Südtirol: Schafabtrieb im September

  • In einem endlos scheinenden Zug wandern tausende Schafe im Gänsemarsch über den Alpenhauptkamm.
    foto: georg desrues

    In einem endlos scheinenden Zug wandern tausende Schafe im Gänsemarsch über den Alpenhauptkamm.

  • Das Brillenschaf.
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    foto: der standard/heribert corn

    Das Brillenschaf.

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  • Informationen über die Schaftriebe 2013: Tourismusbüro Schnalstal, Lammwochen vom Villnößer Brillenschaf im Restaurant Castel Ringberg noch bis 7. 10. 2012
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    Informationen über die Schaftriebe 2013: Tourismusbüro Schnalstal, Lammwochen vom Villnößer Brillenschaf im Restaurant Castel Ringberg noch bis 7. 10. 2012

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Schafherden ziehen im Frühling aus Südtirol über den Alpenhauptkamm, um auf Nordtiroler Almen zu weiden. Ende September geht es retour, was auch kulinarisch Konsequenzen zeitigt

Nur wenige Bergwanderer sind die 1300 Höhenmeter von dem Ort Vernagt bis hier herauf gestiegen, dabei wäre die spektakulär karge Hochgebirgslandschaft allein schon den Aufstieg wert: An den Hängen schlägt das Weiß der Schneefelder sich mit den granitgrauen Felsen unter dem stählernen Blau des Septemberhimmels. Rundherum nur Gestein und Geröll. Und ganz unten im Tal das türkise Glitzern des Vernagt-Stausees. Gleich aber wird hier so richtig die Post abgehen. So gegen halb zwölf nimmt die Handvoll Schaulustiger zwischen bizarren Gebirgsformationen, Felstrümmern und Steinmännchen Platz und blickt gespannt Richtung Bergkamm.

Plötzlich zerreißen Viehglocken die Stille, kurz darauf folgen die lauten Rufe der Treiber und das Blöken der Tiere. Auf dem Bergkamm scheint es vorerst so, als würden ein paar Steine sich zu bewegen beginnen. Bald darauf sind die Schafe zu erkennen, die im Gänsemarsch den Kamm entlanglaufen. Schließlich biegen sie ab und ziehen in beeindruckender Zickzackformation über die steilen Geröllfelder, vorbei an den Zuschauern den Hang hinunter. Es ist ein einzigartiger Anblick, ein endlos scheinender Zug von über 2000 Tieren, geräuschvoll und farbenfroh. Die Schafe sind von verschiedenen Rassen und Farben, weiße, braune, schwarze, beige und graue Tiere. Viele davon mit bunten Markierungen in der Wolle, um von ihren Besitzern wiedererkannt zu werden.

Über den Gletscher und retour

Seit Jahrtausenden, so sagen Historiker, besteht diese Transhumanz genannte Form der Weidewirtschaft, bei der alljährlich im Juni die Südtiroler Bauern ihre Schafe über uralte Bergpässe, über drei Joche und sogar über einen Gletscher vom Schnalstal zu den Sommerweiden ins Ötztal treiben - und sie im September wieder zurückholen. "Ein geschriebener Vertrag, der uns die Weiderechte auf der österreichischen Seite sichert, besteht bereits seit 1415", sagt Josef Götsch, Leiter des Zugs und Obmann der Südtiroler Alminteressenschaft Niedertal, "auf unserer Seite gab es immer schon zu wenige Weiden, deswegen sind unsere Vorfahren irgendwann losgezogen, um jenseits der Wasserscheide geeignetes Land zu finden." Nicht weit von hier, am Hauslabjoch, wurde vor über 20 Jahren die mumifizierte Leiche des Mannes aus dem Eis gefunden, vermutlich auch er ein Hirte - aus der Jungsteinzeit.

