegung von zwei kleinen Kunstuniversitäten. Ein weiteres Problem ist: Warum sind die Universitäten nicht ausfinanziert?

STANDARD: Sie beide verhandeln gerade über die Leistungsvereinbahrung für die nächsten drei Jahre. Sind Sie mit dem Budgetangebot des Ministeriums zufrieden?

Blimlinger: Nein, denn es deckt nicht die Kosten für den laufenden Betrieb. Der Bund rechnet mit Inflationsraten von einem Prozent. Die Gehaltserhöhungen sind aber erfahrungsgemäß wesentlich höher. Das würde bedeuten, dass wir im dritten Jahr radikale Kürzungen vornehmen müssten. Und wir könnten nicht die Programme realisieren, zu denen wir verpflichtet werden. Das Angebot muss daher erhöht werden.

Bast: Ex-Forschungsministerin Beatrix Karl hat vor zwei Jahren damit gerechnet, dass die Unis pro Jahr 250 Millionen Euro mehr brauchen - für die Inflationsabgeltung. Wir Rektoren sind auf 300 Millionen gekommen. Und jetzt sind nur 100 Millionen pro Jahr vorgesehen. Dass sich das nicht ausgehen kann: Das weiß jeder.

STANDARD: Der Staat hebt das Budget nur gering an, die BIG aber erhöht die Mieten ordentlich. Ist das akzeptabel?

Blimlinger: Nein. Wir hatten, wie alle anderen Universitäten in BIG-Gebäuden, heuer eine Erhöhung der Mietkosten um fünf Prozent und der Betriebskosten um mehr als zehn Prozent. Das war nicht durch unsere Budgets gedeckt. Es ist tatsächlich sonderbar: Das Wissenschaftsministerium erhält das Geld vom Finanzministerium und gibt es den Unis. Die Universitäten geben es der BIG. Und der Staat lukriert von der BIG die Gewinne. Das ist ein vollkommen absurdes System, von dem nur die Banken profitieren.

Bast: Hinzu kommt noch etwas: Wenn man bei den Massenstudien die Budgets durch die Zahl der Studierenden dividiert, erhält man erschreckend niedrige Zahlen. Sie sind eine internationale Schande. Mit der Universitätsmilliarde will man jetzt die strukturellen Probleme der Unterfinanzierung lösen. Aber das wird nicht gelingen. Auch dann nicht, wenn man Geld von den kleineren Universitäten abzieht und zu den größeren schiebt. Das Einzige, was man damit erreicht: dass man die kleineren Universitäten, die noch gut funktionieren, kaputtmacht. Es braucht aber einen massiven Ausbau der Kunstunis.

STANDARD: Warum eigentlich?

Bast: Wir sind in einem finanzökonomischen Tunnelblick gefangen und finden daher keinen Ausweg aus der Krise. Die Kunstunis aber bieten andere, neue Zugänge. Die EU weist immer wieder darauf hin, dass wir eine "creative union" sein müssen. Die "creative skills" werden im 21. Jahrhundert entscheidend sein. Und wir an den Kunstuniversitäten können sie vermitteln. Es müsste daher eine Schwerpunktsetzung für den Kreativsektor geben. Und eine sinnvolle Hochschulpolitik müsste die Kunstunis ausbauen.

Blimlinger: Wir hatten heuer an der Akademie 1.600 Bewerbungen. Aufgrund unserer begrenzten Ressourcen konnten wir nur 20 Prozent aufnehmen - obwohl weit mehr qualifiziert wären.

STANDARD: Ihr Vorgänger meinte, es schaffen ohnedies nur drei Prozent der Absolventen in den Kunstmarkt.

Blimlinger: Es schaffen auch nur wenige Juristen an die Spitze eines Unternehmens. Man sollte sich von der Idee verabschieden, den Beruf auszuüben, den man studiert hat. Aber darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, welche Fähigkeiten ich beim Studium entwickle. Und die kann ich dann in vielen Bereichen einsetzen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 5.10.2012)

Gerald Bast (57) ist seit 2000 Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, davor war der Jurist Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium.

