Großelternzeit: Rolle rückwärts

Gastkommentar |

Im Familienbericht der deutschen Bundesregierung taucht erstmals der Begriff "Großelternzeit" auf. Sympathische Idee oder grundfalscher Ansatz?

Ja, wer kann denn schon was dagegen haben, dass Großeltern sich um die Enkelkinder kümmern? Eine Oma, die immer Zeit hat, die Kuchen backt und von früher erzählt. Opa spielt Schach und bringt den Kindern das Angeln bei. Oma liest Bücher und übt Vokabeln. Das müssen die blühenden Landschaften in den Gärten der Mehrgenerationenhäuser sein. Man sieht förmlich vor sich, wie das ganze Dorf, das in Afrika benötigt wird, ein Kind groß zu ziehen, jetzt auch in Deutschland Gestalt annimmt. Generationenübergreifende Solidarität und abends schreitet man Hand in Hand in den Sonnenuntergang. Kommen wir zur Realität.

Weniger Zeit für Familie

Im Familienbericht der Bundesregierung tauchte zu Beginn dieses Jahres erstmals der Vorschlag auf, dass die bisherige Elternzeit, die allen Eltern zusteht, um eine Großelternzeit ergänzt werden soll, damit zukünftig auch Oma und Opa auf die Enkel aufpassen können. Schon damals stellte sich die Frage nach dem Sinn, tun dies doch die allermeisten Großeltern, denen dies räumlich und finanziell möglich, sowieso schon. Warum also einen Anspruch schaffen für etwas, das sowieso geleistet wird? Noch ein paar Eulen nach Athen tragen? In der Betreuungsgelddebatte wird genau dieser Tatbestand immer als "Mitnahmeeffekt" angeprangert. Was dort falsch ist, wird hier also plötzlich richtig? Für wen ist also dieser neue Anspruch gedacht? Und wer kann es sich leisten kurz vor dem Rentenalter dies überhaupt in Anspruch zu nehmen?

Es entbehrte übrigens schon im Familienbericht mit dem schönen Titel "Zeit für Familie" einer inneren Logik: Die Expertenrunde hatte herausgefunden, dass sich Eltern vor allem mehr Zeit für die Familie und die Kinder wünschen. Großelternzeit bedeutet aber nicht mehr Zeit der Eltern mit den Kindern, sondern mehr Zeit der Großeltern mit den Enkelkindern.

Mama und Papa wünschen sich also etwas - Oma und Opa bekommen es. Ja, das macht Sinn.

Ebenfalls im Familienbericht stand ergänzend der Vorschlag der Experten, die Elternzeit von drei auf zwei Jahre herab zu kürzen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eltern wünschen sich also mehr Zeit, sollen aber ein Jahr weniger bekommen. Zeit für Familie. Im aktuellen Gesetzesentwurf, der derzeit im Kabinett diskutiert wird, ist dieser Vorschlag übrigens nach wie vor enthalten - klugerweise geht Kristina Schröder damit aber nicht lautstark hausieren. Wäre es doch ein Zugeständnis an die Wirtschaft, nicht an die Familien. Ein Jahr weniger bei den Eltern, drei mehr bei den Großeltern, das macht ja nach Adam Riese ein Plus von zwei Jahren und es bleibt doch in der Familie, nicht wahr?

Machen wir uns nichts vor, dies ist ein Großmüttergesetz. Und gleichzeitig inhaltlich eine komplette Rolle rückwärts in der schönen neuen Familienwelt, von der uns immer erzählt wird. Eine Rolle rückwärts in der Frauenpolitik die man Müttern nun schon seit Jahren nahezu aufdrängt und inhaltlich eine Rolle rückwärts in der sogenannten Emanzipationsbewegung. Nicht dass ich es unsympathisch finde, dass Kindererziehung in der Familie bleibt. Ganz im Gegenteil, es wäre ein Gewinn vor allem für die Kinder, aber es passt einfach nicht in das Konzept, das seit Jahren propagiert wird. Es müssen also andere Gründe ausschlaggebend sein, wenn man jetzt die Großmüttergeneration, die man jahrzehntelang von Herd und Kindern weglocken wollte, die als Hausfrauen und Heimchen am Herd verschrien wurden, jetzt wieder genau dorthin zurück schicken will.

