Töchterle: Studieneingangsphase wird missbraucht

Interview3. Oktober 2012, 19:04
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Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle ist unzufrieden mit der Studieneingangsphase. Die Studienplatzfinanzierung soll Abhilfe schaffen

UniStandard: Sie werden immer wieder dafür kritisiert, sich vor allem um die finanzielle Situation der Unis zu kümmern, nicht aber um die soziale Lage der Studierenden - ein falscher Eindruck?

Töchterle: Es darf kein Entweder- oder sein. Aber ich gebe zu, das Wichtigste sind mir gute Rahmenbedingungen für die Universitäten. Mag sein, dass dabei meine biografische Prägung eine Rolle spielt, da ich ja selber als Arbeiterkind studiert und mein Studium zur Gänze selbst finanziert habe - vielleicht sollte ich da noch sensibler sein. Und manchmal klaffen die Dinge in der Studienförderung auch auseinander - da zähle ich auf die Expertise und die Lösungsvorschläge der jüngst eingerichteten Arbeitsgruppe der Hochschulkonferenz zur sozialen Absicherung der Studierenden. Natürlich will ich nicht als total hartherziger Interessenvertreter ausschließlich von Unibudgets dastehen. Das bin ich auch nicht.

UniStandard: Lässt sich das Engagement für Unis überhaupt entkoppeln von dem für abgesicherte Verhältnisse der Studierenden?

Töchterle: Ganz entkoppeln kann man es nicht, aber schauen Sie sich die Spitzenuniversitäten der Welt an, die haben teilweise ex trem hohe Studienbeiträge, wie Harvard und Oxford - dort ist das sehr entkoppelt. Mir ist die soziale Lage der Studierenden nicht wurscht, ich überlege durchaus noch viele Dinge zur Verbesserung, habe auch diverse Ideen. Aber wir müssen das gut durchüberlegen und vorbereiten, vielleicht kann ich dann eine von ihnen bekanntgeben und umsetzen.

UniStandard: Derzeit denken Sie aber wohl vor allem an Studiengebühren. Laut der kürzlich veröffentlichten Studierenden-Sozialerhebung haben 31 Prozent nur maximal 700 Euro monatlich zur Verfügung. In Ihrem Gebührenmodell wären 17 Prozent befreit. Es bleibt also eine Gruppe von mindestens 14 Prozent bestehen, die unter der Armutsgrenze lebt und nach Ihrem Modell dennoch beitragsfähig wäre - halten Sie das für akzeptabel?

Töchterle: Ich habe schon öfter betont und meine das auch so: Kein junger Mensch soll aus finanziellen Gründen von einem Studium abgehalten werden. Wenn man die Beiträge, die mir maximal vorschweben, nämlich 500 Euro im Semester, herunterbricht auf eine Monatsleistung, dann sind das 80 bis 90 Euro.

UniStandard: Was für diese Gruppe mehr als zehn Prozent sind ...

Töchterle: Ja, aber in meinem Modell sind die 500 Euro erstens ein Maximum, und zweitens gibt es eine Fülle weiterer sozialer Begleitmaßnahmen. Eine ganz wichtige ist die Stundung. Bedürftige Personen könnten nach dem Abschluss, wenn sie verdienen, in zwei bis drei Jahren die Beiträge zurückzahlen. Ich würde sagen, das ist nach wie vor zumutbar, dadurch wird die Härte herausgenommen. Meine beiden Kinder haben auch Gebühren bezahlt, und die mussten sie selbst verdienen. Das war auch eine Art pädagogische Maßnahme.

UniStandard: Mit den Gebühren wollen Sie auch die Bummelstudenten aus dem Hörsaal bekommen. Was spricht denn dagegen, wenn jemand sein Studium auf einen längeren Zeitraum als die Mindeststudienzeit anlegt? Den Unis werden dadurch ja nicht mehr Kapazitäten abverlangt.

Töchterle: Das stimmt nicht ganz, denn Studierende beanspruchen Mittel, und wenn sie schneller studieren, beanspruchen sie weniger Mittel. Das ist das knallharte Effizienz-Argument, zu dem ich als Minister angehalten bin. Ich habe mir auch manchmal überlegt, ob die Behauptung überhaupt stimmt, und sie hat vielleicht auch die eine oder andere Schwäche. Aber jeder Hochschulökonom sagt das so. Ich gebe aber zu, dass ich auch zu meinen eigenen Kindern gesagt habe, ihr müsst nicht mit Scheuklappen und Vollgas durch die Uni rennen.

UniStandard: Bei den Studiengebühren scheint es noch länger zu dauern, bis Sie sich mit der SPÖ einigen. Bei welchem Thema wird sich bald etwas bewegen?

Töchterle:: Bei der Studienplatzfinanzierung führen wir seit Anfang des Jahres mit Andrea Kuntzl (Wissenschaftssprecherin der SPÖ, Anm.) Gespräche. Wir sind vorangekommen, und ich hoffe, dass wir bald ein gemeinsames Ergebnis präsentieren können.

UniStandard: Noch heuer?

Töchterle: Ja, wenn wir zu einem Ergebnis kommen, wird es in diesen Wochen bekanntgegeben.

UniStandard: Derzeit werden die Kapazitäten versteckt geregelt, meinen Kritiker, etwa mit der Eingangsphase (StEOP), die letztes Jahr eingeführt wurde. In Pharmazie haben nur sieben von 600 Anfängern die STEOP bestanden. Betrachten Sie die Umsetzung als gelungen?

Töchterle: Die STEOP hat ein Problem, das man ganz offen ansprechen muss: Sie ist mit dem Koalitionspartner vereinbart worden, um ehrlichen Zugangsregelungen zu entgehen. Das bekannte Problem jeglicher Unehrlichkeit ist, dass sie irgendwann aufschlägt. Wenn man eine Studieneingangsphase missbrauchen muss, um Leute hinauszuprüfen, dann ist sie eben missbraucht. Natürlich wird eine Studieneingangs- und Orientierungsphase ein gewisser Filter sein - sie darf schon dem einen oder anderen mitteilen: Das ist nichts für mich, es soll ja eine Orientierung sein. Aber wenn man sie auch verwenden muss, um Leute hinauszuprüfen, dann ist das von vornherein ein Geburtsfehler. Deswegen bin ich ja so erpicht darauf, dass wir ehrliche Kapazitätsregelungen finden.
(Tanja Traxler, DER STANDARD, 4.10.2012)

Karlheinz Töchterle (63) ist seit April 2011 Wissenschaftminister im Team der ÖVP. Der promovierte Altphilologe war zuvor seit 2007 Rektor der Universität Innsbruck. Töchterle ist verheiratet und hat zwei Kinder.

  • "Natürlich will ich nicht als hartherziger Interessenvertreter ausschließlich von Unibudgets dastehen", sagt Karlheinz Töchterle, gibt aber zu: "Das Wichtigste sind mir gute Bedingungen für die Unis."
    foto: standard/urban

    "Natürlich will ich nicht als hartherziger Interessenvertreter ausschließlich von Unibudgets dastehen", sagt Karlheinz Töchterle, gibt aber zu: "Das Wichtigste sind mir gute Bedingungen für die Unis."

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