Eva Blimlinger (51) ist seit 2011 Rektorin der Akademie der bildenden Künste. Davor war sie unter anderem Koordinatorin der Historikerkommission der Republik.

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Die Juristerei ...

… ist apriori auch nicht das Studium, um an die Spitze eines Unternehmens zu kommen. Hat sich früher oft so ergeben, mittlerweile dürften aber doch mehr Betriebswirte als Juristen in der Unternehmensführung unterwegs sein.
Juristen kommen noch viel zahlreicher und dabei ausbildungsadäquater in Anwaltskanzleien, Notariaten, Gerichten, in der Verwaltung oder auch in den RECHTSABTEILUNGEN der Unternehmen unter.
Man könnte also analog auch sagen, dass es nur wenige Künstler an die Spitze von Unternehmen schaffen.

Die "creative skills" werden im 21. Jahrhundert entscheidend sein.

Finde ich auch: Blasen wir die MINT Initiative ab, schicken wir Faymann und Spindelegger in einen Malkusrs und alles wird gut!

"Dabei ist Paris mit 2,2 Millionen Einwohnern nicht viel größer als Wien"

.
stimmt.

Paris und Wien sind fast gleich groß.

so wie Rio de Janeiro und Stuttgart ...

Ja, ziemlich lächerliche Aussage

Wenn die Gemeindegrenzen in Wien nach französischem Vorbild gezogen wären, würde Wien am Gürtel enden und alles außerhalb wären eigenständige Gemeinden.

Hat jemand Zahlen, wie viele Einwohner Wien innerhalb des Gürtels hat?

Die Rektorate der Angewandte und der Bildenden zusammen: 2 RektorInnen, 5 VizerektorInnen, ca. 15 weitere MitarbeiterInnen. Absolute Verschwendung. Die Uni Wien administriert mit einer kleineren Rektoratsebene 27 Mal mehr Studierende und x mehr Wissenschaftler. Da ist ein Moloch entstanden. (BTW: Die Uni für Musik gibt es ja auch noch...!)

Tschuldigung, aber mit einer Aussage à la "Paris hat 2,2 Mio Einwohner" disqualifiziert man sich für den Rest des Interviews vollkommen!

Die Stadt Paris ist so groß. Siehe dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Paris . Das administrativ zur Stadt Paris gehörende Gebiet hat 2.246.995 Einwohner (Zensus Januar 2011), in der städtischen Siedlungszone (Unité urbaine) leben 10.354.675 Menschen (Zensus Januar 2008)[2] und in der gesamten Metropolregion 12.089.098 Menschen (Zensus Januar 2008). Die außerhalb der Ringautobahn liegenden Vororte der Banlieue sind verwaltungsrechtlich selbstständig.

der ballungsraum Paris hat also 12 millionen einwohner.

und der ballungsraum Wien:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ball... sraum_Wien

naja, also eh fast gleich groß .... ;o)

zusammenfassen der standorte und exposituren halte

ich für einen wesentlichen schritt zur reform der studien und des anbieters.
warum müssen die einzelnen institute so verstreut sein 1 hauptgebäude, 11 exposituren, kunstsammulung und archiv auf 2 orten, studio urban strategies auf einem.
Dass das horrende kosten hervorrufen wird, ist ja wohl klar.
blimlinger verstehe ich auch nicht ganz - auf der eigenen homepage ist folgendes zu lesen: Der Lehre und Forschung an der Akademie stehen fünf Gebäude, insgesamt 33.500 qm, zur Verfügung. Alle Bereiche verfügen über hochkarätig ausgestattete Labore, Werkstätten und Ateliers. Das Videostudio, sowie das Soundstudio gehören zu den besten Produktionsstätten dieser Art in Österreich.
also wos jetzt?

Alle diese Dinge wurden Jahre lang erkämpft, auf- und ausgebaut. Warum jetzt also das Budget so zusammenkürzen dass keine Lehre mehr möglich ist?

