"Abbruch gehört zur medizinischen Basisversorgung"

3. Oktober 2012, 12:16
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Am Abtreibungsrecht dürfe nicht gerüttelt werden, forderten PolitikerInnen und ExpertInnen in Wien - Bundesweit einheitliche Schutzzonen-Regelung gefordert

Wien - Kurz vor Beginn des umstrittenen "Weltgebetskongresses" in Wien (dieStandard.at berichtete) betonten PolitikerInnen und ExpertInnen die Notwendigkeit, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen können. Am Abtreibungsrecht in Österreich dürfe nicht gerüttelt werden, erklärten die OrganisatorInnen einer Pressekonferenz am Mittwoch im Parlament. Die Grüne Frauensprecherin Judith Schwentner fordert indessen eine klare Distanzierung der ÖVP zum Gebetskongress.

Objektive Beratung für Frauen in Wien

Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) verwies darauf, dass in Wien ein Beratungsnetzwerk für Schwangere zur Verfügung stehe, in dem Frauen "tatsächlich objektiv beraten werden". In Wien sei es im Gegensatz zu anderen Bundesländern möglich, einen Abbruch in städtischen Krankenhäusern vorzunehmen, ohne von radikalen AbtreibungsgegnerInnen belästigt zu werden. Aufgabe der Politik sei es, Frauen einen "offenen und unbehinderten Weg" zu einem Abbruch zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang erneuerte Frauenberger auch die Forderung nach einer bundesweit einheitlichen Schutzzonen-Regelung.

Unsichere Abtreibungen in armen Ländern verbreiteter

In vielen Teilen der Welt finden Frauen weit weniger gute Bedingungen für ihre reproduktive Gesundheit vor. So passieren etwa 98 Prozent aller unsicheren und damit gefährlichen Abtreibungen in ökonomisch schlecht entwickelten Ländern, erläuterte Petra Bayr, SPÖ-Nationalratsabgeordnete und Sprecherin für globale Entwicklung. Laut Schätzungen sind die Abtreibungsraten in afrikanischen Ländern um einiges höher als in Europa: Während in Afrika 29 von 1.000 Frauen zwischen 15 und 49 Jahren einmal einen Abbruch haben, sind es in Europa nur 12 von 1.000 Frauen. Ein Umstand, den Bayr auf liberalere Gesetze, mehr Aufklärung und den besseren Zugang zu Verhütungsmittel in Europa zurückführt.

Fiala: Verhütung und Abbruch gehören zur medizinischen Basisversorgung

Mediziner und "Gynmed"-Betreiber Christian Fiala kritisierte die gesellschaftliche Grundhaltung in Österreich in Bezug auf Fortpflanzung. "Es wäre wichtig, dass wir in Österreich auch endlich anerkennen, dass Verhütung und Abbruch kein Luxus sind, sondern eine medizinische Basisversorgung", so der Mediziner. Er forderte deshalb den kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln und Abbruch und verwies auf unser westliches Nachbarland Frankreich, wo die Kosten für einen Abbruch bald vollkommen von den Krankenkassen übernommen werden wird.

Schwentner: Distanzierung der ÖVP ausständig

Die Grüne Frauensprecherin Judith Schwentner kritisierte indessen, dass sich die beiden ÖVP-Politiker Michael Spindelegger und Erwin Pröll nicht klar von der HLI-Veranstaltung distanzierten. Beide Politiker waren ursprünglich im Kongressprogramm der radikalen AbtreibungsgegnerInnen vertreten, in einer späteren Fassung war nur mehr von "Repräsentanten aus Kirche und Politik" die Rede. "Ohne eine klare Distanzierung entsteht der Eindruck, dass hochrangige ÖVP-Politiker radikale AbtreibungsgegnerInnen unterstützen", so Schwentner in einer Aussendung.

Betreuung in Wien

In Wien ist der ambulante Schwangerschaftsabbruch u.a. im Sozialmedizinischen Zentrum Süd, im Kaiser-Franz-Josef Spital, im Wilhelminenspital und der Semmelweis-Frauenklinik der Krankenanstalt Rudolfstiftung möglich. Die Stadt Wien (MA 40) vergibt bei finanzieller Notlage Zuschüsse, Voraussetzung dafür ist ein Beratungsgespräch in der Regionalstelle des Jugendamtes oder im Eltern-Kind-Zentrum. (red, dieStandard.at, 3.10.2012)

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