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Gespannt blickt die Designwelt auf die Hocker des Jannis Hülsen, die (noch) an experimentelle Kunststücke erinnern.

Im Rohzustand ist es weiß und rein. Es sieht schleimig und glitschig aus. Hält man es in der Hand, fühlt es sich sehr hart, fest und widerstandsfähig an. Zerreißen kann man es nicht. Es kann sich wie eine pergamentartige Haut um einen Hocker legen, der dann wie eine Sitzgelegenheit für Aliens aussieht. Unter anderen Bedingungen kann es bereits die Form von menschlichen Blutgefäßen annehmen oder als Auflage für Wunden benutzt werden. Und Kenner wissen: In Asien soll es bereits eine Delikatesse sein.
Wenn es nach Jannis Hülsen (29) geht, soll es in Zukunft auch Fernsehgehäuse, Stühle oder Tische formen können - "all das, was heute noch aus Plastik hergestellt wird". Hülsen, ein großer Mann, steht in seiner Altbauwohnung im Berliner Bergmannkiez und schließt das Einmachglas, in dem dieser Wunderstoff in einer Zuckerlösung schwimmt. Noch ahnt kaum jemand, was sich hier für eine Revolution zusammenbraut.
Der Wunderstoff, der die Welt verändern kann, heißt Acetobacter Xylinum. Er ist ein Bakterienstamm, der in Glucose quasi als Nebenprodukt eine dichte Bakterienzellulosenstruktur produziert - Bakterienkot sozusagen. Hülsen hat diesen Stoff nicht erfunden. Er hat ihn gefunden. Hülsen ist Industriedesigner. Er hat an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig studiert.
Schon während des Studiums hat er sich nicht nur für das herkömmliche Produkt- und Industriedesign interessiert, sondern für gesellschaftliche Zusammenhänge, für die Philosophie, für wilde, freie Design-Ideen mit Sprengkraft. Für seine Diplomarbeit stellte er sich folgende umspannende Frage: "Wie und aus welchen Materialien wurden Dinge in der Vergangenheit verarbeitet und hergestellt? Und mit welchen Materialien werden wir in Zukunft produzieren? Wie lässt sich ein neuer Stoff mit alten Handwerkstechniken verknüpfen?"
Hülsen recherchierte bei Glasbläsern, Webern oder Buchbindern und machte sich auf die Suche nach neuen Materialien. Dabei stieß er auf die bakteriengenerierte Zellulose, die bereits im 19. Jahrhundert entdeckt wurde, aber durch das Aufkommen der Plastikproduktion mehr oder weniger in Vergessenheit geriet. Heute aber, wo die DNA von Bakterienstämmen verändert werden kann, wo das für Plastik so wichtige Erdöl immer weniger wird und auch ansonsten die Rohstoffe knapp werden, wird die Bakterienzellulose wieder interessanter.
An Universitäten weltweit forscht die sogenannte weiße Biotechnologie nach einem universellen, hochspezialisierten Material, das mithilfe von Mikroorganismen hergestellt werden und jede beliebige Form annehmen kann. Abbaubare Verpackungsmaterialien, die aus Pilzkulturen gezüchtet werden, werden heute schon industriell produziert.
Im ostdeutschen Jena fand Hülsen einen Unternehmer, der aus Acetobacter Xylinum künstliche Blutgefäße oder Wundauflagen produziert. "Die hatten einen Produktionsprozess entwickelt", erzählt Hülsen, "bei dem das Bakterium eben die Form von Gefäßen annehmen kann." Der Designer, der bereits bei den renommierten Studios Waacs und van Eijk / van der Lubbe in den Niederlanden praktische Erfahrung sammelte, begann, mit dem neuen Stoff und der Hilfe der Firma Jenpolymers zu experimentieren und herauszufinden, wie sich das Material mit welchem Produktionsprozess oder Handwerk verbinden lässt.
Hülsen steht in der Werkstatt seiner Wohnung und blättert durch die beiden Bücher, die seine Experimente zu seinem aufwändigen Diplomprojekt dokumentieren. Man sieht dort papierähnliche Produkte, ausgefranst und uneben. "Ich hatte vor allem das Problem, das ich die Zellulose schneiden musste, um sie zu bearbeiten. Und dabei merkte ich, dass sie brüchig und instabil wurde. Ihre Festigkeit war dahin und ließ sich nicht mehr zurückholen."
Hülsen entschied also, dass das Xylinum mit einem dreiminensionalen Produkt verbunden werden musste. Da das Material auch ein wenig wie Leder wirkt, kam ihm die Idee, Dinge damit zu beschichten. Also schickte er verschiedene Metall- und Holzkonstrukte nach Jena, um sie von den arbeitswütigen Bakterien beschichten zu lassen - zuletzt einen Hockerrahmen aus Holz.
