Altorientalist mahnt neuen Blickwinkel auf Antike an

Perspektivenwechsel gefordert: Historiker Rollinger sieht zu große Dominanz der klassischen Antike - Antike Stereotype des Eigenen und Fremden ziehen sich bis in die Gegenwart

Wien/Innsbruck  - Die Globalisierung ist keine Erfindung der Moderne. Schon im Altertum zirkulierten Wissen und kulturelle Praktiken zwischen den einzelnen Hochkulturen in Europa und dem Orient, dabei sei es zu regen Austausch- und Adaptionsprozessen gekommen, erklärt Robert Rollinger vom Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik an der Universität Innsbruck. Die griechische und römische Antike nimmt dabei in Rollingers Sichtweise jedoch nicht den Stellenwert ein, den ihr die westeuropäische Forschung seit Jahrhunderten zubilligt. Deshalb fordert der Althistoriker einen Perspektivenwechsel, der auch der Gegenwart gut tun könnte: Denn die Klischees und Abgrenzungsmuster, die schon bei den Römern und Griechen kursierten, halten sich zum Teil bis heute hartnäckig.

"Die Perspektive der Alten Geschichte auf das, was wir heute Orient nennen, ist eine Außenperspektive." Es sei ein durchaus problematisches Unterfangen, eine so große und wichtige Epoche nach wie vor großteils mit Quellen aus der griechischen und römischen Antike zu analysieren, ist Rollinger überzeugt. Deshalb will er den Blick auf die Geschichte hinterfragen: Statt nur Texte, Bilder und Objekte einzubeziehen, die den Orient als "fremd und anders" beschreiben würden, arbeitet Rollinger erstmals verstärkt auch mit den Quellen der Gegenseite und versucht so zu analysieren, wie vernetzt die Welt des Altertums war und wie sich nationale und geografische Identitäten konstruierten.

Hochgradig vernetzte Welt

"Schon damals lebten die Menschen in einer globalisierten Welt, in der nicht nur eine, sondern einige Kulturen einen herausragenden Stellenwert einnahmen", erklärt Rollinger. Laufend habe es Prozesse der kulturellen Entlehnung und Transformation gegeben. Auch die Kultur der griechischen Antike, oft als Wiege Europas gesehen, sei nicht "durch ein Wunder einfach aus dem Nichts entstanden." Im Gegenteil: Eine hochgradig vernetzte Welt profitierte durch Handel und Migration von gegenseitigem Austausch. Ein Beispiel dafür sei die medientechnische Revolution der Erfindung der Alphabetschrift, die sich ausgehend von den Phöniziern bis in den arabischen und slawischen Raum verbreitete und dabei laufend angepasst wurde.

Um eine multiperspektivische Betrachtung zu ermöglichen, greift Rollinger etwa auch verstärkt auf orientalische Quellen, Keilschriftdokumente wie Ausgrabungsergebnisse, zurück. Das soll den westlichen Blick relativieren und hinterfragen. Dabei beschäftigt sich der Altertumswissenschafter vor allem mit zwei kulturellen Synapsen: dem Einfluss der orientalischen Kulturen auf die griechisch-ägäischen Welten im ersten Jahrtausend vor Christus sowie den Kontakten der Antike mit dem islamischen Mittelalter im ersten Jahrtausend nach Christus. Früher habe man sich lieber auf die Verbindungen zwischen Antike und westlichem Abendland konzentriert. "Die Tradition der klassischen Antike hat im westeuropäischen Raum eine große Macht und wird auch gerne auf ein Podest gehoben", so Rollinger.

Stereotype der Fremdbetrachtung

Und auch die Gegenwart könne vom Altertum durchaus noch lernen: "Das sind ganz aktuelle Fragestellungen in einer stark vernetzten und globalisierten Welt, in der Austausch eine große Rolle spielte." Nicht nur die Debatte um die Grenzen Europas, auch Abgrenzungsmuster zwischen Eigenem und Fremden würden sich bis ins Altertum zurückverfolgen lassen - schon damals sei es notwendig gewesen, sich in einer vernetzten Welt zu finden und zu definieren. "Stereotype der Fremdbetrachtung lassen sich von klassisch-antiken Quellen bis in moderne Zeitungsberichte verfolgen und haben zum Teil idente Charakteristika", erklärt Rollinger.

Zwischen griechischen Vasendarstellungen des 5. Jahrhunderts sowie den Berichten griechischer Historiographen wie Herodot, die etwa Perser als Fremde und "Andere" zeichneten und der heutigen Darstellung von Figuren wie Saddam Hussein als orientalische Despoten, grausam, moralisch schwach, hinterhältig und zügellos, ausschweifend und mit gewaltigen Reichtümern versehen, sei nur wenig Unterschied.  (APA, 4.10.2012)

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