Atomausstieg nur geringe Zusatzbelastung bei Klimaschutz-Kosten

5. Oktober 2012, 13:51
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Forscher analysierten wirtschaftliche Folgen von Energie- und Umweltpolitik

Potsdam - Wissenschafter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben zusammen mit Kollegen von der Universität von Dayton, Ohio, Wechselwirkungen zwischen Kernkraft- und Klimapolitik analysiert. Im "Wettbewerb" zwischen den verschiedenen Technologien zur Energieerzeugung zeigt sich vor allem eines: Ein Ausstieg aus der Atomenergie belastet die Wirtschaft nicht so sehr, wie oft beklagt wird. Eine starke Verringerung von Treibhausgasemissionen hat einen weitaus größeren Einfluss auf die Wirtschaft als jedwede Entscheidung in der Nuklearpolitik, heißt es in der in PNAS veröffentlichten Studie.

Hintergrund

"Oft wird gefragt, ob eine Beschränkung der Kernenergie - wie sie seit dem Unfall im japanischen Fukushima von manchen Ländern erwogen wird - in Kombination mit Klimapolitik nicht extrem teuer werden könnte. Unsere Studie ist die erste, die die Folgen einer großen Bandbreite von Kombinationen von Klima- und Atompolitik untersucht", sagt Leitautor Nico Bauer. Einschränkungen der Kernkraft könnten von der Politik beschlossen werden, aber auch auf Bestimmungen von Sicherheitsbehörden zurückgehen. Dann müssten die nuklearen Kapazitäten zur Energieerzeugung ersetzt werden - fossile Brennstoffe aber könnten sich verteuern, wenn zugleich CO2-Emissionen aus Gründen des Klimaschutzes einen Preis bekommen ... so der Kern der Bedenken.

Im Falle einer beschränkten Nutzung von Kernkraft würde ein flexibles Budget für CO2-Emmissionen kurzfristig einen höheren Ausstoß von Treibhausgasen erlauben, der aus einem Anstieg der Energieerzeugung aus Erdgas statt Kernkraft resultiert", sagt Bauer. Zusammen mit einer Verringerung des Energiebedarfs und der Verbesserung der Energieeffizienz könnte dies helfen, die Lücke in der Stromerzeugung zu füllen. Der Gaspreis würde sich der Studie zufolge durch einen Rückgang des Bedarfs vermindern. Die Stilllegung bereits existierender Kernkraftwerke würde zudem Instandhaltungs- und Modernisierungskosten vermeiden, die zur Verlängerung der Betriebszeiten älterer Kernkraftwerke entstehen würden.

Verluste der Weltwirtschaftsleistung durch das vorzeitige Stilllegen von Kernkraftwerken entsprechen etwa 10 Prozent der Kosten für Klimaschutz, so die Autoren. Werden zusätzlich keine neuen Kernkraftwerke zugelassen, würden sich die Kosten auf bis zu 20 Prozent belaufen.

Ob Ausbau der Kernkraft oder kompletter Ausstieg, macht wenig Unterschied

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler verschiedene Optionen der Atompolitik analysiert. Die Bandbreite der untersuchten Szenarien reicht von der "Renaissance", mit einer vollen Ausnutzung bereits bestehender Kraftwerke und ihrer Modernisierung zur Laufzeitverlängerung plus Investitionen in neue Kernkraftwerke, bis zu "Kompletter Ausstieg", bei dem bestehende Kraftwerke stillgelegt werden und es keine Investitionen in die Atomenergie mehr gibt. Jedem Szenario wurde eine Klimapolitik gegenübergestellt, die ein flexibles globales CO2-Budget mit einbezieht. Mit diesem Budget wird ein Preis für Kohlendioxid-Emissionen festgesetzt. Insgesamt sind die CO2-Emissionen des globalen Energiesektors dabei von 2005 bis Ende des Jahrhunderts auf 300 Gigatonnen Kohlenstoff begrenzt. Dies repräsentiert eine Klimaschutzpolitik, die dem Zwei-Grad-Ziel entspricht.

"Ein überraschendes Ergebnis unserer Studie ist, dass es im Hinblick auf Verluste der Weltwirtschaftsleistung kaum einen Unterschied zwischen einer 'Renaissance' und einem 'Kompletten Ausstieg' gibt", sagt Bauer. Während der stufenweise Ausstieg aus der Kernkraft ohne Klimaschutz mit CO2-Budget nur sehr geringe Effekte auf die Weltwirtschaftsleistung hätte, würde ein verbindliches CO2-Budget ohne gleichzeitige Einschränkung der Kernkraft eine Verringerung des Welt-Bruttoinlandsprodukts um 2,1 Prozent bis 2050 bedeuten. Durch einen zusätzlichen stufenweisen Ausstieg aus der Kernkraft stiege dieser Verlust den Berechnungen zufolge bis 2050 um etwa 0,2 Prozent. Er hätte also nur wenig zusätzliche Folgen für die Wirtschaft, da der Beitrag der Atomkraft zur Energieerzeugung relativ leicht durch alternative Technologien - darunter auch der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien - aufgefangen werden kann. (red, derStandard.at, 5. 10. 2012)

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