Klar braucht man viele Exposituren wenn das Haupthaus so klein ist.
Die Gemäldegalerie ist ja auch im Gebäude untergebracht. Wo soll dann auch noch Platz für ein Archiv sein?
Die Josefsgasse wurde z.B. schon aufgelöst und das Institut in die Karl-Schweighofer Gasse übersiedelt.
Das Semperdepot steht auch immer wieder auf der Kippe nur die BIG kann auch keine Sinnvolle Alternative anbieten. Die Betriebskosten dort sind sowieso eine Frechheit.
Warum nicht die Gebäude den Universitäten übergeben bzw. die kostenlose Verwaltung von der BIG durchführen lassen?

na weil das werbung fürs eigne haus sein muss

wer wird schon auf seiner homepage klagen, dass er absolut überlastet ist, nirgends ein platz, das/die gebäude desolat und das personal an der äußersten belastungsgrenze! welcher junge künstler bewirbt sich dann noch dort?

zu früh geredet ist schließlich auch gestorben

wenn sie es noch lange herbeireden, dann werden sie die fusion auch kriegen. ja - es sind zwar die kosten eines studis an der massenuni erschreckend niedrig, wenn man jedoch die kosten einen kunststudis mittels klassischer division ausrechnet, geht sich vielleicht ein fluffiges einfamilienhaus aus. nicht grad eins vom wurm aber immerhin ;-)

was sie kriegen

sind sanierte häuser!!! eine fusion würde einen sanierungsplan für die fusion bedingen. so deppert ist ja auch keine regierung! gerüchteküchen werden immer brodeln.

Also die beiden von einer Fusion Betroffenen zum Thema Fusion zu befragen und diese Antworten zu bekommen, war irgendwie vorhersehbar.

Deshalb wurden die beiden von einer Fusion betroffenen auch befragt.

genau.

was eine ausgewogene berichterstattung auch verlangt.

"Die "creative skills" werden im 21. Jahrhundert entscheidend sein. Und wir an den Kunstuniversitäten können sie vermitteln."

Nein. Dort lernt man nur Ideologie.

(P.S.: Dieser "Kapitalistensprech" ist ungustiös.)

dann schauen sie sich doch einmal

die trans- und interdisziplinären studien und curricula an der angewandten an - die neuen bachelor- und masterstudiengänge an.

Kenn' ich, das meiste ist ideologischer Bullshit ...

kennst du? studierst du dort, oder hast dus halt durchgelesen und gesagt "is bullshit"? quasi profunder meinungsaufbau.

leider sind diese "skills" der wirtschaft meist ziemlich egal. ein bissl "kreativ sein" ist ja schön und gut, aber deswegen stellt man kaum einen studierten künstler oder designer ein.

übrig bleiben leider meist nur prekäre jobs in der kreativbranche.

Kunstunis sind wichtig!

1. Rektorin Blimlinger hat jahrelang unter anderem Studierende der Kunstpädagogik unterrichtet und weiß wovon sie spricht wenn sie sagt es gehe um die Fähigkeiten die man entwickelt. Design thinking, wie es an der Angewandten für das Unterrichtsfach Werkerziehung gelehrt wird, versteht den Designprozess als universelles Rüstzeug zum Lösen von Problemen. Selbst Lösungen finden statt Auswendiglernen, das hat Zukunft!

1. Österreich ist ein Tourismusland, unser "Kulturbestand" (von Architektur bis Mozart-Assoziationen) und unsere modernen künstlerischen und kulturellen Angebote (Museen, Festivals...) machen davon einen erheblichen Anteil aus. Das heißt Kunstuniversitäten sind auch ökonomisch wichtig.

Nichts gegen die 3 Wiener Kunsthochschulen, aber wenn dieser Satz:

"Dabei ist Paris mit 2,2 Millionen Einwohnern nicht viel größer als Wien."
ein schlagkräftiges Argument sein soll, dann muss man an der Kompetenz des Herrn Rektor Bast schon zweifeln.

Paris hat deswegen offiziell nur 2,2 Mio Einwohner, weil die Stadtgrenzen im 19. und 20. Jh. nicht mit der Stadt "mitgewachsen" sind. Wenn das offizielle Wien so wie Paris heute noch immer die Grenzen von 1860 hätte, dann hätte es nur 400.000 Einwohner...

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