Altorientalist mahnt neuen Blickwinkel auf Antike an

4. Oktober 2012, 13:45

Perspektivenwechsel gefordert: Historiker Rollinger sieht zu große Dominanz der klassischen Antike - Antike Stereotype des Eigenen und Fremden ziehen sich bis in die Gegenwart

Wien/Innsbruck  - Die Globalisierung ist keine Erfindung der Moderne. Schon im Altertum zirkulierten Wissen und kulturelle Praktiken zwischen den einzelnen Hochkulturen in Europa und dem Orient, dabei sei es zu regen Austausch- und Adaptionsprozessen gekommen, erklärt Robert Rollinger vom Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik an der Universität Innsbruck. Die griechische und römische Antike nimmt dabei in Rollingers Sichtweise jedoch nicht den Stellenwert ein, den ihr die westeuropäische Forschung seit Jahrhunderten zubilligt. Deshalb fordert der Althistoriker einen Perspektivenwechsel, der auch der Gegenwart gut tun könnte: Denn die Klischees und Abgrenzungsmuster, die schon bei den Römern und Griechen kursierten, halten sich zum Teil bis heute hartnäckig.

"Die Perspektive der Alten Geschichte auf das, was wir heute Orient nennen, ist eine Außenperspektive." Es sei ein durchaus problematisches Unterfangen, eine so große und wichtige Epoche nach wie vor großteils mit Quellen aus der griechischen und römischen Antike zu analysieren, ist Rollinger überzeugt. Deshalb will er den Blick auf die Geschichte hinterfragen: Statt nur Texte, Bilder und Objekte einzubeziehen, die den Orient als "fremd und anders" beschreiben würden, arbeitet Rollinger erstmals verstärkt auch mit den Quellen der Gegenseite und versucht so zu analysieren, wie vernetzt die Welt des Altertums war und wie sich nationale und geografische Identitäten konstruierten.

Hochgradig vernetzte Welt

"Schon damals lebten die Menschen in einer globalisierten Welt, in der nicht nur eine, sondern einige Kulturen einen herausragenden Stellenwert einnahmen", erklärt Rollinger. Laufend habe es Prozesse der kulturellen Entlehnung und Transformation gegeben. Auch die Kultur der griechischen Antike, oft als Wiege Europas gesehen, sei nicht "durch ein Wunder einfach aus dem Nichts entstanden." Im Gegenteil: Eine hochgradig vernetzte Welt profitierte durch Handel und Migration von gegenseitigem Austausch. Ein Beispiel dafür sei die medientechnische Revolution der Erfindung der Alphabetschrift, die sich ausgehend von den Phöniziern bis in den arabischen und slawischen Raum verbreitete und dabei laufend angepasst wurde.

Um eine multiperspektivische Betrachtung zu ermöglichen, greift Rollinger etwa auch verstärkt auf orientalische Quellen, Keilschriftdokumente wie Ausgrabungsergebnisse, zurück. Das soll den westlichen Blick relativieren und hinterfragen. Dabei beschäftigt sich der Altertumswissenschafter vor allem mit zwei kulturellen Synapsen: dem Einfluss der orientalischen Kulturen auf die griechisch-ägäischen Welten im ersten Jahrtausend vor Christus sowie den Kontakten der Antike mit dem islamischen Mittelalter im ersten Jahrtausend nach Christus. Früher habe man sich lieber auf die Verbindungen zwischen Antike und westlichem Abendland konzentriert. "Die Tradition der klassischen Antike hat im westeuropäischen Raum eine große Macht und wird auch gerne auf ein Podest gehoben", so Rollinger.

Stereotype der Fremdbetrachtung

Und auch die Gegenwart könne vom Altertum durchaus noch lernen: "Das sind ganz aktuelle Fragestellungen in einer stark vernetzten und globalisierten Welt, in der Austausch eine große Rolle spielte." Nicht nur die Debatte um die Grenzen Europas, auch Abgrenzungsmuster zwischen Eigenem und Fremden würden sich bis ins Altertum zurückverfolgen lassen - schon damals sei es notwendig gewesen, sich in einer vernetzten Welt zu finden und zu definieren. "Stereotype der Fremdbetrachtung lassen sich von klassisch-antiken Quellen bis in moderne Zeitungsberichte verfolgen und haben zum Teil idente Charakteristika", erklärt Rollinger.

Zwischen griechischen Vasendarstellungen des 5. Jahrhunderts sowie den Berichten griechischer Historiographen wie Herodot, die etwa Perser als Fremde und "Andere" zeichneten und der heutigen Darstellung von Figuren wie Saddam Hussein als orientalische Despoten, grausam, moralisch schwach, hinterhältig und zügellos, ausschweifend und mit gewaltigen Reichtümern versehen, sei nur wenig Unterschied.  (APA, 4.10.2012)

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etwas hanebüchen, dieser Streit um übernommen und erfunden

Jede Hochkultur hat was von anderen übernommen, dafür aber auch wieder etwas an spätere weitergegeben.

