Schlanke Typ-2-Diabetiker stärker gefährdet

4. Oktober 2012, 11:17

Sterberisiko schlanker zuckerkranker Menschen doppelt so hoch, wie bei übergewichtigen Typ-2-Diabetes Patienten - Ursache nicht bekannt

Berlin - Das Sterberisiko normalgewichtiger Menschen mit Diabetes mellitus ist doppelt so hoch wie von übergewichtigen Diabetes-Patienten, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Auf dieses „Adipositas paradox" weist jetzt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) anlässlich einer Veröffentlichung amerikanischer Wissenschaftler hin. Auch bei schlanken Menschen sei es deshalb wichtig, einen Diabetes früh zu erkennen und entsprechend therapeutisch gegenzusteuern, so die DDG.

Nicht alle Menschen mit Typ-2-Diabetes sind übergewichtig. Etwa jeder zehnte hat ein normales Körpergewicht. Einer jüngst im Journal der amerikanischen Medizingesellschaft JAMA veröffentlichten Studie zufolge scheint dies zumindest beim Typ-2-Diabetes nicht von Vorteil. Die Analyse fasst die Ergebnisse aus fünf Langzeituntersuchungen zusammen. Forscher untersuchten darin die Daten von 2625 Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes. Während der beobachteten zwei Jahrzehnte kam es zu 449 Todesfällen. Doch anders als erwartet, war das Sterberisiko unter den schlanken Menschen mit Typ-2-Diabetes nicht niedriger, sondern doppelt so hoch wie bei den Typ-2-Diabetes-Patienten an der Grenze zum Übergewicht und darüber.

Keine Ausnahmefälle

„Normalgewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes sind keinesfalls selten", sagt Stephan Matthaei, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft aus Quakenbrück. In der Studie lag deren Anteil zwischen 10 und 20 Prozent. Diese Menschen lebten nicht gesünder als übergewichtige Diabetes-Patienten. Bei einigen liege womöglich eine „versteckte Fettleibigkeit" vor, erläutert Diabetologe Matthaei: „Ausgeprägter Bewegungsmangel führt bei einigen Menschen zu einem Rückgang der Muskelmasse, die dann durch Fettgewebe ersetzt wird - auch Sarkopenie genannt." Das Körpergewicht liegt hier oft im oberen Bereich des Normalgewichts. Andere Menschen sind dazu veranlagt, also erblich bedingt schlank. Viele normalgewichtige Ostasiaten und farbige Amerikaner etwa haben einen Typ-2-Diabetes.

Auch bei anderen Erkrankungen tritt das „Adipositas paradox" zu Tage. So scheinen beispielsweise normalgewichtige Nierenkranke, die sich einer Blutwäsche, der Dialyse, unterziehen müssen, ein höheres Sterberisiko zu haben als übergewichtige Dialyse-Patienten. Warum aber auch das Sterberisiko der schlanken "Zuckerkranken" höher ist als bei übergewichtigen Menschen mit Diabetes, ist nicht bekannt. "Aus epidemiologischen Studien wie der vorliegenden können solche Fragen meist nicht beantwortet werden", bedauert auch Andreas Fritsche, Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft aus Tübingen. Die DDG vermute aber, dass ein Typ-2-Diabetes bei Normalgewichtigen später erkannt wird und dass sie die Therapie weniger konsequent durchführen. "Viele dieser Zuckerkranken und auch ihre Ärzte verzichten möglicherweise im falschen Vertrauen auf das Normalgewicht auf Ernährungsumstellung, körperliche Bewegung und Medikamente", meint Fritsche. Bei ihnen schreite der Diabetes deshalb eventuell schneller voran als bei Übergewichtigen, die ihr Gewicht zu normalisieren versuchen.

Früherkennung verändern

Die Ergebnisse der Studie könnten die Früherkennung verändern. Denn nach Einschätzung der DDG wäre es falsch, ausschließlich Übergewichtige auf einen Diabetes zu untersuchen. Eine korrekte Bestimmung des Nüchternblutzuckers sollte heute zu den ersten Tests gehören, die ein Arzt bei einem neuen Patienten durchführt. Auch bei Krankenhauspatienten sollte immer nach einem versteckten Typ-2-Diabetes gesucht werden, fordert Matthaei: „Folgeerkrankungen können nur verhindert werden, wenn die ursächliche Erkrankung frühzeitig erkannt wird." (red, derStandard.at, 4.10.2012)

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8 Postings
ganz, ganz neue Studien aus den USA(!) haben ergeben...

...dass das "Sterberisiko" selbst bei Gesunden(!) an die 100% betragen soll. Schockierend, oder?

Das deckt sich mit bisherigen Untersuchungen:

In der ersten Lebenshälfte idealerweise ein normales Körpergewicht um Krankheiten mit langer Vorlaufzeit zu stoppen.
In der zweiten Körperhälfte ein gewisses Übergewicht, um gegen Erkrankungen, die dennoch auftreten sollten ein "Schutzschild" zu haben.

Natürlich spielen da auch andere Faktoren mit hinein, aber grob umrissen ist es so.

Find ich logisch:

Übergewicht ist ja primär, in einem gewissen Bereich, nichts Krankes, dass sich der Körper zulegt, sondern eine Reserve.

Da gabs ja kürzlich diese Studie, dass Krebskranke, mit höherem Gewicht, besser dran sind.

Die Dicken, um die es hier geht, haben zumindest schon mal Diabetes bekommen.
Ich verstehe das Ergebnis weniger so, dass Übergewicht vorteilhaft ist, sondern dass zuwenig Bewegung katastrophale Auswirkungen hat.

Ich empfehle

das Buch 'Wheatbelly' von Dr. Davis. Mein Diabetes ist geheilt.

eigentlich nicht ueberraschend ...

ein uebergewichtiger Typ 2 Diabetes Patient kann im Normalfall seine Gesundheitswerte (Zucker, Blutdruck, Blutfett) durch vernuenftiges Abnehmen (mehr Bewegung und weniger Kohlenhydrate) verbessern. Das funktioniert bei schlanken Typ 2 Diabetikern nicht wirklich, muessen daher frueher mit schwereren medikamenten beginnen).
Habe selbst Diabetes typ 2 und kann allen leidensgenossen das buch von Volker Schmiedel "Typ-2-Diabetes. Heilung ist möglich" empfehlen. Da ist dieses Paradoxon schon beschrieben ...

Auch schlanke Diabetiker könnten mehr Bewegung machen. Wo liegt das Problem?

Made my day.

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