Krejci wünscht Stronach "keinen politischen Erfolg"

Interview4. Oktober 2012, 05:30
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Herbert Krejci, langjähriger Generalsekretär der Industriellenvereinigung, seit kurzem 90 Jahre alt, über die alte Sozialpartnerschaft, den Unternehmer-Politiker Frank Stronach und den Kampf um die Stammtische in der EU-Krise

STANDARD: Herr Professor, warum gibt es über das heutige politische Führungspersonal keine Anekdoten wie über Raab, Figl, Kreisky, Benya, Sallinger etc.?

Krejci: Die geben nichts mehr her. Den heutigen sind große geschichtsträchtige Auseinandersetzungen erspart geblieben. Viele wissen nicht, wie ist es zum Jahr '34 (Bürgerkrieg, Anm.) gekommen ist. Es fehlen auch die Erlebnisse. Sallinger und Benya (legendäre Sozialpartner, Präsidenten von Wirtschaftskammer und ÖGB, Anm.) haben beide gesagt, wir wissen noch, was Hunger ist.

STANDARD: 1934 hat im autoritären Ständestaat ein Berufsheer mit Kanonen auf den Karl-Marx-Hof geschossen. Die heutige Sozialdemokratie hat keine Bedenken mehr wegen eines Berufsheeres.

Krejci: Ich habe als Kind noch in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1934 den Donner der auf der Hohen Warte aufgefahrenen Haubitzen gehört. Aber 1959 beim Staatsbegräbnis von Johann Böhm (erster ÖGB-Präsident nach 1945, Anm.) habe ich vom Fenster der IV (Industriellenvereinigung) aus gesehen, dass er von einer Ehrenkompanie der Garde begleitet wurde. Die haben die Fahnen gesenkt, und da hab' ich zu meinen Mitarbeitern gesagt, jetzt ist 1934 überwunden.

STANDARD: Sie haben die Versöhnung und Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie als Generalsekretär der IV auch gegen Widerstände gefördert.

Krejci: Die Spitze der Vereinigung war absolut auf Zusammenarbeit eingestellt. Der legendäre Präsident Mayer-Gunthof ist einmal einem aristokratischen Mitarbeiter mit Löwenstimme über den Mund gefahren, der einen der üblichen Witze über den damaligen Bundespräsidenten Franz Jonas erzählen wollte. Die Führungsgeneration beider Seiten hat gesagt, die Feindschaft darf nicht wiederkehren. Mein Freund Heinz Kienzl (Ex-ÖGB, siehe Artikel un ten) und ich versuchen heute, den Sozialpartnergedanken wieder stärker ins Gespräch zu bringen.

STANDARD: Da muss man dazu erklären, dass die Sozialpartner so eine Art Schattenregierung gebildet haben, die praktisch die Löhne und Preise ausgemacht hat. Das ging in der Aufbauzeit, aber heute gilt das als Packelei.

Krejci: Man kann heute nicht mehr die Preise für Schlüsselprodukte festlegen. Aber es geht darum, mit welcher Gesinnung man an den Staat herantritt. Was ist Sozialpartnerschaft im Grunde? Die Grenze des Zumutbaren für den anderen zu wissen. Es wird ja sehr interessant sein, wie jetzt die Lohnverhandlungen in der Metallindustrie nach einem neuen Schema ausgehen (es verhandeln erstmals sechs Fachverbände getrennt mit der Gewerkschaft; es droht ein Arbeitskampf, Anm.). Man darf die Sozialpartnerschaft nicht auf einen Altar stellen, aber die Grundidee - Zusammenarbeit ist besser als Konfrontation - sollte bleiben. Wenn Sie heute fragen, wer ist der Präsident des ÖGB, weiß es kaum mehr einer. Aber Insider meinen, dass im Präsidenten Foglar vieles steckt und er in seine Funktion hineinwächst wie Benya.

STANDARD: Mit der sogenannten schwarz-blauen Wende 2000, gegen die Sie aufgetreten sind, ist die Konsenspolitik aber gerade von der Industriellenvereinigung verlassen worden.

Krejci: Sie werden verstehen, dass ich hier keine Kritik an ehemaligen Präsidenten übe. Aber die erste Phase von Schwarz-Blau war sicher nicht von einem großen Willen zur Zusammenarbeit geprägt. Man hat sich auch blenden lassen. Als der Karl-Heinz Grasser das erste Mal im Vorstand der IV auftrat, war es so, dass einer der großen Zyniker der Unternehmenswelt gesagt hat, das nächste Mal bringen sie ihm noch ihre Kinder zum Segnen. Mir war er immer unheimlich - ganz im Unterschied zu einem anderen ganz jungen Finanzminister, dem Hannes Androsch.

STANDARD: Dem hat man aber Steuerhinterziehung vorgeworfen.

Krejci: Er war aber in der wirtschaftspolitischen Materie beschlagen, und er war ein homo politicus. Es war eine Substanz da. Das personelle Angebot der Sozialdemokratie hat übrigens stark nachgelassen. Und die ÖVP sollte sich nicht nur um die so genannte Stammklientel kümmern.

STANDARD: Inzwischen tauchen Phänomene auf wie Stronach.

Krejci: Ich achte den Unternehmer Stronach, aber ich wünsche ihm keinen politischen Erfolg. Ein Spiel mit dem Euro ist staatsgefährdend.

STANDARD: Die IV hat ja Parteien finanziert und tut es noch.

Krejci: Wenn ich als Generalsekretär gefragt wurde, habe ich gesagt, es ist ein demokratisches Recht und in allen Ländern üblich, dass Unternehmerverbände wie andere Interessenorganisationen ihnen gesellschaftspolitisch nahestehende Gruppen unterstützen. Ich ha be keinen Einblick, aber ich höre, dass der Rahmen nicht so groß ist wie früher.

STANDARD: Sie sind noch in der Gesellschaft für Europapolitik. Tut die Politik genug in Sachen EU?

Krejci: Viel zu wenig. Wir haben die Volksabstimmung 1994 im Kampf um die Stammtische gewonnen: ins Volk gehen, aber nicht eine blühende Welt schildern.

STANDARD: Wie soll man die EU argumentieren? Die Jungen glauben nicht mehr, dass es einen Krieg in Europa geben wird.

Krejci: Trotzdem muss man es den Jungen sagen. Sie wissen nicht, wie furchtbar der Krieg ist. Aber wenn Europa seinen Wohlstand im internationalen Wettbewerb erhalten will, brauchen wir die EU. Wir sollten uns übrigens im Klaren sein, dass in unserem Land ungeheure Talentreserven schlummern. Wir sind nicht die Kleingeister, zu denen wir uns selber machen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 4.10.2012)

Herbert Krejci (90) war langjähriger Mitarbeiter der Industriellenvereinigung und von 1980 bis 1992 ihr Generalsekretär.

  • Krejci: "Ich achte den Unternehmer Stronach, aber ich wünsche ihm keinen politischen Erfolg. Ein Spiel mit dem Euro ist staatsgefährdend."
    foto: standard/cremer

    Krejci: "Ich achte den Unternehmer Stronach, aber ich wünsche ihm keinen politischen Erfolg. Ein Spiel mit dem Euro ist staatsgefährdend."

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