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Es ist schon fast ein Ritual: Vor jeder Fernsehdebatte der US-Präsidentschaftskandidaten kauft Jim Lehrer eine neue Krawatte. Sie soll dem inzwischen 78-jährigen Moderator Glück bringen. Zwölf dieser Glücksbringer hat Lehrer nun schon in seinem Kasten hängen. Der von Kollegen "Doyen der Moderatoren" Genannte hat so oft wie kein anderer Journalist die Fernsehduelle im US-Wahlkampf moderiert.
Eigentlich wollte der ehemalige Zeitungsjournalist die Fernsehdebatte zwischen Präsident Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney gar nicht mehr leiten. Im vergangenen Jahr erschien Lehrers Tension City, eine Abhandlung der Fernsehdebatten von Kennedy/Nixon bis Obama/McCain. Der Insiderbericht sollte den Schlussstrich unter Lehrers Moderatorentätigkeit ziehen. Das neue Format des Duells - sechs Themenblöcke zu je 15 Minuten und viel Zeit für offene Diskussionen - hat den ehemaligen News-Anchorman dann doch noch einmal gereizt.
Lehrer ist ein Moderator alter Schule: ruhig, unaufgeregt und sich nicht in den Vordergrund drängend. Langweilig und langatmig, meinen Kritiker. Eine Show zu machen ist ihm fremd. "Dass sich später jemand an meine Fragen erinnert, ist unwichtig. Die Antworten zählen", sagt Lehrer. Die Nachrichtensendung News Hour, deren Mitbegründer und langjähriger Chef Lehrer war, ist nach dessen eigener Aussage "herrlich langweilig".
Kein anderer nimmt es mit der Objektivität so genau wie Lehrer. Der 1934 in Wichita (Kansas) geborene "Mister Objektiv" hat seit 1964 an keiner Wahl mehr teilgenommen. Nur so seien seine persönlichen Überzeugungen von den professionellen Pflichten zu trennen.
Fünf Jahre bevor Lehrer 1988 das erste Fernsehduell der Präsidentschaftskandidaten moderierte, hatte er einen Herzinfarkt erlitten und sein Leben umgekrempelt. Seitdem gönnt sich der Modera-tor ein tägliches Mittagsschläfchen, schreibt Romane und widmet sich seiner Sammlerleidenschaft. Lehrer, dessen Eltern eine Buslinie betrieben, sammelt Bus-Memorabilia und hat sogar einen Bus-Oldtimer im Garten stehen.
"Ich wäre gerne als der Autor bekannt, der auch Fernsehen macht, und nicht als der TV-Typ, der auch Bücher schreibt", sagt Lehrer, der 20 Romane und drei Theaterstücke schrieb. Fürs Schreiben wird der Hemingway-Fan, der seit 1960 verheiratet ist, drei Töchter und sechs Enkel hat, nach der Präsidentenwahl wieder mehr Zeit haben. (Verena Diethelm, DER STANDARD, 4.10.2012)
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