Mein Schreibtisch und ich

  • KarrierenStandards erscheint am 4. Oktober als Supplement des STANDARD. Das neue Magazin wird es künftig jährlich geben.
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Chaot oder Pedant, Nippes oder Kunst, Montblanc oder Bic? Unser Schreibtisch verrät viel

Glaubt man den Ergebnissen einer Studie der Köln International School of Design (KISD, My Desk is my Castle), verrät die Art, wie unsere Schreibtische gestaltet sind, was und wie wir Dinge darauf ablegen und hinstellen, wahrscheinlich mehr über uns, als uns vielleicht lieb ist. Da kommt man beim Blick auf den eigenen Tisch schon ein wenig ins Grübeln.

Die KISD-Forscher jedenfalls haben weltweit 700 Schreibtische von Mitarbeitern aller Hierarchiestufen und unterschiedlichen Branchen in elf Ländern auf fünf Kontinenten fotografieren lassen und diese analysiert - mit zunächst einer (für die meisten wahrscheinlich) guten Nachricht: Chaos siegt über pedantisch aufgeräumte Schreibtischoberflächen. Chaos im Sinne von: Es schaut nur fast so aus wie unter Hempels Sofa. Irgendwo gibt es auch Grenzen. Aufgetürmte Papierstapel, offene Ordner, benutzte Kaffeetassen, Kugelschreiber und Bleistifte außerhalb des dafür vorgesehenen Bechers, Post-its überall, wo noch Platz dafür ist - sonst übereinandergeklebt, Fotos der Lieben und, und, und.

Im Schnitt, so die Studienergebnisse, fand sich mehr als ein Dutzend privater Objekte auf den Tischen, die nichts mit dem Job zu tun hatten. Wobei die Bürotische in Asien mit durchschnittlich 20 bis 40 Stück privater Nippes - aufgrund von knappem privatem Wohnraum, wird vieles ins Büro ausgelagert, so die Begründung der Forscher - den weltweiten Schnitt wohl heben. Und auch wenn es große kulturelle Unterschiede in Sachen Schreibtischarrangement gibt, grundsätzlich gelte: Jene Dinge, die wir bewusst oder unbewusst auf unseren Tischen für alle sichtbar platzieren, sind Zeichen unserer Persönlichkeit oder unseres Selbstbildes, das zu verbreiten wir uns anschicken. Angeblich wird hier nichts dem Zufall überlassen. Allzu Privates verschwinde deshalb meist in den Schubladen darunter, so die Schreibtischspione.

Fast erschreckend banal klingen die Interpretationen der Forscher. Ein Beispiel: Auf die Frage, was denn die Kombination von einem Visitenkartenhalter und einer Weltkarte auf dem Schreibtisch eines Kollegen signalisiere, antwortet Michael Erlhoff, Designtheoretiker und Gründer der KISD: Damit will man zeigen, dass man vernetzt und weltgewandt ist. Ein Füllfederhalter bedeute so viel wie "meine Signatur hat Bestand - Kugelschreiber ist etwas für Praktikanten". Vergleichbar sei der Schreibtisch mit der Kleidung, über die Menschen ebenso etwas mitteilen wollen - ob sie nun wollen oder nicht. Vor allem anderen aber wollen die allermeisten Menschen Macht und Status demonstrieren.

"Ich bin unverrückbar"

Für die Schreibtische bedeutet das Trophäen, Kunst, dicker Autoschlüssel, teurer Füllfederhalter. Die Tische der Chefs sind häufig nicht nur größer, sondern auch aus schwereren Materialien hergestellt, sie seien robust und kantig, vermitteln die Botschaft: "Ich bin unverrückbar", nennt Erlhoff nur einige Beispiele. "Deprimierend schnell", sagt er, lande man bei Klischees. Männerschreibtische seien fast immer deutlich von Frauenschreibtischen zu unterscheiden. So liegen auf Frauentischen häufiger pastellfarbene, weiche Gegenstände. Auch liegen dort häufiger Massageroller, Taschentücher oder Kopfwehtabletten rum. Viele Frauen präsentieren auf ihren Tischen ihr Leid, sagt er, während Männer kaum zerknülltes Papier herumliegen lassen und massenhaft Modellautos auf ihre Tische stellen, was der Laie mit "Ich bin kindisch, kindisch, kindisch" interpretieren würde. Nicht so Erlhoff, der Matchboxautos mit "Ich bin stark, stabil, mir geht es gut", interpretiert.

Was aber passiert, wenn dem eigenen Schreibtisch nun das Großraumbüro mit wechselnden Plätzen folgt, wenn die Zukunft tatsächlich den sogenannten Großraumnomaden gehört? Wohin mit dem Zeug? Zukunftsforscher meinen, dass selbst bei wechselnden Arbeitstischen zumindest eine eigene Ablage - wie etwa ein Spind - zur Verfügung gestellt werden sollte. Und geht man nach dem Designtheoretiker Erlhoff, dann richten sich Mitarbeiter selbst Arbeitstische in Callcentern, die in der Regel nur kurzzeitig frequentiert werden, ein - stellen Blumen hin oder hängen ein Poster auf. Bei allem arbeitstechnischen Nomadentum, der Mensch braucht einen Anker, und das ist oft der Schreibtisch. (Heidi Aichinger, KarrierenStandards, 4.10.2012)

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