Die Mutprobe im ukrainischen Horrorladen

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    apa-foto: georg hochmuth

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Rapid ist bei Metalist Charkiw ein krasser, aber selbstbewusster Außenseiter

Die Nachhaltigkeit der Europameisterschaft ist insofern gegeben, als in der nicht gerade beschaulichen Industriestadt Charkiw immer noch die riesigen Plakate hängen. "EURO 2012" steht draufgeschrieben und "Willkommen" in diversen Sprachen. Die Uefa begrüßt Europa in der Farbe Lila, im konkreten Fall muss das grüne Rapid mit seinen ungefähr 400 mitgereisten Fans gemeint sein. Die Ukraine ist natürlich auch nach dem Fußballfest die Ukraine geblieben, nur Naivlinge glauben an eine Weltverbesserung durch eine Sportveranstaltung.

Rudolf Edlinger ist übrigens Präsident der österreichisch-ukrainischen Gesellschaft, man tauscht Kulturprogramme aus, wirtschaftliche Beziehungen sind kein Thema: "Das funktioniert nicht." Edlinger ist diesmal eindeutig als Rapid-Präsident da, obwohl er auch dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und dem Wiener Pensionistenverband vorsteht. Ungefähr 20-mal ist er in der Ukraine gewesen. Welches Gefühl er vor der Partie gegen Metalist Charkiw hat? "Keines. Manche Ukrainer behaupten, dass Metalist gar nicht so stark ist. Ich teile dies Ansicht nicht." Die Wahrheitsfindung beginnt heute, Donnerstag, ab 19 Uhr (live ORF 1). Red Bull Salzburg (0:4, 1:4) und die Austria (1:2, 1:4) wissen aus den Vorsaisonen bereits, wie es nicht geht.

Kapitän Steffen Hofmann tendiert zum Präsidenten. "Es ist eher ein Horrorlos als eine angenehme Aufgabe." Trainer Peter Schöttel wiederum betont, "dass die Europa League niemals ein Horror sein kann. Aber die sind richtig gut. Wir dürfen sie nicht spielen lassen, sonst kommen sie in einen Rausch. Wir müssen aktiv sein und versuchen, in Ballbesitz zu kommen."

Metalist ist eigentlich eine südamerikanische Auswahl (Brasilianer, Argentinier), Klubpräsident Alexander Jaroslawski wirft mit Millionen um sich. Er besitzt nämlich Milliarden. Edlinger ist quasi die Antithese, er gilt als Sparmeister. Das Budget kann nur falsch geschätzt werden, vielleicht sind es 80 Millionen Euro. Jaroslawski hat Polizist gelernt, jetzt ist er Geschäftsmann mit ausgezeichneten Beziehungen. Er möchte es den ukrainischen Platzhirschen Dynamo Kiew und Schachtar Donezk endlich zeigen, sie nachhaltig quälen. Star der vom Einheimischen Miron Markewitsch trainierten Mannschaft ist der Brasilianer Taison, angeblich hat Chelsea schon angeklopft.

Mario Sonnleitner ist von solchen Gerüchten und Klopfzeichen befreit, der 26-Jährige ist nämlich Innenverteidiger bei Rapid. 2010 kam er von Sturm Graz nach Hütteldorf, er erlebte turbulente Zeiten, den Rauswurf von Peter Pacult, den Platzsturm im Derby, Schöttels Verpflichtung, die Raketen von Saloniki. Und das Geisterspiel zum Auftakt der Europa League gegen Rosenborg Trondheim, welches blöderweise 1:2 verloren ging. "Obwohl wir das bessere Team waren. Aber mit solchen Fehlern verlierst du auch gegen Wiener Neustadt."

Rapid sei Emotion pur. "Du spielst ja nicht Fußball, damit du dich langweilst." Man sei nicht in die Ukraine geflogen, "um die Punkte dazulassen. Wir dürfen nicht davor die Köpfe in den Sand stecken. Danach auch nicht." Sonnleitner weist darauf hin, dass Rapid Tabellenführer ist und in zehn Ligapartien erst vier Gegentore kassiert hat. "Warum sollte das in Österreich erworbene Selbstvertrauen nicht reichen, um in Europa zu bestehen?"

Sonnleitner, einer der zweikampfstärksten Verteidiger in der Liga, der im Nationalteam allerdings Leute wie Emanuel Pogatetz, Aleksander Dragovic und Sebastian Prödl vor sich hat ("Die Konkurrenz auf meiner Position ist gewaltig"), profitiert von der neuen Spielweise. "Rapid ist aktiver, attraktiver, bestimmender, offensiver geworden. Wir in der Abwehr werden entlastet."

In aller Bescheidenheit zählt er sich zu den Führungsspielern, andere sind Hofmann, Markus Katzer oder Markus Heikkinen. "Generell ist es so, dass Schöttel Eigenverantwortung verlangt. Durch seine ruhige Art zu kommunizieren, kann er das vermitteln." Sonnleitners Rezept gegen Charkiw lautet: "Mutig sein. Den Horror ignorieren." (Christian Hackl aus Charkiw, DER STANDARD 04.10.2012)

 

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