Wäre es nicht so, würden wir heute noch in der Steinzeit sitzen und darüber streiten, wer das Rad erfunden hat.

das Alphabet wurde wahrscheinlich nicht von den Phöniziern

erfunden sondern von dem Stamm der Phöniziern die mit den Seevölkern in den Libanon kammen mit gebracht. Wiege des Alphabets ist wahrscheinlich der Adriaraum. Aus ideologischen Gründen wird das Märchen vom der Alphabetserfindung durch die Phönizier aus der ägptischen Handschrift hartneckig aufrecht erhalten.

Ansonsten die Griechen waren Händler die haben alles übernommen was sie irgend wo lernen konnten und selbst wenig erfunden allerdings etwas sehr wichtiges den Menschen als Individuum.

Altertums-Bashing

der Forums-Poster liebste Beschäftgung (naja, mancher zumindest)

das kennen wir

von den ägyptern, aus der bibel, und das römische weltbild inklusive rechtssystem (!) ist der inbegriff des chauvinistischen imperialismus überhaupt.

damit muss man die technischen leistungen in jedem fall relativieren.
denn das beanspruchen eines patentes oder copyrights durch den westen auf die erfindungen der römer ist doch genau teil des problems.

diese gangart ist nun, wo sich andere teile der welt aber sowas von mächtig emanzipieren, ein weg in die selbstzerstörung.

der fehler ist das ausblenden!

das übertriebene selbstbewusstsein, indem man "stolz" ist auf die errungenschaften der westlichen antike (und renaissance, eine zeit der schönheit und der intrigen ausserdem, aber faszinierend lehrreich), wird benutzt, um argumente der "orientalischen" gesellschaften pauschal abzuschmettern und ihre heutige leistungsfähigkeit herunter zu reden.
das ist einer der dümmsten innenpolitischen fehler, den man machen kann, sehr rückwärts gerichtet.

die asiatischen gesellschaften sind begierig, die westliche dialektik zu lernen, weil man damit sehr gut maschinen, waffen, und computer der struktur nach neumann bauen kann. aber für soziale dinge und computer der zukunft (cloud+nano) ist ihre traditionelle denkweise überlegen! sie haben beides. wir?!

Es ist nicht "westliche dialektik" die ermoeglicht computer zu bauen, sondern physik und chemie.

Die erfolgreichen asiatischen laender bauen jetzt uebrigens sozialsystem europaeischer tradition auf (z.b. pensionsversicherungen).

Sie haben auch die clout-quantencomputer vergessen, die nur taoisten verstehen, und deren natur sich der westlichen analytischen tradition entzieht.

"...aber für soziale dinge und computer der zukunft (cloud+nano) ist ihre traditionelle denkweise überlegen!"

Das ist teils inhaltlich völlig unbestimmt und soweit man es auf den Prüfstand stellen kann, erweist es sich in vieler Hinsicht als Unsinn. Worin liegt etwa ist das Zukunftsweisende am Kastenwesen? In China z.B. schwinden traditionelle Denkweisen rapide und werden vielfach auch als Belastung empfunden. Ich will damit nicht die Asiaten heruntermachen, sondern solche Schwurbeleien.

Rezeption

Eine Übernahme von einer fremden in die eigene Kultur ist nicht außergewöhnlich. Die alten Ägypter haben beispielsweise den Streitwagen der Hyksos übernommen.
Die europäischen Nationen haben das römische Recht übernommen.
Die alten Griechen waren in der Lage das Knowhow des alten Orients zu übernehmen und dieses in ihrer eigenen Kultur zu adaptieren.
Es ist letztlich Aufgabe der historischen Forschung festzustellen wer möglicher Weise die für die Menschheit bedeutenden Errungenschaften erfunden hat und auch in der Lage war diese zu erweitern!

Japan - ist eines der besten Beispiele dafür, wie durch Übernahme fremder Kulturelemente eine eigene entsteht.

Hatte in seiner Geschichte viele Einflüsse, aus China, aus Korea, und schließlich aus dem Westen. Und ist dennoch immer Japan geblieben.

Die Behauptung, dass durch Übernahme nichts eigenes geleistet wird, ist schlicht hanebüchen.

Das war ein ständiges sich-beeinflussen.

Wie hat man sich vor dem alten Griechenland gewaschen? Mit parfümierten Ölen.

... Olivenöl aus Griechenland mit Gewürzen aus Sizilien, Ägypten, und dem heutigen Libyen, laut Archäologen.