Allerhöchstens Oma

Es ist unwahrscheinlich, dass sich plötzlich eine ganze Generation Großväter, die ihr ganzes Leben im Beruf gestanden haben, nun dringend um Säuglinge kümmern wollen, kurz bevor sie sich in den wohlverdienten Ruhestand begeben. So wie es in der Regel die Mütter sind, die sich um ihre Kleinkinder kümmern, sind es in der Regel die Großmütter, die den Töchtern und Schwiegertöchtern jetzt schon in der Regel unter die Arme greifen.

Es ist die Generation Großmutter, die oft das klassische Familienmodell gelebt hat, bei dem der Ehemann der Erwerbsarbeit nachgeht und sie die Kinder großgezogen haben. Ihre eigenen Rentenansprüche sind in der Regel ein Witz, sie hängen massiv von der Rente ihres Ehemannes ab. Sprich: Von dieser Rente müssen später zwei Menschen leben. Diese Rente kann nicht gekürzt oder riskiert werden. Opa wird weiter arbeiten gehen und es steht allerhöchstens Oma zur Verfügung.

Hier wiederum haben wir zwei verschiedene Omagenerationen. Diejenigen, die auch nach Auszug der Kinder keine Erwerbstätigkeit aufgenommen haben - sie helfen dann sowieso schon bei der Betreuung der Enkelkinder, ehrenamtlich in der Gemeinde oder bei der Pflege ihrer eigenen Elterngeneration und diejenigen, die nach der Familienphase einen neuen Versuch in die Berufstätigkeit gewagt haben. Kein einfacher Einstieg. Wir wissen, dass es mit steigendem Alter immer schwierig ist, nach mehrjähriger, vielleicht sogar zweistelliger Jahreszahl wieder einen Arbeitsplatz zu bekommen. Wir werden ja ständig davor gewarnt. Wir wissen, dass junge Frauen Schwierigkeiten haben bei der Arbeitssuche, weil sie immer als potentiell Gebärende betrachtet werden, die kurz oder lang wegen Kindern wieder das Unternehmen verlassen. Den älteren Frauen bürden wir gerade in Vorstellungsgesprächen die Frage auf, ob sie auf kurz oder lang wegen Enkelkindern ausfallen werden. Und hören wir nicht schon seit Wochen in der schwelenden Rentendebatte, dass gerade diese Frauen, die kaum eigene Rentenansprüche erwirtschaftet haben, auf direktem Weg in die Altersarmut sind? Genau diese Großmütter, die gerade noch die Kurve bekommen haben, sind nun aber Zielgruppe. Sie sollen den schönen neuen Job wieder sausen lassen, drei Jahre auf Eis legen und sich um die Enkelkinder kümmern.

In der leidigen Betreuungsgelddebatte erzählt man uns Frauen nun bereits seit über einem Jahr, dass wir genau das nicht tun sollten. Das wir uns nicht selbst um die Kinder kümmern sollen, dass sie woanders genauso gut aufgehoben sind. Dass wir es uns weder in Bezug auf Karriere und schon gar nicht in Bezug auf die Rente leisten können, länger als ein Jahr auszufallen. Dass wir um Himmels Willen nicht das traditionelle Familienmodell leben sollen, dass wir uns um unsere eigenen Jobs kümmern und dass wir unsere eigenen Rentenansprüche sammeln sollen, denn Erziehungszeiten für Kindern zählen in der Rente am Schluss kaum. Was also für die junge Frauengeneration grundfalsch, soll jetzt also für die ältere Frauengeneration plötzlich gut sein?

