Die Isla Tabarca vor Alicante

Helge Sobik
7. Oktober 2012, 16:56

Ein Fort, ein Leuchtturm, 20 Familien. Für einen Tag und eine Nacht dazuzugehören fühlt sich gut an

Im April spielen die Buben noch Fußball in den Gassen zwischen den niedrigen Quaderhäuschen. Im Mai radeln die Mädchen noch mitten durch dieses Spielfeld, und einen Moment lang unterbrechen die Buben dafür jedes Mal ihr Spiel. Anfang Juni sitzen die Alten noch auf wackeligen Holzsesseln vor ihren in kräftigem Blau oder in Giftgrün getünchten Haustüren auf der Insel Tabarca. Danach sind sie alle verschwunden, einen Sommer lang bei Tag so unsichtbar wie der Mond - im Juli, im August, den halben September wie vom Erdboden verschluckt.

Erst spät an den Abenden, erst zu Einbruch der Dunkelheit kommen sie langsam wieder aus ihren Rückzugswinkeln hervor und erobern durch bloße Präsenz ihre Insel für die Stunden der Nacht zurück: die Strände, die Klippenküsten, die Agaven, die in prächtigem Rot und Orange blühenden Hartlaubgewächse entlang der Küsten. Und ab Mitte September ist wieder alles wie im April und im Mai.

Im Sommer aber ist tagsüber zu viel Andrang auf die kleine Seefahrer- und Fischerinsel elf Seemeilen vor Alicante - Hochsaison auf dem einstigen Pirateneiland, das heute vor allem von Tagesbesuchern lebt. Erst wenn das letzte Ausflugsboot wieder abgelegt hat und nur noch die Gäste der zwei kleinen Hotels in den Straßen unterwegs sind, kommen auch die Einheimischen wieder, öffnen sich Holztüren zu lauschigen Innenhöfen.

Nur die Pensionisten und die Kinder haben dann Zeit, die wiedergefundene Feierabendruhe zu genießen. Denn die meisten anderen sind zu geschafft dafür. Sie mussten den Tag über arbeiten, in den Restaurantküchen schuften, im Akkord kellnern, Boote fahren, Eis verkaufen. Denn in jenen drei Monaten, wenn das Geschäft brummt, müssen sie das Geld fürs ganze Jahr verdienen.

Es ist dann, als ob alles Mobiliar der Insel auf den Straßen steht, jeder Tisch, jeder Sessel, jeder Sonnenschirm. Die sonst so kleinen Restaurants wuchern auf Straßen und Plätzen. Jedes Stück Stellfläche ist kostbar - und begehrt, wenn die vielen Badegäste der Playa Grande ihre Tücher im Sand verlassen und zum Mittagessen herbeiströmen. Eisgekühlte Cola oder Bier gibt es dann. Oder Alicantiner Wein. Und dazu gegrillten Fisch - fangfrische Dorade oder Rotbarbe zum Beispiel. Außerhalb des Sommers aber gibt es eindeutig zu viel Gestühl auf der Insel, die gerade mal 1800 Meter in der Länge und maximal 400 Meter in der Breite misst.

Salvador Diaz erinnert sich nicht mehr, wie oft er schon hergekommen ist. Er hat längst aufgehört zu zählen. Der stämmige kleine Mann mit der sonnengegerbten Gesichtshaut ist Berufspendler im wörtlichsten Sinn. An manchen Sommertagen kommt er gleich viermal von Alicante herüber. Seit vierzig Jahren fährt er auf Ausflugsbooten, erst als Matrose, inzwischen längst als Kapitän. Auf See kennt er in seinem Fahrtgebiet jede Untiefe, auf Tabarca jeden Kieselstein. "Weißt du", sagt er, "hier auf dem Wasser bin ich zu Hause. Es ist mein Wohnzimmer. Die Insel ist mein Esszimmer, auch mein Garten. Da mache ich Mittagspause, da ruhe ich aus. Ich freue mich jedes Mal, wenn ihr Leuchtturm näher rückt." Sein Schlafzimmer aber ist Tabarca nicht. "Zu viel Einsamkeit, sobald die Tagesbesucher weg sind", sagt er. "Zu still für mich."

Es gibt andere, die extra bleiben, um die Stille dieser Abende zu erleben, um die Alten ihre Holzsesselchen vor die Türen stellen zu sehen oder die Abendandacht in der kleinen Inselkirche Iglesia San Pedro y Pablo zu halten. Die paar Zimmer auf Tabarca sind deshalb schnell ausgebucht: Weil es sich gut anfühlt, plötzlich für ein, zwei Nächte dazuzugehören und den Wandel der Insel mit den zwei Gesichtern aus der Nähe zu erleben.

Dennoch lassen sich auch bei Tag in der höchsten Hochsaison noch stille Winkel finden: Auf dem unbesiedelten Nordzipfel zum Beispiel, wo der Leuchtturm als Ausrufezeichen in den blauen Himmel ragt und die Festung gerade restauriert wird. Aus der Ferne trägt der warme Levante-Wind Zeilen aus irgendeinem Song von Julio Iglesias herüber, der in den Boxen einer Bar eingesperrt zu sein scheint und deren Terrasse von dort aus mit Schlagern beschallt. (Helge Sobik, DER STANDARD, Album, 5.10.2012)

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