Was mein ist, ist auch dein

3. Oktober 2012, 16:25
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Gemeinsam weniger einkaufen: Von Leihläden, kritischen Konsumenten, Couchsurfern und Geschäftsideen rund ums kollaborative Shoppen

Kleider, Bücher, Spielzeug: Von dem meisten hat man zu viel. Vieles landet in Sammelcontainern, manches wird auf Online-Plattformen wie Ebay, Willhaben und Co wieder zu Geld gemacht, einiges steht bis auf wenige Stunden Nutzung in Garage und Keller herum, viel zu viel gammelt absolut ungenutzt in den eigenen vier Wänden vor sich hin, und nicht weniges landet im Mist.

Diesem Trend trägt etwa ein neues Geschäft in Berlin Rechnung. Im Leihladen Leila kann man Dinge gemeinsam nutzen, anstatt sie daheim verkommen zu lassen. Das Leila-Prinzip funktioniert in der Praxis so: Mitglieder leisten einen freiwilligen finanziellen Beitrag, bringen einen oder mehrere Leihgegenstände mit und können sich dann viele andere ausleihen.

Vom Lastenfahrrad über die Thermoskanne, von der Mistgabel bis zur gemeinschaftlich nutzbaren Gärtnerparzelle, vom Fahrradhelm bis zum Gartensessel - kunterbunt ist, was die Berliner zur Nutzung bereitstellen. Für manches muss eine Rückgabefrist eingehalten oder ein Pfand hinterlegt werden. Lesestoff, Pflanzen und Spiele - gut erhalten, aber für ihre Besitzer nutzlos geworden - werden auch verschenkt.

Kritische Masse

Gründer Nikolai Wolfert ist studierter Diplomsoziologe. Mit dem Leihladen verfolgt der 30-Jährige durchaus auch subversive Ideen, wie er im Deutschlandradio kundtut: "Unser Konzept bedeutet ein Umdenken von dem, dass man im Haushalt tausend Dinge hat. Das ist ein großer Reichtum, der aber selten genutzt wird. Die Raclettemaschine, die Bohrmaschine, das liegt den ganzen Monat rum. Und was Occupy kritisiert, ist: dass ein Prozent unglaublich viel Wohlstand und Macht haben. Aber ich glaube, wir können uns von dieser Macht unabhängiger machen, indem wir unseren eigenen Wohlstand mobilisieren, indem wir beginnen zu teilen. Und dann sind wir 99 Prozent nicht mehr ohnmächtig, sondern eine kritische und bedeutende Masse."

Die sozioökonomische Strömung des kollaborativen Konsums wird vermutlich die Art verändern, wie Menschen ihre Bedürfnisse stillen. Couchsurfen, Autoteilen, Homesharing: "Teilen statt kaufen oder nutzen statt besitzen" lautet das Prinzip, das mittlerweile recht vielfältig auf ähnlicher Basis funktioniert. Teilnehmer an solchen Netzwerken sparen meistens Geld und verbrauchen außerdem weniger Ressourcen. So gesehen handeln sie - gewollt oder ungewollt - auch im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens. Daneben blühen und gedeihen auch zahlreiche Start-ups mit Ideen rund ums kollaborative Nutzen. Denn das World Wide Web macht es möglich, dass Menschen ihre Produkte leichter verkaufen, verschenken, verleihen, tauschen oder vermieten können.

Anbieter und Nachfrager zusammenbringen

Immerhin könnte es nach jeder nicht genutzten Ressource eine Nachfrage geben. Wer Anbieter und Nachfrager miteinander in Kontakt bringt, hat somit schon eine Geschäftsidee. Airbnb und 9flats machen das für private Unterkünfte, carsharing247 für Autos, Leihdirwas und Frents für alle erdenklichen Alltagsgegenstände. Das Prinzip, im Privatbesitz befindliche Ressourcen gegen Bezahlung zu vermieten, wollen die zwei Wiener Karim Saad und Dzenid Muratovic sogar auf etwas so Intimes wie Kleider übertragen.

Mit ihrem im heurigen Frühling für New York, San Francisco, Los Angeles und London gestarteten Onlinedienst Fashionlend wollen die zwei Gründer die gemeinsame Nutzung von Mode und Accessoires ermöglichen. Wer sich nicht von den durchaus saftigen Preisen (die Tagesleihgebühr für eine Damenhandtasche liegt da schon einmal bei zehn Euro) abhalten lässt, kann sogar in fremde Schuhe steigen. (Regina Bruckner, derStandard.at, 3.10.2012)

Wissen

Geprägt wurde der Ausdruck "Collaborative Consumption" von Ray Algar in einem gleichnamigen Artikel, der 2007 im "Leisure Report Journal" erschien. Rachel Botsman und Roo Rogers haben den Trend in ihrem Buch "What's Mine Is Yours. The Rise of Collaborative Consumption" beschrieben.

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    Kaufen, kaufen, kaufen - war einmal. Jetzt sind andere Trends im Kommen.

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