Man kann diese Sache nur mit Zynismus einigermaßen logisch gerade ziehen. Die Rentenansprüche, die sich die Großmütter auf den letzten Metern vor der Rente noch sichern können, sind minimal, um nicht zu sagen irrelevant. Da können sie doch wenigstens dafür sorgen, dass die Töchter und Schwiegertöchter nicht ins gleiche Fettnäpfchen geraten und die gleichen Dummheiten begehen, indem sie eigensinnig selbst ihre Kinder groß ziehen. Und die Wirtschaft nimmt sowieso lieber junge Fachkräfte, als ältere mit langen Erwerbspausen. Auch hier also eine Win-Win-Situation. Die ältere Frauengeneration ist also nur noch fürs Kindererziehen zu gebrauchen und soll auf dem Arbeitsmarkt Platz schaffen für ihre eigenen Töchter.

Zum Dank ein Kinderlachen

Weiter gedacht wird aus dem Recht zur Großelternzeit vielleicht bald eine moralische Pflicht. Aus dem Recht auf einen Kindergartenplatz ist heute schließlich auch bereits fast eine Pflicht geworden. Reden wir nicht längst vom böswilligen "Fernhalten" von wertvoller Bildung, wenn Eltern selbst erziehen? Das Puzzle fügt sich am Schluss unmerklich zu einem Gesamtbild zusammen: Eltern sollen Kinder bekommen, gleichzeitig wird die Elternzeit zusammen gekürzt, sodass man nicht einmal wenn man gerne will, drei Jahre bei den Kindern bleiben kann. In die Lücke sollen nun Großeltern springen. Wenn die Eltern vielleicht doch ein schlechtes Gewissen haben, ihr Kind nach einem Jahr weg zu geben, dann kann ja jetzt Oma oder Opa übernehmen, das beruhigt und ist auch faktisch eine bessere Lösung. Günstig ist es übrigens für den Staat auch. Jeder Krippenplatz, der nicht gebaut werden muss, spart monatlich pro Kind 1.200 Euro. Das Betreuungsgeld braucht man auch nicht, Opa verdient ja genug und die Eltern sind auch in Lohn und Brot. Das sind wieder mehr Steuerzahler, weniger Sozialkosten. Passt.

Konsequenterweise sollen die Großeltern natürlich nichts für ihre Leistung bekommen - außer vielleicht einem Kinderlachen und einem feuchten Händedruck. Sie wären in der Zeit weder kranken- noch arbeitslosenversichert. Ein bisschen müssen sie schließlich schon selbst dafür tun, dass sie großzügigerweise ihre Enkelkinder bespaßen dürfen. Ob sie rentenversichert sind in der Zeit, hängt noch in den Sternen bzw. am Tauziehen im Kabinett, wahrscheinlich ist es nicht. Sie haben also ihre eigenen Kinder großgezogen und damit Rentenzahler geschaffen, sie sollen die Generation ihrer Enkel großziehen und damit die Renten ihrer Kinder sichern, selbst aber dafür nicht einmal Rentenpunkte erhalten und werden am Schluss mit nichts belohnt. Man muss schon wahnsinnig oder einfach herzensgut sein, wenn man sich auf so einen Deal einlässt. (Birgit Kelle, derStandard.at, 5.10.2012)

Birgit Kelle, The European, ist frei Journalistin und  Kolumnistin bei "The European". Sie ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.

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vielleicht funktioniert das dann da:

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aber im Ernst:
nicht mehr langsam, sondern schnell verabschiedet sich Deutschland von einem Sozialstaat, die richtung geht in gleichschaltung mit den Ländern, in denen die deutsche Wirtschaft produzieren läßt, ohne dass es in D ermöglicht wird, dass die verlorengegangene Kultur der Familiensolidarität wieder wirkungsvoll, also auch beim Geld, wieder aufleben kann.
Auch ein bismarksches Erbe, ein perfides sogar.

...wohin geht der Weg, Sozialdemokratie ?

...so einfach wie sich das die Frauenministerin und die Gewerkschaftsfrauen vorstellen ist es einfach nicht.
Frauen ab in den Beruf, Pensionszeiten sichern und die Kinder 8 Stunden am Tag in den Kindergarten oder zur Oma.
Verrückt...

