Sierra Leone: Plastiksäcke statt Toiletten

Reportage4. Oktober 2012, 05:30
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Sierra Leone wird gerade von dem schlimmsten Cholera-Ausbruch seit Beginn der Aufzeichnungen heimgesucht. In den Slums der Stadt gibt es vier öffentliche Toiletten für tausende Einwohner - und auch die kann sich kaum einer leisten

Die stinkende, braune Brühe läuft über Aminatas offene Wunden. Die Zehnjährige tut so, als würde sie das Brennen nicht spüren. Sie ist an den Crocodile River gekommen, um das zu putzen, was ihre Familie besitzt: ein paar Schuhe, eine paar Töpfe.

Das Wasser, in dem Aminata ihre Schuhe putzt, hat in Kroobay, einem von 27 Slums in der sierraleonischen Hauptstadt Freetown, schon vielen Menschen den Tod gebracht. Im achtärmsten Land der Welt ist die Cholera ausgebrochen. 18.919 Menschen sind laut der offiziellen Statistik (Stand: 18. September) bisher erkrankt, 273 gestorben. Nach Schätzungen trägt mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Krankheitserreger in sich, Experten rechnen mit tausenden neuen Fällen in den nächsten Monaten.

Kaum jemand hat eine Toilette

"Ich habe noch keine Cholera, aber ich habe Angst, dass ich sie bekommen könnte", sagt Aminata während ein Schwein neben ihr auf dem Grund des Flusses laut grunzend nach Fäkalien sucht. Nicht nur Aminata kniet sich in den Fluss, wenn sie muss. Kaum einer der rund 12.000 Einwohner von Kroobay hat eine Toilette.

Auch 1998, 2002, 2004 und 2007 wütete die Seuche in Sierra Leone, doch der diesjährige Ausbruch ist der schlimmste, der je in Sierra Leone registriert wurde. Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen derzeit zurückgeht, sind immer noch zwölf der 13 Bezirke Sierra Leones betroffen.

Erkrankte , denken, dass sie verhext worden sind

"Die sanitäre Situation ist unglaublich schlecht. Nur 57 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Trinkwasser, nur 40 Prozent zu sanitären Anlagen. In den Slums ist die Situation noch viel schlimmer", sagt Claire Seaward von Oxfam. Die Hilfsorganisation arbeitet seit Jahren an der Verbesserung der sanitären Versorgung, um die Ursachen der regelmäßigen Cholera-Ausbrüche zu bekämpfen. In besonders gefährdeten Gebieten lässt die Organisation das Trinkwasser chloren und verteilt Elektrolytlösungen an die Patienten.

Saidu Turay arbeitet ehrenamtlich an einer dieser Stationen. "Viele Leute, die an Cholera erkrankt sind, denken, dass sie verhext worden sind. Ich bringe ihnen bei, dass die Krankheit kein unabwendbares Schicksal ist, sondern dass man sich schützen kann", erzählt der 49-Jährige. Er erteilt seine Gesundheitsaufklärung vor einem heruntergekommen Haus mit öffentlichen Toiletten. Theoretisch teilen sich mehrere tausend Leute die vier Klos, die nur einmal im Monat mit chemischen Reinigungsmitteln geputzt werden.

Fäkalien auf den Dächern

Da die Benutzung 500 Leones - umgerechnet neun Cent - kostet, kommen jedoch nur wenige Slumbewohner. Die anderen knien sich wie die kleine Aminata in den Crocodile River oder verrichten ihr Geschäft in eine Plastiktüte, die sie dann in hohem Bogen möglichst weit wegwerfen. In Anspielung auf den Paketzusteller nennt man diese Art der Entsorgung in den Slums von Freetown "DHLen". Die Wellblechdächer und engen Gassen sind voll von den Sendungen.

Trotz der Bemühungen der Regierung und den Projekten der internationalen Hilfsorganisationen wird der aktuelle Choleraausbruch sicher nicht der letzte sein. Vor allem bei der sanitären Versorgung passiert zu wenig, zu langsam. "Es wird noch Ewigkeiten dauern, bis wir die Cholera endgültig ausgerottet haben. Das ist eine Schande. Aber wir dürfen den Krieg, der mehr als zehn Jahre zurückliegt, nicht mehr als Ausrede benutzen", sagt Dr. Jambai, Chef der von der Regierung eingesetzten Cholera-Taskforce.

Doch Aminata, die im todbringenden Crocodile River ihre Schuhe schrubbt, will nicht ewig warten, bis die in Europa längst ausgerottete Krankheit endlich auch aus Kroobay verschwindet. Die Zehnjährige sagt: "Ich will Präsidentin von Sierra Leone werden. Als Erstes würde ich kostenlose Toiletten für alle einführen." (Philipp Hedemann, DER STANDARD, 4.10.2012)

  • Die zehnjährige Aminata wäscht sich und ihre Habseligkeiten im verseuchten Crocodile River in Freetown.
    foto: philipp hedemann

    Die zehnjährige Aminata wäscht sich und ihre Habseligkeiten im verseuchten Crocodile River in Freetown.

  • Weil viele Bewohner Sierra Leones nicht lesen können, werden sie per Zeichnung aufgefordert, zum Arzt zu gehen, wenn sie Cholera bekommen.
    foto: philipp hedemann

    Weil viele Bewohner Sierra Leones nicht lesen können, werden sie per Zeichnung aufgefordert, zum Arzt zu gehen, wenn sie Cholera bekommen.

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