"Werde mir im Winter Gedanken machen"

Interview |
  • "Wenn man in der fünften Minute 
einen Fehler macht und dann für den Rest der Partie zittert, tut 
das der Mannschaft sicher nicht gut."
    foto: ap/artinger

    "Wenn man in der fünften Minute einen Fehler macht und dann für den Rest der Partie zittert, tut das der Mannschaft sicher nicht gut."

  • "Eine heutzutage enorm wichtige Komponente
 ist das Mitspielen mit dem Fuß."
    foto: apa/ fohringer

    "Eine heutzutage enorm wichtige Komponente ist das Mitspielen mit dem Fuß."

  • "Ich habe noch Vertrag bis nächsten Sommer und werde mir im Winter Gedanken machen." (Im Bild: Almer im Spiel gegen Deutschland vor Hummels am Ball).
    foto: reuters/leonhard foeger

    "Ich habe noch Vertrag bis nächsten Sommer und werde mir im Winter Gedanken machen." (Im Bild: Almer im Spiel gegen Deutschland vor Hummels am Ball).

  • "Wir haben gesehen, dass wir mit Deutschland mithalten können und dass wir auch bessere Chancen herausspielen können."
    foto: apa/ hochmuth

    "Wir haben gesehen, dass wir mit Deutschland mithalten können und dass wir auch bessere Chancen herausspielen können."

  • Almer über Teamchef Koller: "Die Art und Weise, wie er mit den Spielern umgeht und mit ihnen spricht, hat Hand und Fuß." (Im Bild: Almer hatte beim Elfer von Özil keine Chance.)
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    Almer über Teamchef Koller: "Die Art und Weise, wie er mit den Spielern umgeht und mit ihnen spricht, hat Hand und Fuß." (Im Bild: Almer hatte beim Elfer von Özil keine Chance.)

ÖFB-Teamkeeper Robert Almer im Gespräch über seine Reservistenrolle bei Fortuna Düsseldorf, die Technik des Oliver Kahn und die schwierige Aufgabe gegen Kasachstan

Wien - Ein Torhüter benötigt keine sonderlich starken Nerven, "aber er muss lernen, Fehler zu akzeptieren und schnell abzuhaken", sagt ÖFB-Teamkeeper Robert Almer, der beim deutschen Bundesligisten Fortuna Düsseldorf aktuell nur zweite Wahl hinter dem herausragend agierenden Fabian Giefer ist.

Wodurch sich Teamchef Koller auszeichnet, was das ÖFB-Team Positives aus der Niederlage gegen Deutschland mitgenommen hat, warum er keine Vorbilder hat, Spielpraxis für ihn nicht so entscheidend ist, warum es keine Fußballzwerge mehr gibt, wie er seine sportliche Zukunft gestalten will und was er von Oliver Kahn hält, erzählt der Steirer im Interview.

derStandard.at: Wer ist der aktuell beste Keeper der Welt?

Almer: Das ist ganz schwer zu sagen. Es gibt einige sehr gute. Casillas bei Real, Chelsea-Keeper Cech oder Neuer von den Bayern, der mit dem Fuß sehr stark ist. Jeder hat seine Stärken, aber auch Bereiche, in denen er nicht so gut ist. Im Großen und Ganzen will ich mich aber nicht auf einen festlegen. Es gibt sicher fünf, sechs, die es sich verdient haben, an der Weltspitze zu stehen.

derStandard.at: Hatten Sie jemals ein Vorbild?

Almer: Früher hatte ich Peter Schmeichel und Van der Sar als Vorbilder. Jetzt ist es so, dass man sich von gewissen Torhütern abschaut, wie sie Situationen lösen, und dadurch seine Technik adaptiert und verbessert.

derStandard.at: Und Oliver Kahn?

Almer: Technisch gesehen war er sicher kein überragender Torhüter. Aber er hat mit seiner mentalen Stärke und seinem Ehrgeiz Bälle gehalten, wo man sich denkt, das gibt es eigentlich gar nicht. Er war natürlich eine große Persönlichkeit im Fußball.

derStandard.at: Braucht ein Keeper Nerven wie Stahlseile?

Almer: Man sollte nervlich gut belastbar sein. Totzdem glaube ich nicht, dass das entscheidend ist. Wichtiger ist, dass man einen Fehler schnell abhaken und sich weiter konzentrieren kann. Damit haben junge Torhüter oft Probleme, aber das lernt man mit der Zeit. Man lernt, Fehler zu akzeptieren und weiterzuschauen. Wenn man in der fünften Minute einen Fehler macht und dann für den Rest der Partie zittert, tut das der Mannschaft sicher nicht gut.

derStandard.at: Welche Fähigkeiten braucht es, um ein guter Tormann zu sein?

