Broadway gibt es in der kleinsten Hütte

Die Wiener Drachengasse zeigt mit "Ordinary Days" ein veritables Großstadtmusical

Wien - Körperliche Nähe zu fremden Menschen lässt sich in der räumlichen Enge des Wiener Theater Drachengasse kaum vermeiden. Adam Gwons Musicaltheater Ordinary Days spielt in der prototypischen Großstadt, in New York. Und paradoxerweise entpuppt sich die Drachengasse dafür als idealer Spielort.

Gleich zu Anfang drückt Peter Neustifter als Warren dem Publikum Flugblätter in die Hand. Auch später stehen die vier Darsteller auf der kleinen Bühne zwischen den Zuschauerreihen oft nur einige Handbreit vom Publikum entfernt - eine Nähe, die unvermeidlich in das Geschehen hineinzieht. Wenn Warren, Jason, Deb und Claire in ihren Songs dann habituell über die lärmende, wuselige Metropole schimpfen, dann fühlt man das nach. Und meint fast, die Autos auf dem Broadway hupen zu hören.

Erzählt wird der klassische Hollywood-Wohlfühl-Plot: Vier junge Menschen, beschäftigt mit den gängigen Neurosen, auf der Suche nach Liebe und dem guten Leben, nach Erfolg, ein bisschen Ruhe und Frieden. Am Ende flattern haufenweise bunte Zettelchen vom Himmel (oder besser vom Baugerüst, das als wirkungsvolles Versatzstück Großstadtfeeling vermittelt). Auf einem davon steht "Don't worry! Everything ist gonna be alright."

Obwohl die Story damit eher auf dem Niveau küchenpsychologischer Ratgeberliteratur bleibt, machen Schauspieler, Musik (Klavier: Birgit Zach) und Regie (Joanna Godwin-Seidl) daraus einen sehenswerten Abend: Die Darstellerriege überzeugt in der extremen Nähe zum Publikum mit enormer Präsenz und Spielfreude. Auch wenn vielleicht nicht jeder Ton genau sitzt - stimmig und überzeugend ist es immer.

Die comichaft-verzerrte Bockigkeit von Sarah Ests Deb geht einem auf Dauer etwas auf die Nerven, dafür legt Alan Burgon als Jason eine herzzerreißende Performance als Liebender, Leidender und wieder Liebender hin. Grandios das Duett, in dem er sich mit Freundin Claire (stimmgewaltig: Kudra Owens) auf dem Weg zu einer Party über Nichtigkeiten in die Haare kriegt: darstellerisch wie dramaturgisch auf den Punkt genau. Broadwayfeeling gibt es in der kleinsten Hütte, das beweist die Inszenierung am Ende nicht nur mit dieser Szene. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 3.10.2012) 

 

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