Handel will Mitarbeiter "nicht zu Tode schützen"

4. Oktober 2012, 12:52
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Vor Beginn der diesjährigen Kollektivvertragsverhandlungen wollen die Abeitgeber einen flexibleren Kollektivvertrag, die Gewerkschaft winkt ab

Wien - Handelsobfrau Bettina Lorentschitsch bringt eine ältere Forderung ihrer Branche 20 Tage vor Beginn der diesjährigen Kollektivvertragsverhandlungen im Handel wieder neu aufs Tapet. Der Handel wünscht sich eine flexiblere Gestaltung der Arbeit an Samstagen. Derzeit dürfen Handelsmitarbeiter nur an jedem zweiten Samstag arbeiten. Der Handel sei im Wandel, das derzeitige System starr, sagte Lorentschitsch Mittwochabend.

Eine flexiblere Lösung im Kollektivvertrag wollen die Arbeitgeber auch puncto Ausbezahlung von Resturlauben oder der derzeitigen Regelung, dass Lehrlinge in der Zeit von Mitte Juni bis Mitte September zwei Wochen Urlaubsanspruch haben. "Mindeststandards müssen sein, aber wir müssen nicht zu Tode schützen", findet Lorentschitsch. Der Geschäftsführer der Sparte Handel in der Kammer, Rene Tritscher, sprach von "Arbeitszeitindividualisierung", um nicht das Wort Arbeitszeitflexibilisierung zu nehmen. Die Bedürfnisse der Menschen seien unterschiedlich, darauf müsse man individuell reagieren.

Laut Lorentschitsch würden 30 bis 40 Prozent der Handelsangestellten Resturlaube lieber ausbezahlt bekommen statt sie zu konsumieren. Für die Gewerkschaft kommt das "überhaupt nicht in Frage. Darüber reden wir gar nicht", sagte Handelsgewerkschafter Manfred Wolf. Dass die Menschen ihren Urlaub lieber ausbezahlt haben statt ihn zu konsumieren, sei ohnehin ein schlechtes Zeichen. "Wir laden Frau Lorentschitsch ein, das zum Anlass zu nehmen, bei den KV-Verhandlungen entsprechende Signale zu setzen", so Wolf, Verhandler auf Arbeitnehmerseite. Sprich, die Gehälter gehörten entsprechend erhöht.

Perspektiven nach der Lehre

Das Mindestgehalt für Handelsangestellte beträgt 1.350 Euro brutto. Wie viel die etwa 570.000 Beschäftigen im Schnitt verdienen, könne nicht seriös beantwortet werden, meinte die Handelsobfrau. Das hänge von zu vielen Faktoren ab - wie etwa Position, Branche oder Vordienstzeiten. "Der Handel besteht nicht nur aus Verkäuferinnen", versuchte Lorentschitsch dem Bild der schlecht bezahlten Billa-Verkäuferin entgegenzuwirken. Man sei gerade dabei, Perspektiven nach der Lehre zu schaffen, um den Handelsberuf attraktiver zu machen. Momentan gibt es im Handel nicht die Möglichkeit, eine Meisterausbildung zu machen. Näheres dazu will Lorentschitsch im Frühjahr 2013 vorstellen.

Die Gewerkschaft will bei den am 24. Oktober startenden KV-Verhandlungen einen Schwerpunkt auf die Urlaubsregelung setzen. "Aber sicher nicht in die Richtung, dass Resturlaube ausbezahlt werden", stellte Wolf klar. Es sei eine "himmelschreiende Ungerechtigkeit", dass derzeit nur Handelsangestellte Anspruch auf eine 6. Urlaubswoche haben, wenn sie 25 Jahre im selben Betrieb arbeiten. Betreffend Samstagsarbeit gebe es schon "Annäherungen" zwischen den Sozialpartnern. Bei den KV-Runden werde das aber kein Thema sein, das gehöre in die eigens dafür geschaffenen Arbeitsgruppen.

Arbeit am Sonntag

Drängt die Kammer bei anderen Themen auf Individualisierung und Flexibilisierung, soll, wenn es um die Arbeit am Sonntag geht, vorerst alles so bleiben, wie es ist. "Da hängt so viel dran." Fahrverbote müssten aufgehoben, die Kinderbetreuung und das gesellschaftliche Leben anders organisiert werden. Es gebe einen gewissen Grundkonsens in Österreich, dass der Sonntag arbeitsfrei bleiben soll. In vielen Berufen werde ohnehin trotzdem gearbeitet. Lorentschitsch verwies auf ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes (VfGH), der die derzeitige Regelung für verfassungskonform hält. Dass der Einkaufszentrumsbetreiber Richard Lugner, der ja Beschwerde beim VfGH einlegte und damit eine Sonntagsöffnungsdebatte in Gang setzte, nun sogar eine Volksbefragung will, hält die Handelsobfrau für legitim. "Wir sind grundsätzlich für Instrumente der direkten Demokratie." (APA, 4.10.2012)

  • Die Arbeitgeber wünschen sich mehr Flexibilität.
    foto: standard/newald

    Die Arbeitgeber wünschen sich mehr Flexibilität.

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