Almer: Das kann man pauschal gar nicht sagen. Jeder hat seine Vorzüge und Stärken, aber auch Bereiche, in denen er sich verbessern kann. Da gibt es kein Patentrezept. Eine enorm wichtige Komponente ist aber sicher das Mitspielen mit dem Fuß. Außerdem ist es sehr wichtig geworden, möglichst viele Flanken abzufangen.

derStandard.at: Welche Rolle spielt der Kopf?

Almer: Sicher eine entscheidende. Als Torwart musst du 90 Minuten voll konzentriert sein, egal ob der Ball bei dir ist oder nicht, weil jederzeit irgendetwas passieren kann und du eingreifen musst. Für Feldspieler gibt es kurze Momente, in denen sie abschalten können.

derStandard.at: Für Düsseldorf läuft es in der deutschen Bundesliga ziemlich gut. Die Sache hat aus Ihrer Sicht wohl nur einen Haken: Einserkeeper Fabian Giefer, der bislang nur drei Tore kassiert hat ...

Robert Almer: Solange er gut steht, gibt es keinen Grund, irgendetwas zu ändern. Die Situation ist im Prinzip fast die gleiche wie im Vorjahr. Für mich heißt es abwarten, im Training Gas geben und, wenn sich die Chance bietet, zuschlagen.

derStandard.at: Besteht Ihre Chance nun darin, zu hoffen, dass sich Giefer verletzt?

Almer: So würde ich das nicht sagen. Ich muss wie im letzten Jahr versuchen, aufgrund meiner sportlichen Leistung ins Team zu kommen. Leider gibt es für einen Torhüter diesbezüglich nicht viele Möglichkeiten. Die Chance, eingewechselt zu werden, ist für einen Tormann gering.

derStandard.at: Wie sieht Ihre sportliche Zukunft aus?

Almer: Ich habe noch Vertrag bis nächsten Sommer und werde mir im Winter Gedanken machen. Davor kann ich ohnehin nichts beeinflussen, weil die Übertrittszeit erst im Jänner ist. Ein Wechsel würde dann ohnehin nur in Frage kommen, wenn die Fortuna das Einverständnis gibt.

derStandard.at: Wäre es auch denkbar, längerfristig die Nummer zwei zu bleiben?

Almer: Nicht wirklich, aber man muss auch schauen, welche Möglichkeiten es gibt. Das Gesamtpaket muss passen. Ziel ist es natürlich, bei einem Verein zu sein, wo ich regelmäßig zu Einsätzen komme. Das verhält sich bestimmt bei jedem Profi so.

derStandard.at: Laut Ihren Aussagen ist "mangelnde Spielpraxis für einen Torhüter nicht so ein großes Problem". Wichtig sei es, über 90 Minuten die Konzentration zu wahren. Und das könne man gut mit einem Mentalcoach trainieren. Gibt es einen solchen bei der Fortuna?

Almer: Wir haben einen Mentalcoach, mit dem wir auch regelmäßig zusammenarbeiten. Es funktioniert eigentlich sehr gut. Mangelnde Spielpraxis wird man dadurch natürlich nie kompensieren können, aber man kann darauf hintrainieren, dass dies nicht so ausschlaggebend ist. Speziell für Torhüter ist die Spielpraxis auch nicht so entscheidend wie für Feldspieler, weil die mentale Belastung wesentlich höher ist als die körperliche.

derStandard.at: Welche Methoden werden bei der Mentalbetreuung angewendet?

Almer: Neben Gesprächen, wie man sich in gewissen Situationen verhält, gibt es auch verschiedene Übungen, wie man sich besser fokussieren kann, wie man nach Training oder Spiel den Kopf schneller runterfährt, damit die Anspannung nachlässt. Man kann das durch autogenes Training oder mittels Visualisierung sehr gut trainieren.

derStandard.at: Für einen guten Keeper ist natürlich auch viel Erfahrung vonnöten. Kann man diesen Mangel bei fehlender Spielpraxis auch durch das regelmäßige Training kompensieren?

Almer: Natürlich ist es ein wichtiger Faktor, dass man Spiele hat, aber es ist nicht so arg wie bei einem Feldspieler, weil die konditionelle Komponente fehlt. Ich glaube, dass es im Gegensatz zu jungen Torleuten einfacher wird, eine gute Leistung zu bringen, wenn man älter ist, weil man dann mit verschiedenen Situationen besser umgehen kann, konzentrierter und konsequenter ist.

derStandard.at: Österreichs Team ist in der FIFA-Weltrangliste auf Platz 59 zurückgefallen. Die Schweiz dagegen liegt hinter Brasilien auf Rang 15, Schweden auf 21, Irland auf 28. Welche Position wäre für das ÖFB-Team passend?