Götsch setzt sich neben seinen Hirtenstab auf den Boden, aus seinem Rucksack holt er Schüttelbrot und eine Kante Speck, die er mit seinem Taschenmesser bearbeitet. Mittagspause. "Um sechs Uhr früh sind wir in Vent aufgebrochen. In all den Jahren seit ich den Trieb leite, hatten wir noch nie so ein Prachtwetter wie heuer", freut sich Götsch und steckt ein Stück Speck in den Mund. Umringt wird er von hunderten Schafen, die auf den spärlich bewachsenen Böden des Hochplateaus grasen. In anderen Jahren könne das Wetter durchaus zum Problem werden, wie überhaupt die Gefahren auf dem Weg zahlreich seien, sagt Götsch. "Es kann zu Steinschlag und Gerölllawinen kommen, manchmal reißt ein Bach ein schwächeres Schaf mit." Deswegen gehörten die Tiere auch durchwegs älteren Rassen an, die gut angepasst sind an die Gegend, robust und geschickt genug, um die Strapazen der Alpenüberquerung zu meistern.

Kulinarische Vorzüge alter Rassen

Hinter seinem Rücken erreichen immer mehr Tiere das Hochplateau und beginnen zu fressen. Schwarzbraune Juraschafe grasen zwischen alpinen Steinschafen, hellbraune Schnalser Schafe neben den seltenen Villnößer Brillenschafen - ein idyllischer Anblick von artgerechter Weidehaltung und biologischer Vielfalt mitten in den Alpen. Viele der Rassen gelten heute als gefährdet. Über Jahrhunderte hielt man sie hauptsächlich wegen ihrer Wolle, bis die faschistische Regierung in den 1930er-Jahren die Umstellung auf internationale und ergiebigere Fleischrassen förderte.

So gab es etwa vor wenigen Jahrzehnten nur mehr 150 Stück des schneeweißen Villnößer Brillenschafs (siehe Bild links) mit seinen schwarzen Ringen um die Augen. "Das Brillenschaf ist ein sehr kleinwüchsiges Schaf", sagt Stefan Unterkircher, der dem Gourmetrestaurant Castel Ringberg als Koch und Betreiber vorsteht, "dadurch gibt es zwar weniger Fleisch, aber das ist viel zarter als jenes anderer Rassen." Und dann seien da noch die Vorzüge der Weidehaltung und des Futters aus Gräsern, Blumen und Kräutern, die sein Fleisch so aromatisch machten. "Früher hat man in Südtirol weniger Lamm-, dafür mehr Schaffleisch gegessen. Die Tiere wurden erst geschlachtet, als sie sehr alt waren, und ihr Fleisch meistens als Bauernbratl serviert, mit Schwarzplentner Riebler, einer Art Buchweizenschmarrn", sagt Unterkirchner. Er selbst versucht, möglichst das ganze Tier zu verarbeiten und bietet ein komplettes Menü vom Villnößer Lamm, bestehend aus Lammschinken, Beuschel, Schafkäse, gefüllten Teigtaschen und Braten aus dem Rohr.

Oben am Berg packt Götsch seinen Speck in den Rucksack und greift zum Hirtenstab. Rund drei Stunden sind es noch bis ins Tal zum Vernagt-Stausee. Dort werden die Tiere in einen riesigen Pferch getrieben, von ihren Besitzern aussortiert und nach Hause gebracht. Im Anschluss findet noch ein Volksfest statt, und dann ist es für heuer vorbei mit der alljährlichen Sommerfrische der Südtiroler Schafe in Österreich. (Georg Desrues, DER STANDARD, Rondo, 5.10.2012)

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5 Postings
Schöner Artikel

Danke!

ohhh........

"Scheisse" . . . Standard... .. . was soll das ??
Ich kam von "dort" hierHer . . . bin so froh dass'i nimmer duertn bin.

Und wer hat Sie mit vorgehaltener Pistole gezwungen, den Artikel anzuklicken und zu lesen?

das wahlvieh wird zu tal gebracht damit es sich rechtzeitig

in den wahllokalen einfindet...gut so...

bitte jetzt keine

abtreibungsdiskussion.

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