Odyssee zur ÖsterreichCard: Die ÖBB und der dritte Mann

Kommentar der anderen2. Oktober 2012, 18:51
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Warum man beim Stichwort "Kundendienst" nicht unbedingt gleich an Gefälligkeitsinserate für Großparteien denken sollte: Aufzeichnungen vom Rand des Nervenzusammenbruchs beim Versuch, eine ÖBB-Vorteilscard zu erwerben

Als Schriftsteller komme ich viel herum in Österreich. Dazu nutze ich vorzugsweise die Bahn. Am 25. Juli bestellte ich Unglücklicher beim Schalter am Wiener Westbahnhof eine ÖBB-ÖsterreichCard und erhielt gleich eine provisorische, die auf zwei Monate befristet war.

Die Wochen zogen ins Land, relativ knapp vor Ablauf meiner vorläufigen Bundesnetzkarte kam endlich Post von der Bahn, allerdings bloß der PIN-Code für die Karte, die mir fehlte. Ich hielt mich also 20 Minuten in der Schleife des ÖBB-Telefonkundenservice auf, um von einer entspannten jungen Dame belehrt zu werden, der Code könne durchaus vor der Karte kommen, aber es werde nicht mehr lange dauern.

Eine Woche später wählte ich die selbe Nummer, wartete nur 15 Minuten und zwang das andere Ende, sich namentlich zu outen. Herr G. erklärte nach gründlicher Recherche, ich könne keine ÖsterreichCard bekommen haben, da ich keinen Antrag gestellt hätte. Mein Einwand, eine vorläufige und einen PIN-Code für die definitive zu besitzen, machte ihn freilich nachdenklich. Ich möge ihm die provisorische gescannt schicken, er werde zurückrufen.

Plastik auf der Reise

Ja, meinte der Herr später, da sei etwas schiefgelaufen, der Antrag offenbar verlegt worden. Da aber meine Daten da seien, weil ich durch Jahrzehnte eine ÖBB-VorteilsCard gekauft hatte, werde er die Plastikkarte sofort auf die Reise schicken.

Schon zwei Tage später war sie da, Herr G. schaffte es sogar irgendwie, mein neues Passfoto zu verwenden, das ich dem Antrag beigeheftet hatte, um ein 20 Jahre altes zu ersetzen, obwohl dieser Antrag angeblich unauffindbar war. Allerdings hieß ich auf der rot-weiß-roten Netzkarte Loher statt Laher.

Mein nicht übermäßig freundlicher nächster E-Brief an Herrn G. wurde von Frau M. beantwortet, die mich beruhigte und meinte, es mache nichts, auf der vorläufigen ÖsterreichCard einen falschen Namen zu haben, auf der Plastikversion sei ein solcher Irrtum ausgeschlossen.

Ich erwiderte, ich könne lesen und hätte vor mir genau diese definitive ÖsterreichCard für einen gewissen Herrn Loher liegen. Auf der vorläufigen, die ich Herrn G. gescannt hatte, sei dagegen alles in bester Ordnung. Außerdem sei mein Entschluß gefallen, meine Leidensgeschichte im Standard auszubreiten.

Wer bin ich?

Frau M. beeindruckte das nicht, sie wurde jetzt ihrerseits heftiger: "Wie kommen Sie darauf, dass der Name nicht richtig geschrieben ist? Die Karte (Plastikkarte) hat Sie noch nicht erreicht. Der Name auf der Plastik-ÖsterreichCard ist richtig geschrieben."

Ich bellte zurück, das Chaos bei den ÖBB sei unerträglich, zuerst sei mein Antrag verschlampt worden, jetzt wisse die eine Hand nicht, dass die andere mir bereits eine ÖsterreichCard ausgestellt habe, und zwar eine mit falschem Namen. Sie treibe mich zur Weißglut.

Tags darauf flatterte mir tatsächlich ein zweites Exemplar ins Haus. Auf der fand sich sogar mein richtiger Name, allerdings kombiniert mit dem 20 Jahre alten Foto. Zum Trost legte man vier Upgrades im Wert von 28 Euro bei.

Welch Wunder!

Ich stierte auf die beiden Plastikdinger, aus denen mir mein früheres und jetziges Ich freundlich entgegenblickten. Ich hatte keine Kraft mehr weiterzukämpfen. Als 24 Stunden später erneut E-Post von Frau M. kam, wollte ich die Mail fast schon ungelesen löschen. Doch welch Wunder! Zum ersten Mal so etwas wie Zerknirschung. Ihr sei nun alles bewusst geworden, sie habe sogar selbst festgestellt, dass man durch einen neuerlichen Irrtum eine zweite falsche Karte mit dem historischen Passfoto auf den Weg gebracht habe. Umgehend werde mich eine dritte ÖsterreichCard erreichen.

Seither sind dreizehn Tage vergangen, wir schreiben den 2. Oktober. Ich empfing inzwischen zwei weitere Briefe der ÖBB, allerdings ohne richtige ÖsterreichCard, dafür mit je einem neuen PIN-Code für die Zahlungsfunktion der zweiten falschen und der immer noch abgängigen dritten Netzkarte, die vielleicht, so genau lässt sich das noch nicht sagen, dem entspricht, was ich im Juli beantragte.

28 Euro Kompensation in Gutscheinform sind eine Frechheit für das, was das Monopolunternehmen - ich lese nämlich auch in Steyr oder Graz, wo die private Westbahn nicht hinkommt - sich mit mir geleistet hat, immer noch leistet. Wie ein Haftelmacher prüfe ich derzeit meine Kontobewegungen. Ich traue dem Saustall ÖBB nämlich durchaus zu, ab jetzt monatlich dreimal gut 130 Euro für drei ÖsterreichCards abzubuchen, für den jungen Herrn Laher, den graumelierten Herrn Loher und den noch unbekannten dritten Mann, der ich sein kann, aber nicht muss. (Ludwig Laher, DER STANDARD, 3.10.2012)

Ludwig Laher, Jg. 1955, lebt als freier Autor in St. Pantaleon (OÖ) und Wien. Soeben erschien sein neuer Roman "Kein Schluss geht nicht".

  • Einer
 von dreien: Schriftsteller Ludwig Laher alias "Loher" auf 
Identitätssuche bei der Österreichischen Bundesbahn.
    foto: heribert corn

    Einer von dreien: Schriftsteller Ludwig Laher alias "Loher" auf Identitätssuche bei der Österreichischen Bundesbahn.

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