Almer: Damit beschäftige ich mich eigentlich überhaupt nicht, das ist reine Spielerei. Einmal ist man weiter oben, dann wieder weiter unten. Wichtig ist zunächst einmal, wie wir nun zweimal gegen Kasachstan auftreten. Alles andere ist nebensächlich.

derStandard.at: Konnte das ÖFB-Team trotz der unglücklichen Niederlage gegen Deutschland Motivation und Selbstvertrauen für die anstehenden Spiele tanken?

Almer: Auf alle Fälle! Wir haben gesehen, dass wir mit Deutschland mithalten können und dass wir auch bessere Chancen herausspielen können. Das ist eine wichtige Sache und viel besser, als wenn man mit dem Gedanken in ein Spiel geht, keine Chance zu haben.

derStandard.at: In Medienberichten war zu lesen, dass Sie beim 0:1 durch Reus nicht brillant reagiert hätten. Sind Sie derselben Ansicht?

Almer: Man hat gesehen, dass der Ball nicht von Reus gekommen ist, sondern eigentlich von Pogatetz. Man kann nach jedem Spiel diskutieren, aber solche Diskussionen lassen mich kalt. Ich weiß das selbst gut einzuschätzen, wir analysieren die Spiele mit dem Trainerteam, und danach ist die Sache für mich gegessen.

derStandard.at: Wie stehen die Chancen, dass Sie längerfristig die Nummer eins im ÖFB-Tor bleiben?

Almer: (lacht) Da müssen Sie den Teamchef fragen. Ich habe bis jetzt vier Spiele im Tor bestritten, und es würde mich freuen, wenn noch viele folgen würden. Wichtig wird sein, dass ich bei einem Verein zum Einsatz komme. Das kann man aber vielleicht auch durch Einsätze im Nationalteam beeinflussen.

derStandard.at: Wodurch zeichnet sich Teamchef Koller aus?

Almer: Es wird mit großer Professionalität gearbeitet. Die Art und Weise, wie er mit den Spielern umgeht und mit ihnen spricht, hat Hand und Fuß. Man merkt auch am Spielfeld, dass etwas weitergeht. Auch die Zuschauer waren trotz der Niederlage gegen Deutschland begeistert. Es war in der Vergangenheit selten der Fall, dass die Fans derart mitgehen. Das ist sicher auch ein Verdienst von Marcel Koller, der es schafft, uns Dinge zu vermitteln, die wir im Spiel umsetzen können.

derStandard.at: Als Nächstes steht der Länderspieldoppelpack gegen Kasachstan an. Nach der Papierform, Weltranglistenplatz 142, eine lösbare Aufgabe ...

Almer: Kasachstan ist sicher ein anderer Gegner als Deutschland, aber man hat gesehen, dass sie gegen Irland lange das Spiel offen halten konnten und erst durch ein Tor in der 90. Minute unglücklich verloren haben. Egal ob Kasachstan oder Färöer, es gibt mittlerweile kaum mehr Fußballzwerge. Man kann mit Taktik und gutem Defensivspiel schon so viel bewegen, dass es für jeden Gegner schwer wird durchzukommen und dass man eigentlich nicht mehr von großen und kleinen Nationen sprechen kann.

derStandard.at: Elfer und Standardsituationen sind für den Keeper eher unangenehme Angelegenheiten, andererseits auch Gelegenheiten, sich auszuzeichnen. Gibt es die Angst oder gar Freude vor dem Elfmeter?

Almer: Man muss da keine Angst haben, man sieht eher eine Chance, sich zu beweisen. Man versucht natürlich, den Gegner einzuladen, indem man eine Ecke aufmacht. Und dann hofft man, dass der Schütze nicht so genau trifft und man hinkommt. (Thomas Hirner, derStandard.at, 8.10.2012)

Robert Almer wurde am 20. März 1984 in Bruck an der Mur geboren. Als Profi machte er unter anderem Station bei Sturm, Austria und Mattersburg, ehe er 2011 zu Düsseldorf in die zweite deutsche Liga wechselte. 2012 kehrte die Fortuna nach erfolgreichen Relegationsspielen gegen Hertha BSC nach 15 Jahren wieder in die erste deutsche Liga zurück. Für das Nationalteam bestritt er bislang vier Spiele, sein Debüt feierte er am 15. November 2011 im Freundschaftsspiel gegen die Ukraine (1:2-Niederlage). Auch beim darauffolgenden 3:1-Sieg gegen Finnland stand Almer im Kasten. Nach dem 2:0-Erfolg gegen die Türkei war er auch zum WM-Quali-Start beim 1:2 gegen Deutschland wieder die Nummer eins im ÖFB-Tor.

Links

Fortuna Düsseldorf

Robert Almer auf transfermarkt.at

Robert Almer auf Wikipedia

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