Endlich aufwachen, bitte!

Kommentar3. Oktober 2012, 22:06
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Wie die schlechten Uni-Ranking-Nachrichten doch zu etwas gut sein könnten

Bad News for Austria: Bereits im zweiten Satz des Reports über das neue Times Higher Education (THE) Uni-Ranking wird Klartext gesprochen. In einem der renommiertesten, durch ziemlich viele aussagekräftige Faktoren abgesicherten Ranking der besten Unis weltweit rangiert Österreich mit dem Zustand seiner Hochschullandschaft in einer Liga mit Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Das sollte zu denken geben. Nicht aus Nord-Süd-Präpotenz, sondern weil es für ein noch immer prosperierendes Land wie Österreich schlicht peinlich ist, mit schwer darbenden Staaten verglichen werden zu müssen. Diese vier sind in der 200-Best-of-the-World-Liste überhaupt inexistent. Österreich hat wenigstens eine Uni - die Uni Wien - drin. Noch.

Dieses Ranking - im Grunde genommen sagt es das, was auch die diversen anderen sagen, "Zufalls-Pech" gilt also nicht als Ausrede für das blamable Abschneiden - ist ein weiteres Wecksignal von außen, dass etwas geschehen muss. Nicht, weil es per se ein Wert ist, in einem Ranking präsent oder sogar weit vorne zu sein. Auch die Grenzen der Aussagekraft derartiger Vergleiche sind weithin bekannt.

Aber, auch das steht im THE-Report, ein weiteres Absacken der Leistungskraft des österreichischen Uni-Systems - es ist eine Systemfrage! - wäre "tragisch für das Land und schlecht für die Wirtschaft". Es geht ums Ganze, das Land. Um die, die studieren (wollen), und die, die das nicht tun (oder können). Auch für sie sind gute Universitäten ein Wert, von dem sie profitieren. Weil Unis keine Insel in der Gesellschaft sind, die ein paar (in Österreich noch immer sozial hochselektiv) Auserwählte in privilegierte Bildungs- und Lebenslagen hineinführen, sondern weil sie gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, der über die unmittelbare ökonomische Verwertbarkeit weit hinausgeht.

Dass es "systemrelevante" Banken gibt, gehört zum kollektiv-schmerzhaften Lerngewinn aus der Finanzkrise. Dass Universitäten und ihr Tun auch systemrelevant sind, ist offenkundig nicht einmal überall in der Politik angekommen. In dem Fall muss man "die Politik" sagen, auch wenn es in Österreich in der Bildungspolitik auch parteipolitisch relativ klar zuzuordnendes Politik-Versagen gibt - die ÖVP darf sich da in der Schulpolitik angesprochen fühlen, die SPÖ bei einigen Uni-Baustellen.

"Austria had a bad year", ist im THE-Bericht zu lesen. Wenn es denn nur ein schlechtes Jahr gewesen wäre seit der letzten Ranking-Messung! Österreich hat seit langem schlechte Uni-Jahre. Insofern muss man zynisch sagen: Die dauernden Bad News könnten Good News sein, wenn endlich jemand aufwachen würde in der Regierung. Es reicht nicht, den Rektorennotruf nach mehr Geld als ein auf einer vermeintlichen Rechenschwäche basierendes, unbegründetes Mantra herunterzumachen und so die unbestreitbare Unterfinanzierung der Unis als nationale Polit-Folklore einzubetonieren.

Was fehlt, ist Ambition - strukturell, finanziell. Das sieht man an den asiatischen Aufsteigern. Vor allem braucht es ein neues nationales Selbstverständnis. Schluss mit dieser kleinkrämerischen Genügsamkeit, die den "Status quo" als Messlatte für die Unis anbetet und nicht einmal diesen finanziell absichern kann (oder will). Was ist das überhaupt für ein lachhafter Anspruch an sich selbst? Bleibt alles schlechter, dann ist es schon gut genug?

Das wäre die dahindämmernde Gesellschaft als Ziel. Na dann, gute Nacht. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 4.10.2012)

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