Hinter die Kulissen der Kunstform Kino geblickt

3. Oktober 2012, 09:29
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"Kino hautnah" - analoger Film im Spotlight

Wien - Schnellen Schrittes verschwindet Filmvorführerin Agnes Peschta in einem Hinterzimmer des Wiener Top-Kinos. An einem rostigen Fahrrad vorbei steigt sie die schmalen Stufen hinauf in die winzige Vorführkabine. Die Luft ist drückend, und es dauert, bis sich die Augen an das dämmrige Licht gewöhnen. "Nix angreifen", sagt sie vorerst, und schon bald wird klar, dass die Empfindlichkeit der herumliegenden Filmbänder unterschätzt wird.

Dies ist der Ort, an dem Peschta ihre analogen Filmmaschinen dirigiert, die sofort ein Gefühl von Nostalgie aufkommen lassen. Das Projekt "Kino hautnah" ermöglichte cinephilen Jugendlichen den Einblick in die Geschichte des Filmes und die Möglichkeit, die nostalgischen Gerätschaften eben doch selbst anzufassen.

Der Ort lädt zum Eintauchen in die Weiten des analogen Filmes ein. Mit spürbarer Leidenschaft zeigt Peschta die Vorläufer des digitalen Films: Von verschiedenen Langlaufeinrichtungen, über die der Film an der Wand entlang durch den Raum läuft, bis hin zu Super-8-, 16- und 35-Millimeter-Filmen die in rauen Mengen den Raum füllen.

40 Kilo Spielfilm

Alles scheint sehr aufwändig, mit Liebe zum Detail, aber auch nervenaufreibend, wenn der Film von der Spule fällt. "Das passiert jedem Filmvorführer einmal, und wenn es so weit ist, schneidet und markiert und klebt man am besten", erzählt Peschta. Und das kann dauern, wenn man bedenkt, dass ein durchschnittlicher Spielfilm mit 90 Minuten circa 2,2 Kilometer lang ist und nicht weniger als 40 Kilo auf die Waage bringt.

Dies ist auch der Grund, warum der Beruf des Filmvorführers in der Vergangenheit fast ausschließlich von Männern ausgeführt wurde.

Experimente, wie bei der Viennale vor einigen Jahren, eine kilometerlange Filmspule vom Stadtkino zum Gartenbaukino abzuspulen, werden wohl bald der Vergangenheit angehören. Denn die Zeiten ändern sich. Mittlerweile gilt der analoge Film als überholt. Er ist nur sehr schwer transportfähig und kann mit den immer moderneren Filmtechniken nicht mehr Schritt halten.

Auch sind viele Filme in ihren analogen Kopien nicht oder nur sehr kostspielig verfügbar, was den ursprünglichen Film langsam ins Abseits drängt. "Auch wir können es uns nicht mehr leisten, nicht auf den digitalen Film umzusteigen", fügt Peschta mit sichtlicher Wehmut hinzu.

Nostalgisches Flimmern

Und so findet sich im Hinterstübchen des Kinosaals seit einigen Jahren nicht nur ein Spulenturm und eine Tellermaschine, sondern auch moderne digitale Geräte. Als Teil einer Generation, die noch mit flimmernden Analogfilmen aufwuchs, bevor DVDs den Markt eroberten, ist sie bemüht, der Jugend von heute den Film von gestern nahezubringen.

24 Bilder ergeben eine Sekunde Film. Riesenvideokassetten, sogenannte Beta-Bänder, die sich stapeln, und die Saalbeleuchtung, die aus Respekt der gesamten Filmcrew gegenüber erst zu allerletzt eingeschaltet wird, charakterisieren das Top-Kino.

Nach einem Besuch zu "Kino hautnah" sieht man die Kunstform Kino mit ganz anderen Augen, weil man weiß, was sich hinter einem abspielt, wenn man gespannt vor der Leinwand sitzt. (Valerie Wallner, Caroline Kulmhofer, DER STANDARD, 3.10.2012)

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