Das Parkpickerl wirkt, vorläufig

Kommentar6. Oktober 2012, 14:00
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Mit dem Versuch, Autos aus Wien zu verbannen, könnte man sich noch mehr in die Stadt holen. Es sei denn, der frei gewordene Raum wird mit Alternativmaßnahmen bespielt

Große Teile der Wiener Bezirke Meidling, Penzing, Ottakring und Hernals sowie der gesamte Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus sind seit Montag Kurzparkzonen. Länger als drei Stunden dürfen dort nur die Bewohner parken, vorausgesetzt, sie haben der Stadt die Gebühr fürs Parkpickerl überwiesen. Schon in den ersten Tagen konnte man beobachten, wie die Autos fernblieben und die blechernen Streifen entlang der Gehsteige ausdünnten. Plötzlich zeigte sich ein ungewohnt nacktes Straßenbild.

Die Autobesitzer unter den Bewohnern jubeln, weil sie nicht mehr auf der Suche nach fünf freien Metern durch die Nachbarschaft kurven müssen. Die Autoverzichter unter den Bewohnern jubeln, weil der dauernde Verkehr nicht mehr die Gegend verstopft. Die Anrainer knapp außerhalb der Pickerlzone fluchen, weil sich die kollektive Parkplatzsuche schlagartig auf ihr Terrain konzentriert. Die Pendler, die in den weiterhin nicht pickerlpflichtigen Gebieten ihr Glück versuchen, sind schon zufrieden, wenn keine Drohung hinter dem Scheibenwischer klemmt.

Anno 1995

"Das Parkpickerl wirkt", befinden die städtischen Grünen, das sei eine Tatsache und "gut für die WienerInnen und für Wien". Auch wenn die Grenzziehung willkürlich und das System an sich Flickwerk ist, scheint die umstrittene Ausweitung der Pickerlzone auf den ersten Blick gelungen. Würde sie sogar bis zur Peripherie ausgedehnt und die Besucher bewegen, von Parkplätzen am Ortsrand mit verbesserten Öffis in die Stadt zu fahren, dann besteht vorläufig die Aussicht auf weniger Lärm, weniger Emissionen, weniger Unfälle. Aber in zehn oder zwanzig Jahren?

Ein Blick zurück: Einige Bezirke innerhalb des Gürtels stehen bereits seit 1995 unter der lückenlosen Aufsicht der Parkraumbewirtschafter. Bezirksfremde Dauerparker wurden damals hinter den Gürtel gedrängt, dorthin, wo sie jetzt erneut Reißaus nehmen. Die Bewohner der Innenbezirke können nach 17 Jahren aber weit nicht mehr so großzügig aus freien Parkflächen wählen wie jene der neuen Zone. Nicht selten wird wieder gekurvt.

Von Versuchungen zu Alternativen

Die tägliche Lückensuche könnte auch außerhalb des Gürtels wieder zur Gewohnheit werden. Denn manche Anrainer, die bisher vor allem wegen der Stellplatzproblematik auf ein Auto oder ein Zweitauto verzichtet haben, kommen durch die freien Parkflächen gehörig in Versuchung. Das Einzige, was bequemer ist als ein Auto zu haben, ist ein Auto vor der Haustür zu haben.

Andere Bewohner der Neo-Kurzparkzone werden sich verführt fühlen, ihre Fahrzeuge von den teuren Garagenplätzen gegen eine moderate Pickerlgebühr zurück an die Oberfläche zu holen. Die Möglichkeit, dass zu den an den Stadtrand verdrängten Autos drinnen einfach neue hinzukommen, ist gegeben. 

Um das zu verhindern, sollten Gemeinde und Bezirke besser noch heute die kahlen Stellen im Stadtbild mit Alternativen bespielen. Rasenflächen und Bäume und Radwege sind nur die naheliegendsten Lösungen. Warum nicht Straßenkünstlern dedizierte Bühnen öffnen oder der jungen Kreativszene den öffentlichen Raum gestalten lassen? Warum den Grätzeln nicht neue kleine und permanente Lebensmittelmärkte gönnen? Warum nicht hie und da die kanalisierten und überbauten Wienerwaldbäche wieder an die Frischluft lassen? (Michael Matzenberger, derStandard.at, 6.10.2012)

  • Die Fahrzeugketten entlang der Gehsteige haben viele ihrer Glieder verloren. Zehn Quadratmeter öffentlicher Raum pro früher hier abgestelltem Auto stehen jetzt leer. Er sollte genutzt werden.
    foto: privat

    Die Fahrzeugketten entlang der Gehsteige haben viele ihrer Glieder verloren. Zehn Quadratmeter öffentlicher Raum pro früher hier abgestelltem Auto stehen jetzt leer. Er sollte genutzt werden.

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