Umstrittene Blut-und-Boden-Rede Orbáns

4. Oktober 2012, 05:30
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Ungarns Premier Viktor Orbán sorgt mit einer nationalistischen Rede für neue Irritationen im In- und Ausland. Orbán will auch nicht mehr Vizepräsident der Europäischen Volkspartei werden

Von ihrem Ministerpräsidenten Viktor Orbán sind die Ungarn rhetorisch einiges gewohnt. Seit gut zehn Jahren sind seine Reden meist getragen von nationalem Pathos. Seit seinem letzten Regierungsantritt 2010 drängt er Europa auch immer wieder dazu, sich seiner christlichen Werte zu besinnen. Doch die Rede, die Orbán am vergangenen Sonntag zur Einweihung eines großen Turul-Denkmals im südungarischen Ópusztaszer hielt, stellte nach Ansicht vieler Beobachter alles bisher von ihm Vernommene in den Schatten.

Warum ein Turul-Denkmal? Der Turul ist ein vogelartiges Fabelwesen, das die Ur-Magyaren aus den Tiefen Innerasiens in die Mitte Europas geführt haben soll. Er wird in mittelalterlichen Chroniken erwähnt, stieg aber erst im 19. Jahrhundert, im Zeitalter des nationalen Erwachens, zum Nationaltier der Magyaren auf. In der Zwischenkriegszeit, unter dem rechtsautoritären Reichsverweser und Hitler-Verbündeten Miklós Horthy, und am Ende des Krieges, unter dem faschistischen Regime der Pfeilkreuzler, erfuhr der Mythenvogel eine weitere symbolische Aufwertung.

Horthy-Renaissance

An die Symbolik der Horthy-Zeit scheint Orbán bewusst anknüpfen zu wollen, wie auch der gegenwärtig laufende Umbau des Parlamentsvorplatzes in Budapest zeigt, der explizit wieder so wie zur Zeit des Reichsverwesers aussehen soll. Da und dort werden bereits wieder neue Horthy-Denkmäler errichtet.

So hat jetzt auch der Turul-Vogel wieder Konjunktur, in der Lesart Orbáns nunmehr auch als Symbol für den "nationalen Zusammenhalt", was wiederum eine Chiffre für den zumindest moralischen Anspruch auf die nach dem Ersten Weltkrieg im Friedensvertrag von Trianon 1920 - dem nationalen Trauma vieler Ungarn - verlorenen Gebiete darstellt.

Spott und Besorgnis

Im "Nationalen Gedenkpark" von Ópusztaszer steht bereits ein monumentales Panoramabild des Historienmalers Árpád Feszty (1856-1914) aus dem Jahr 1894, das die "Landnahme" der Ungarn zeigt. Im Auftrag der ungarischen Regierung hat jetzt der ungarischstämmige Künstler Péter Matl aus der Karpato-Ukraine dort einen Turul mit zwei Meter Flügelspannweite und einem Schwert in den Klauen auf einer zwölf Meter hohen Säule hingestellt. Bei der Einweihung am Sonntag hielt Orbán eine Rede, die in ihrer Blut-und-Boden-Symbolik deutlich über das hinausging, was man bisher von ihm kannte (siehe "Zitiert").

Bei der ungarischen Opposition wurde die Rede großteils spöttisch-ironisch kommentiert, rief aber auch Besorgnis hervor. Die Publizistin Zsófia Mihancsik gab zu bedenken: "Wenn der erste Mann der Staatsmacht an die Stelle der politischen Gemeinschaft den ,Blutbund' setzt (...), dann bereitet er - gewollt oder ungewollt - den Bürgerkrieg vor."

Orbáns distanzierte Haltung zur EU scheint sich indessen durch eine weitere Entscheidung zu bestätigen. Sein Sprecher Bertalan Havasi sagte am Mittwoch der amtlichen Nachrichtenagentur MTI, der Premier werde sich kein weiteres Mal um die Vizepräsidentschaft in der Europäischen Volkspartei bewerben. (Gregor Mayer, DER STANDARD, 4.10.2012)

Zitiert: Viktor Orbán bei der Denkmaleinweihung in Ópusztaszer

"Der Turul ist ein Urbild, das Urbild der Ungarn. Wir werden in es hineingeboren, so wie wir in unsere Sprache und Geschichte hineingeboren werden. Das Urbild gehört zum Blut und zum Heimatboden. Von dem Augenblick an, wo wir als Ungarn auf die Welt kommen, schließen unsere sieben Stämme den Blutbund, gründet unser heiliger Stephan den Staat, unterliegen unsere Truppen in der Schlacht bei Mohács, der Turul aber ist das Symbol der nationalen Identität der jetzt lebenden, der schon gestorbenen und der erst noch auf die Welt kommenden Ungarn. (...)

Diese Statue, die wir heute, am Tag des heiligen Michael, einweihen, ist das Denkmal des nationalen Zusammenhalts. Es erinnert daran, dass jeder Ungar jedem anderen Ungarn Rechenschaft schuldig ist. Die ungarische ist eine Weltnation, denn die Grenzen des Landes und die Grenzen der ungarischen Nation fallen nicht zusammen (...). Dieses Denkmal will uns sagen, dass es nur ein einziges Vaterland gibt, und zwar jenes, welches dazu fähig ist, alle Ungarn diesseits und jenseits der Trianon-Grenzen in einer einzigen Gemeinschaft zu vereinigen.

Heute ist der Tag des heiligen Michael. Die Heilige Schrift gibt uns für den heutigen Tag Folgendes auf, ich zitiere: "Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen." Zitat Ende. (...)

Wer die Zeichen der Zeit zu lesen vermag, der kann sie lesen. Eine Welt neuer Gesetze kommt auf den europäischen Kontinent zu. Das erste Gebot dieser im Entstehen begriffenen neuen Welt lautet: Die Starken vereinigen sich, die Schwachen zerfallen, das heißt, die Angehörigen starker Nationen halten zusammen, die der schwachen Nationen laufen auseinander. Ich wünsche jedem Ungarn, dass er Ohren haben möge zu hören und dass er die Zeichen lesen möge."

  • Viktor Orbán und der Turul, das "Urbild der Ungarn", das Symbol der nationalen Identität auch der noch nicht geborenen Ungarn, wie er es bei seinem jüngsten öffentlichen Auftritt nannte.
    foto: reuters / szábo, ninane / wikimedia; montage: ladstätter

    Viktor Orbán und der Turul, das "Urbild der Ungarn", das Symbol der nationalen Identität auch der noch nicht geborenen Ungarn, wie er es bei seinem jüngsten öffentlichen Auftritt nannte.

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