.

soinst versuchen die linken ja gerne zu behaupten die ganzen sozialen konstruktionen, nationalitaeten, fremdzuschreibungen etc. seien erst im 19. Jdh oder in der Neuzeit entstanden. NUn muessen sie zugeben dass es das auch schon in der Antike gab. Was aber nun schlecht sein die Fremden als Fremde zu betrachten wird nicht deutlich in dem Artikel. Nur weil die Welt vernetzt ist heißt das nch nicht dass man keine UNterschiede entdecken darf, im gegenteil sonst gaeb es ja keine vernetzung mehr zwischen den Kulturen sondern nur eine amorphe Masse

Lieber Herr Karl

Und habe Sie dem Artikel auch entnommen, wie wichtig Migration für die Vernetzung und Innovation war?

kurzlebige Hochkulturen

Wir haben auch das Bild, dass die antiken Hochkulturen 1000 Jahre existiert haben. Tatsächlich haben sie selten mehr als 100 Jahre bestanden. Zu verdanken waren die Hochblüten offensichtlich dem gleichzeitigem Auftreten weniger Genies. Nach derem Tod sind die Kulturen in Selbstgefälligkeit wieder untergegangen.

ja und nein

Nun kann man ja tatsächlich sagen, dass die Klassische Griechische Antike - im Sinne des Zeitalter des Perikles - nicht mehr als 50 Jahre dauerte. Aber es gibt ein davor und ein (ziemlich langes) danach - da kommt man gut und gerne doch wieder auf ein knappes Jahrtausend.

Grenzen sind willkürlich

Es sind ja auch nicht die Minoer nicht komplett ausgestorben, snder haben in hellenistischer Zeit noch kulturelle Stützpunkt gehabt. Aber von den 1000Jahren Kultur der Griechen waren nur 170 von der hervorragenden Bedeutung.

Ehrlicht gesagt halte ich nicht viel von dieser Form von "Hitparaden". Auch eine kurze Präsenz kann große Auswirkungen haben. Genau so gut kann man behaupten:
Florenz war "nur" zwischen 1460 und 1510 die größte Kunstmetropole in der ganzen italienischen Renaissance.
Die englische Theaterdichtung hat "nur" im elisabethinischen Zeitalter internationale Maßstäbe gesetzt...

usw.

welche antike hochkultur hat weniger als 100 jahre bestanden?

Zum Beispiel?

und was ist mit den römischen soldaten in der kaiserlich chinesischen armee?

Die Griechen haben entgegen dem populären Glauben oft weniger "erfunden" als schlicht und einfach übernommen und ggflls. weiterentwickelt (von Ägyptern, Babyloniern, Phöniziern, etc.).

Schmälert ihre Bedeutung natürlich in keinster Weise, geht aber meistens ein wenig unter.

Beispielsweise die Skulptur:
die archaischen Kuroi sind sichtbar von den ägyptischen Königsstatuen beeinflusst. So weit, so richtig.
Und dann machen sich die griechischen Bildhauer über das Thema her und und entwickeln daraus - erstmalit in der Geschichte der Menschheit - den bewegten Körper ala Diskuswerfer.

In Ihrer Logik wäre das "nur weiterentwickelt". Aber das ist schon eine Frage des Blickwinkels.

Die Leistungen der griechischen Philosophie gingen weit über das hinaus, was die früheren Hochkulturen geleistet haben, und sie gingen sogar weit über das hinaus was alle späteren Kulturen (inklusive der Römer) bis zum Ende des Mittelalters geleistet haben. Daran lässt sich relativ wenig drehen, aber Hauptsache der Rollinger kommt in die Presse.

Dank dieses überaus schlechten Artikels entsteht hier der Eindruck, in der Antike hätte es freien Wissensaustausch gegeben und alle Kulturen wären untereinander vernetzt gewesen. Das war mit Sicherheit manchmal der Fall, aber die Möglichkeiten zum Austausch von Informationen und sogar der Speicherung von Wissen waren doch ausgesprochen eingeschränkt.

Im Gegenteil

Sie haben weit mehr erfunden, als gemeinhin angenommen wird. Denn die Allgemeinheit hat nur eine sehr unzureichende Vorstellung vom Stellenwert dessen, was die antike griechische Kultur (gerade in wissenschaftlicher und philosophischer Hinsicht) geleistet hat.

Dass manches "übernommen" wurde, hat dabei meist ungefähr so viel Gewicht wie der Einwand "Mozart war nicht besonders genial, denn das Notensystem hat er ja auch bloß übernommen" oder "Shakespeare baut auch nur auf dem Alphabet auf, das er übernommen hat".

aber die massenmorde, brutalen schlachten, waldzerstörung, sowie die soziale dummheit hinter dem untergang von westrom (die nordvölker und deren führer verhielten sich etwas anders als angenommen), das adoptieren wir natürlich nicht so gern. waren bloss schicksal und kollateralschäden.

rollingers idee einer solchen diskussion ist sehr weise, aber spät.
hätte bevor huntington an die oberfläche kommen sollen..

Was ist der Unterschied zwischen Römern und Griechen?

[Nur der Vollständigkeit halber:
"Aus Römern kann man trinken, aus Griechen nicht." Einem Sachsen leuchtet das nicht ein: "Warum soll man dann nich ooch aus Griechen dringgen gönn?"]

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