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Richard Geoffroy
STANDARD: Haben Sie den Eindruck, dass sich das Klima in der Champagne verändert?
Richard Geoffroy: Es wäre dumm, zu leugnen, dass etwas vor sich geht. Und das schon länger, seit den frühen 1980ern. Aber um die Wahrheit zu sagen: Bisher hat es sich eigentlich zum Besseren gewandelt.
STANDARD: Was wurde besser?
Geoffroy: Sehr gute Ernten wurden häufiger, das Reifeniveau ist besser, die Säure wurde harmonischer und weicher. Mit alldem kann ich sehr gut leben. Wenn man Dom Pérignon 2003 probiert, passt es ja trotzdem, obwohl es ein extrem heißes Jahr war.
STANDARD: Was mögen Sie daran?
Geoffroy: Ich liebe die Reichhaltigkeit, die Aromenvielfalt, Dichte und den Extraktreichtum, egal ob in jungen oder reifen Weinen (Anm.: in englischen Weinbeschreibungen reicht ein Wort, "richness", um all diese Komponenten exakt zu erfassen). Manche glauben, dass das mit Wuchtigkeit und Alkohol zusammenhängt. Aber ich kann Wucht überhaupt nicht leiden. Reichhaltigkeit bedeutet Textur und Substanz. Alkoholgehalt gehört da nicht dazu. Wucht ist immer besorgniserregend, beim Essen wie beim Wein. Dieses Gefühl der Intensität beim Trinken, das ist Hedonismus. Wucht kann niemals hedonistisch sein.
STANDARD: Was am Champagner ist hedonistisch?
Geoffroy: Ich kann eigentlich immer nur von Dom Pérignon sprechen, weil wir einfach so vieles anders machen. Ich mag diese Vorstellung von einem befriedigenden, erfüllenden Erlebnis. Daran arbeite ich, das ist so etwas wie eine Obsession. Ich glaube auch, dass es das ist, wonach die Leute heutzutage suchen, nach einer wahrhaften, intensiven Erfahrung. Vieles ist einfach nur langweilig, und sie möchten "the real thing" - allerdings ohne einen Preis dafür zu zahlen. Sie möchten das Beste ohne das Schlechte ...
STANDARD: Ist das Ihrer Meinung nach möglich?
Geoffroy: Es ist eine Fantasie, die genauso gültig ist wie jede andere.
STANDARD: Aber ist es auch realistisch?
Geoffroy: Irgendwie doch. Hedonismus ist ein ernsthaftes und gutes Vorhaben. Manche missverstehen ihn als seicht. Aber das stimmt nicht.
STANDARD: Gemäß dem Manifesto von Dom Pérignon, (www.creatingdomperignon.com) muss ein Jahrgang immer den Charakter der Ernte widerspiegeln. Wie sieht das mit 2003 aus?
Geoffroy: Er ist reichhaltig und üppig, ziemlich konzentriert, sehr dramatisch, bei aller Fruchtigkeit. Die Aromen zeigen aber auch ihre dunkle Seite, Mineralität und Gewicht, sehr tiefgehend.
STANDARD: Wie erklärt man jemandem "dunkle Reichhaltigkeit"?
Geoffroy: Helle Aromen können ebenso füllig und reichhaltig sein. Es sind jene, die direkt aus der Frucht kommen. Dunkle Aromen sind tiefer und haben mit einer gewissen Reife zu tun. Da geht es um Mineralität um Nuancen wie Toast, Rauch, Muscheln, Seegras, Torf.
STANDARD: Es heißt, dass das Trinken reifen Champagners eine besondere Erfahrung sei. Wie jung oder wie alt soll er den sein. Gibt es ein ideales Alter? ...
Geoffroy: Wenn ihn jemand jünger trinken möchte: bitte gern. Ich habe diesbezüglich keine Wahrheiten anzubieten. Nur so viel: Es dauert wohl einige Zeit, bis ein Champagner tatsächlich alles ausdrückt, was in ihm steckt. Die einzigen Faustregeln meiner Meinung nach sind, ihn nicht zu kalt und nicht aus zu schmalen Gläsern zu trinken. Champagner würde an Geschmack verlieren, und das würde dem Genuss schaden. (Luzia Schrampf, Rondo, DER STANDARD, 5.10.2012)
Richard Geoffroy, Spross eines Champagnerhauses, studierte Medizin. Er kehrte er zu seinen Weinwurzeln zurück und stieg nach Wanderjahren durch die internationale Weinwelt 1990 als Assistent des damaligen Chef de Cave bei Dom Pérignon ein. 1996 wurde er Kellermeister.
Von Dom Pérignon Brut Millésime werden jährlich zwei bis drei Millionen Flaschen verkauft, allerdings wird er nicht in allen Jahrgängen gemacht. Neben dem Klassiker gibt es noch einen Brut Rosé (aktueller Jahrgang 2000) und die Serie Dom Pérignon Brut Oenothèque. Dafür werden Flaschen des Jahrgangschampagners in der jeweiligen Zusammensetzung noch länger als für den klassischen Brut auf der Hefe gelagert und später degorgiert.
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