Der Produktionsprozess ist geheim. "Der Zelluloseprozess entsteht an der Sauerstoffgrenze, und irgendwie haben die Leute in Jena eine Möglichkeit gefunden, die Sauerstoffgrenze entlang des Hockers abzubilden, sodass die Bakterien die Zellulose entlang des Rahmens produzieren." So bekommt der Hocker schließlich die Beschichtung aus Bakterienkot.
Mit dem Hocker erzielte der Designer die besten Ergebnisse seiner Experimente. Aber warum ausgerechnet ein Holzhocker? "Der Hocker ist das reduzierteste Sitzmöbelstück", erzählt Hülsen. "Der Hocker hatte die besten Eigenschaften, die sich mit dem technischen Prozess der Bakterienzellulose verbinden ließen. In der Testreihe schnitt Holz als Gerüst am besten ab. Das hat wohl mit der feinen und regelmäßigen Struktur von Holz zu tun." Darüber hinaus hätten die haptische Eigenschaft und das Aussehen des getrocknenten Xylinum eine Ähnlichkeit mit Leder oder Pergament. "Beide Materialien haben eine lange Tradition beim Möbelbau. Zudem ergibt erst das Xylinum die Sitzfläche des Hockers." Zudem würde der Hocker den Produktionsprozess in ein neues Licht rücken.
In einem Artikel schreibt Hülsen: "Die Art der Herstellung in einer Nährlösung unter Einbeziehung von Mikroorganismen rückt das Gebrauchsobjekt an sich in einen neuen Kontext. Weg von der Fabrik mit Schornsteinen, die Abgase hinausblasen, hin zu einem natürlichen Entstehungsprozess, vergleichbar mit dem Sprießen eins Keims oder dem Heranwachsen eines Lebewesens. Verstärkt wird dieser Charakter durch die Einzigartigkeit des Objektes."
Noch sehen die beschichteten Hocker eher wie eigenwillige Kunstwerke aus. Aber Hülsen hat den Ehrgeiz, ein "ikonenhaftes Stück", wie er sagt, zu schaffen, das unter industriellen Bedingungen schließlich produziert werden könnte.
Die Designwelt ist längst auf den rührigen Designer aufmerksam geworden. Sein futuristisches Projekt stellt der geborene Hannoveraner bereits bei vielen Ausstellungen aus. Natürlich weiß Hülsen nicht, ob die Bakterienzellulose irgendwann einmal so ausgereift ist, dass sie die heutigen Produktionsprozesse komplett ersetzen kann.
Er selbst arbeitet im Moment bei dem Berliner Designer Jerszy Seymour (RONDO berichtete), der für sein kunstnahes, konzeptionelles Design bekannt ist. Und nebenbei beschäftigt er sich eben mit der Bakterienzellulose. "Bis jetzt hat mich das Projekt noch nicht losgelassen", sagt Hülsen. "Da steckt noch viel mehr drin. Deswegen bleibe ich dran." (Ingo Petz, Rondo, DER STANDARD, 5.10.2012)
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ok, er hat's nicht erfunden, die Kunst liegt wohl darin, in einer Nährlösung grad am Feststoffkörper Sauerstoff zu versammeln und in der restlichen Nährlösung nicht. Das haben die Jenaer geschafft und nicht der Diplomand. Trotzdem, genau solche leute finden sich und ist ist ein Hit
- Verpackungen
- Autositze
- Koffer, Taschen
- Computergehäuse, Handygehäuse
- Schuhe und Sportschuhe
- Gewand am Ende sogar
und das alles entlang einer Vorlage, einer 3D-Schablone
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Der jungen Generation gehört die Zukunft! Fördert sie! Spart sie nicht kaputt!
klingen sehr interessant - und verleiten jede menge junger designstudent- und vor allem -innen dazu, irgendwelche socken aus geshreddetem bürobiofilz zu kreieren, die keiner will. fertigstudiert arbeiten sie dann als immobilienmaklersekretärin und sind unglücklich.
die wenigen, die wirklich ein interessantes projekt zusammenbringen, wie der herr im artikel, kriegen dafür derart viel pr, dass sie eine unbezahlte karriere als part-time-weltverbesserer (noch mehr pr) realisieren können, die ihnen die zahlenden kunden für ihre messestands- und ubahnwerbungsprojekte ermöglicht - und eine berufung an die universität, wo sie das alles lehren, und ihre studentinnen socken aus geshreddetem bürobiofilz machen und dann für den immo-typen geld machen.
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