"Mit Kontaktlinsen aufs Internet zugreifen"

  • Michio Kaku blickt in die Zukunft - und sieht dort nicht nur Filmroboter wie "Wall-E
    foto: apa

    Michio Kaku blickt in die Zukunft - und sieht dort nicht nur Filmroboter wie "Wall-E

Gedächtnis-Speicherchips, Tarnkappen und DNA-Chips, die Krebs verhindern helfen - was nach Hollywood klingt, ist für Michio Kaku bald Realität.

Filme wie Independence Day, Das fünfte Element oder Men in Black zeigen New York als futuristische Kinokulisse. Die Realität sieht anders aus. Staubige Fassaden, uralte Taxis, klappernde U-Bahnen - selbst am Times Square hört das Zukunftsgefühl bei den LED-Tafeln auf. Michio Kaku, theoretischer Physiker an der New York University und einer der meistbeachtetsten Futurologen der Gegenwart, hat dennoch eine Metropole der Zukunft vor Augen. 

Schummeln wird einfacher

Einer Zukunft, in der er seine Studenten nur mit Mühe vom Schummeln wird abhalten können: "Menschen werden imstande sein, über ihre Kontaktlinsen aufs Internet zuzugreifen", prophezeit er im Gespräch mit dem STANDARD, "einmal zwinkern und schon sind sie online." Klar, dass dann Schummeln einfacher wird. 

"Harry Potter für jedermann"

Die Zukunftsvisionen des Professors sollen an Glaubwürdigkeit gewinnen, weil sie auf aktuellen Forschungserkenntnissen fußen. Dennoch sind für ihn selbst die Zauberkräfte Harry Potters zum Greifen nahe: Unsichtbar zu sein dürfte laut Kaku etwa ebenfalls bald eine Option sein. "Wissenschaftler haben eine Substanz entdeckt, die plasmonisches Metamaterial heißt und bewirkt, dass das Licht sich um deinen Körper herumwindet, ganz so, als ob es dich nicht gebe", erzählt Kaku. "Es wird Umhänge aus dieser Substanz geben. Das ist die Tarnkappe des Harry Potter für jedermann."

Die Physik der Zukunft

Auch Hollywood hört auf Kaku. Es gibt Studios, die ihren Science-Fiction-Autoren seine Bücher als Pflichtlektüre verordnen, um sie am Boden wissenschaftlicher Tatsachen zu halten. Was man auf der Kinoleinwand sehen kann, sei auch in Realität machbar, solange es nicht gegen die physikalischen Naturgesetze verstößt: Zeitmaschinen wird es nicht geben und auch keine Zukunftsvorhersagen. Technik, die er für umsetzbar hält, stellt Kaku in seinem nun auf Deutsch erschienenen Buch Die Physik der Zukunft: Unser Leben in 100 Jahren vor: Fahrerlose Autos werde es schon 2020 geben, künstliche Organe spätestens 2030, und dem Gedächtnis werde man dann bald mit Speicherchips auf die Sprünge helfen. 

Zukunftsschau

Denen, die ihm abstruse Zukunftsschau vorwerfen, hält Kaku ein Gesetz seines kalifornischen Kollegen Gordon Moore entgegen, das besagt, dass sich die Leistungskraft der Computer alle 18 Monate verdoppelt. Das erlaube ihm, "mit nahezu mathematischer Präzision zehn, fünfzehn Jahre in die Zukunft zu schauen". 

DNA-Chips

In der Jetztzeit muss sich aber auch Kaku in Form halten. Jeder Tag endet für den 65-Jährigen im Fitnessstudio. Er meint den größten Teil seines Lebens noch vor sich zu haben. Im 22. Jahrhundert werde die Lebenserwartung sogar auf 150 Jahre steigen. DNA-Chips, würden dann die Entstehung von Tumoren voraussagen können.

Wörterbuch der Gedanken

Kaku glaubt nicht, dass Technik zum Manipulationshelfer des Bösen wird. Er vertraut der Moral. Und im Zweifelsfall der Gedankenkontrolle. Schon jetzt können Kernspintomografem ins Gehirn sehen. "Es wird so weit kommen, dass wir jeder einzelnen Zelle beim Denken zuschauen können, und so werden wir ein komplettes Wörterbuch der Gedanken bekommen." (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, 4.10.2012)

Michio Kaku: "Die Physik der Zukunft: Unser Leben in 100 Jahren". 608 Seiten / 24,95 Euro, Rowohlt 2012

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