ABER: dazwischen liegen viele individuelle Varianten

"Man muss schon wahnsinnig oder einfach herzensgut sein, wenn man sich auf so einen Deal einlässt."
Mir ist das zu schwarz/weiß gemalt.
Einen anderen Aspekt möchte ich hinzufügen: Wenn jemand selber kinderlos, sich in der Nachbarschaft gerne als Oma/Opa zur Verfügung stellen möchte, dann ist erst mal Angst und Ablehnung da.
Ein relativ hoher Prozentsatz der Babyboom-Generation hat keine Kinder...
Die Schwierigkeit liegt darin, wenn Vorschläge zu einem möglichen freiwilligen Engagement gemacht werden, rasch eine moralische Verpflichtung dazu darin gesehen oder befürchtet wird.

ist auch eine moralische Verpflichtung,

auch die Eltern können ihre Kinder nicht einfach weglegen.
Und Kinder sollte man schon deutlich besser behandeln als Haustiere, wo es eine Lobby gibt und relativ strenge Vorschriften.

Welche moralische Verantwortung?

Frauen, die keine Kinder geboren haben, und kinderlose Männer automatisch zu disqualifizieren für einen liebenvollen Umgang mit Kindern ist leider noch sehr verbreitet.
Hier geht es doch nicht darum, die Kinder blindlings den nächst besten "aufzuhalsen", sondern nachbarschaftliches Vertrauen zu entwickeln.
Außerdem könnte in PensionistInnenklubs angeboten werden, die Solidarität zwischen den Generationen zu fördern.

Die Polarisierung zwischen Kind und Haustier möchte ich hier außen vor lassen.

Die Kindererziehung lag traditionellerweise meist in den Händen der Grosseltern

Zumindest solange, als Familien aus mehr als 2 Generationen bestanden. Die Eltern waren da meist hauptsächlich mit dem Broterwerb beschäftigt.

Allerdings, bedingt durch die anstehenden Pensionierungen der geburtenstarken Jahrgänge muss zum Ausgleich die Frauenerwerbsquote wesentlich gesteigert werden. Das bedeutet dass auch die OMA mindestens bis 65 im Berufsleben bleiben muss und die Betreuung der Enkeln daher in Kinderkrippen erfolgen muss.

ein interessanter blickwinkel, an den ich nicht so gedacht hätte. vielen dank für diesen kommentar!

bla bla, ich finde die zeit die grosseltern mit ihren enkerln

verbringen "dürfen", ist einfach unbezahlbar, und alles andere muss drinnen sein, jedes kind sollte seine grosseltern treffen,

Oldies weg vom Arbeitsmarkt?

oh ja, das modell rechnet sich: jeder derart geräumte (altersbedingt teure) arbeitsplatz kann mit billigen jungen praktikanten und berufseinsteigern besetzt werden. das leidige problem der älteren arbeitnehmerInnen, die einerseits länger arbeiten sollen, die aber andererseits niemand beschäftigen will, ließe sich ein ganzes stück weit entschärfen, nota bene ohne die arbeitslosenstatistik zu belasten.

na, für so viel gute taten auf einmal könnte man den opas und omas sogar noch ein taschengeld zugestehen ... es würde sich trotzdem immer noch rechnen.

Das wird ein weiterer toller Wettbewerbsvorteil...

...für ältere Dienstnehmer, wenn deren Arbeitgeber demnächst freudig die Opazeit bezahlen dürfen.
Gehts Euch noch gut ?

Deutlicher kann man das Primat

der Wirtschaft über die Politik wohl kaum nachweisen, schätz ich amal.

Herzensgut, nicht wahnsinnig.

Das Verhaeltnis Grosseltern-Enkel liegt wohl ausserhalb des vom Staat zu regelnden Bereichs, und gemessen an der derzeitigen Effizienz des Staates ist es auch gut so.

Alternativ dazu koennte die Oma ihrem Sohnemann (=Vater des Enkels) woechentlich eine Honorarnote legen - mit allen sich daraus ergebenden steuerlichen und SV-technischen Konsequenzen.

Das Verhaeltnis Grosseltern-Enkel liegt wohl ausserhalb des vom Staat zu regelnden Bereichs

Aber Freiräume zur eigenen Entscheidung darf der Staat schon noch schaffen, oder?

der staat sollte

am besten garnichts

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