Romneys große Show

Im TV-Duell konnte der Herausforderer überzeugen, weil er sein wahres Programm vertuschte – und Obama dies zuließ

Es war ein fantastischer Abend für Mitt Romney. Der republikanische Präsidentschaftskandidat präsentierte sich in der ersten TV-Debatte sympathisch, warmherzig, kompetent und äußerst moderat. Präsident Barack Obama wirkte hingegen müde, lustlos, langatmig und offensichtlich frustriert, hier überhaupt diskutieren zu müssen.

Wenn solche Debatten Wahlkämpfe mitentscheiden  – und darüber gehen die Meinungen auseinander – dann sind Romneys Siegeschancen am 6. November trotz seiner schlechten Umfragewerte intakt.

Was an diesem Debatte so frustrierend war, ist, dass Romney eine Show abzog, die mit seinem eigentlichen politischen Programm nicht viel zu tun hat. Vielleicht ist Romney tatsächlich so moderat, wie er sich gab – für Finanzmarktregulierung, gegen Steuersenkungen für die Reichen, für den Ausbau des Schulsystems –, aber seine Partei hat ihn nicht nominiert, um eine solche Politik zu machen. Und Romney hat auch bisher so ziemlich das Gegenteil versprochen.

Während der Vorwahlen hatte ein Romney-Berater den Wahlkampf einmal mit einer Zaubertafel  (Etch-A-Sketch) verglichen, bei der das einmal Gezeichnete mit einer Bewegung gelöscht werden kann.  Genau das tat Romney in dieser Debatte.

Deshalb hatte Obama in den meisten Sachpunkten recht. Romneys Programm sieht wirklich Steuersenkungen um fünf Billionen Dollar vor, ohne zu sagen, welche Schlupflöcher und Absetzmöglichkeiten im Gegenzug geschlossen werden sollen.

Das ist kein Zufall: Denn um das zu tun, müsste Romney Privilegien wie die Absetzbarkeit von Hypothekarkrediten abschaffen, die ungemein populär sind. Daher ist mit einer weiteren Ausweitung des ohnehin schon riesigen Defizites zu rechnen.

Romneys Plan für die staatliche Krankenversicherung Medicare würde wirklich die Versorgung für viele Senioren verschlechtern. Und die geplante Zurücknahme von Obamas Gesundheitsreform ist inkonsistent, weil Romney die privaten Versicherungen weiterhin zwingen will, alle Kunden mit bestehenden Krankheiten zu versichern, ohne dass er ihnen den Pool der unversicherten Gesunden eröffnet.

Obama hat in der Debatte weitaus weniger versprochen. Er hielt sich zumeist an die Fakten, und die sind kompliziert und nicht leicht verständlich. Allerdings entsprachen seine langatmigen Ausführungen viel eher der wirtschaftlichen Realität als Romneys "soundbites".

Dem Präsidenten ist es an diesem Abend nicht gelungen, den Unterschied zwischen seiner ernüchternden Ehrlichkeit und Romneys sonnigen Illusionen herauszuarbeiten. Wenn Romney damit in den kommenden Wochen und am 6. November durchkommt, dann wäre das der Sieg von Seifenoper über Dokumentarfilm, von Schein über Fakten.

Es wird spannend sein zu beobachten, ob amerikanische Wähler sich so leicht in die Irre führen lassen.

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