Indian Summer in Nova Scotia

4. Oktober 2012, 17:00
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Das Neue Schottland ist verschwenderisch. Für bunte Wälder greift Nova Scotias Herbst in die Farbtöpfe. Indian Summer heißt das Prassen der Natur

Am Berghang bei einem Parkplatz scheinen zwei schwarze Baumstümpfe inmitten der schönsten Herbstfarben des Indian Summer zu stehen. Das wäre noch nichts Besonderes in dieser waldreichen Landschaft. Doch dann bewegen sich die beiden Stümpfe und kommen näher. Es sind zwei ausgewachsene Schwarzbären, die wohl ebenso auf diesem Picknick-Parkplatz frühstücken wollen.

Eine morgendliche Begegnung mit freilebenden Bären passt in die großartige Naturlandschaft des nördlichsten Teils der kanadischen Provinz Nova Scotia, Neuschottland, ganz im Osten Kanadas. Dabei liegt der "Bärenparkplatz" eigentlich am gut ausgebauten Cabot Trail, einer Panoramastraße, die sich rund um die Insel Cape Breton zieht. Einmal führt sie fast unmittelbar am Meer entlang, dann schwingt sie sich wieder jäh in die Höhe, und man blickt von den geschickt angelegten Aussichtspunkten in die Tiefe, wo das Wasser des Atlantiks gegen die Felsen donnert.

Wie ein schläfriger Hummer

Ein Stichweg ganz im Norden der Insel führt nach White Point. Eine Handvoll bunter Holzhäuser schart sich um ein kleines Hafenbecken, auf dessen Wasser Fischerboote dümpeln. Es riecht nach Salzwasser und Fisch, irgendwo wird an einem Boot gehämmert und gebohrt. Hummerkörbe sind auf dem schmalen Kai gestapelt und erinnern daran, dass Nova Scotia, dessen Umrisse mit etwas Fantasie an einen Hummer erinnern, einer der bedeutendsten Exporteure der begehrten Schalentiere ist. Doch die große Fangsaison beginnt erst im November, noch liegt ein schläfriger Charme über dem kleinen Hafen.

Über einen steilen Weg heißt es zu steigen, hinauf zu einem kleinen Restaurant, von dem die Gäste während des Abendessens die weiße Gischt des anrollenden Wassers spritzen sehen. Ganz am Ende dieser Felslandschaft erhebt sich der Leuchtturm des Ortes, einsam, weit vorgeschoben auf einem von Eis und Wasser glattgeschliffenen Granitbrocken. Natürlich steht wie in allen Restaurants dieser Landschaft das "Nationalgericht" auf der Speisekarte: Clam Chowder. Das ist ein Eintopf aus Kartoffeln, Räucherspeck, Zwiebeln, Milch und Sandklaffmuscheln.

Cape Breton, mit 55.000 Quadratkilometern größer als die Schweiz, ist durch einen Damm mit dem Festland verbunden und eine Art Finger, den Kanada gegen Europa ausstreckt. Von hier aus ist die Küste Europas näher als die Stadt Vancouver im Westen Kanadas. Der Name der Insel ist ebenso französisch wie der von etlichen Orten im Westen. Hier liegt die historische Landschaft des von Franzosen besiedelten Arkadien. Der Osten bleibt hingegen heute noch schottisch-gälisch geprägt. Kilt und Dudelsack, Highlandfestivals und die gälische Umgangssprache unter den Bewohnern mancher Dörfer könnten rasch vergessen lassen, dass man in Kanada unterwegs ist.

Reichtum auf den ersten Augenblick

Im Kejimkujik-Nationalpark stehen die endlos erscheinenden Wälder bereits in herbstlichem Farbenreichtum. Wie alle 13 Nationalparks in Nova Scotia ist auch dieser für Besucher hervorragend erschlossen: mit Informationszentrum, markierten Wanderwegen, Brücken, Bootsverleih, Rast- und Picknickplätzen. Das alles scheint im ersten Augenblick viel zu viel zu sein. Doch man merkt bald, dass auf diese Weise die Besucher gar nicht erst auf den Gedanken kommen, abseits der Wege zu gehen.

Beim Hinauspaddeln im Kanu auf den Kejimkujik-See - selbstverständlich mit einem Ranger an Bord - sind hier und da Weißwedelhirsche am Ufer zu sehen. Es ist zunächst ein ungewohntes Gefühl für jeden Unerfahrenen, in einem derart schmalen Boot zu sitzen. Denn insgeheim befürchtet man immer, bei der nächsten falschen Bewegung kentern zu können. Deshalb geht man die Sache erst einmal recht verkrampft an. Doch nach und nach gewöhnt man sich daran, die Paddel im rechten Takt mit den anderen ins Wasser zu tauchen.

Biber sind die besseren Paddler

Von einem Wasserfall stürzen moordunkle Wassermassen gischtend über die Felsen in die Tiefe hinab. Dieses dunkle Wasser sei besonders fischreich, sagt der Ranger. In einer kleinen Bucht daneben sind auch Schildkröten zu sehen. Dann macht er auf die Biberburgen aufmerksam und auf die paddelähnlichen Biberschwänze, die blitzschnell wegtauchen, sobald das Boot näher kommt. Sie haben wohl schon gelernt, mit ihren "Paddeln" umzugehen.

Abgesehen von der Holzverarbeitung gibt es in Nova Scotia kaum Industrie, so macht das Land, wohin der Besucher auch kommen mag, einen friedlichen Eindruck. Der wird freilich noch gesteigert durch die Vielzahl an Kirchen - selbst in den winzigsten Dörfern steht immer eine. Als historisch interessant entpuppt sich das Städtchen Lunenburg, dessen Gründer dort auch ihren Frieden suchten und fanden: Hannover'sche Soldaten, die nach ihrer Entlassung aus dem Dienst des englischen Königs - an den ihr Landesherr sie verkauft hatte - nicht nach Europa zurückwollten, gründeten den Ort um 1750. Deutsche, Schweizer und französische Protestanten zogen nach.

Der berühmte Schoner "Bluenose", der heute die Rückseite der kanadischen Zehn-Cent-Münze ziert, wurde hier gebaut. Das Schiff sank 1946 in der Karibik, doch ein naturgetreuer Nachbau, bereit, die Touristen hinauszufahren, liegt heute wieder im Hafen. Lunenburgs nachgelagerte Altstadt steht längst unter Denkmalschutz.

Halifax, das man beim Sprung von Europa über Island als erste Station in Nova Scotia erreicht, präsentiert sich zwar als Haupt-, aber nicht unbedingt als atemberaubende Großstadt. Immerhin kann sie sich des zweitgrößten Naturhafens der Welt nach jenem in Sydney rühmen. Im Zentrum ist die Zitadelle das Touristenziel, deren Ursprung mit der Stadtgründung 1749 zusammenfällt. Als sie 1821 endlich fertig war, brauchte sie keiner mehr. Sie wurde niemals belagert, erobert oder zerstört. Mit dieser Zitadelle wurde der beneidenswerten Behäbigheit der Provinz ein Denkmal gebaut. (Christoph Wendt, Rondo, DER STANDARD, 5.10.2012)


Impressionen vom Indian Summer gibt's in dieser Ansichtssache.

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