Streit über Sicherheit von Europas AKWs

2. Oktober 2012, 18:34
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Zu wenig Schutz gegen Erdbeben, veraltete Konzepte: Der noch nicht veröffentlichte Abschlussbericht zu den EU-Stresstests soll ein düsteres Bild von der Sicherheit zeichnen

Brüssel/Wien - Der Abschlussbericht der EU über die AKW-Stresstests soll erst am Donnerstag präsentiert werden, Aufregung gab es aber bereits im Vorfeld: Bei Europas Atomkraftwerken seien bei den Tests erhebliche Mängel festgestellt worden, berichtete die deutsche Welt. Um diese zu beheben, wären zehn bis 25 Milliarden Euro nötig. Bei fast allen Anlagen seien Nachrüstungen notwendig, besonders schlecht käme Frankreich weg. Laut Wirtschaftsblatt sollen auch die AKWs in Tschechien und der Slowakei nahe der österreichischen Grenze unzureichend gesichert sein.

"Die Tests haben gezeigt, dass die Anlagen im Grunde alle sicher sind", sagt hingegen Andrej Stritar, Chef der slowenischen Atomaufsicht und bis Juli Vorsitzender der europäischen Atombehörde Ensreg, die die Stresstests überwachte, zum Standard. "Die aktuellen Berichte vermitteln den falschen Eindruck. Natürlich kann man immer etwas verbessern, aber das heißt nicht, dass die Anlagen derzeit nicht sicher sind."

Auch die kolportierten Kosten hält er nicht für hoch: "Sie müssen bedenken, dass AKWs ein Drittel des europäischen Stroms erzeugen." Zudem seien die 25 Milliarden Euro die obere Grenze einer möglichen Skala, insgesamt wurden 123 Kernkraftwerke überprüft. Der aktuelle Vorsitzende von Ensreg, Tero Varjoranta, ließ per Aussendung wissen, dass die Testergebnisse keine Schließung eines AKWs nahelegen würden.

Berichte seit April online

Der Bericht, der am Donnerstag von EU-Energiekommissar Günther Öttinger vorgestellt werden soll, ist der Abschlussbericht einer Reihe von Untersuchungen. Jedes Land hat für die Stresstests seine AKWs überprüft und einen Bericht vorgelegt, dieser Bericht wurde wiederum von der Ensreg evaluiert.

Überprüft wurde bei den Stresstests vor allem, wie Kraftwerke auf Unfälle reagieren, die über das hinausgehen, was in ihrem Sicherheitskonzept ursprünglich berücksichtigt wurde. Die Einzelberichte der Staaten sowie die Evaluierungsberichte sind bereits seit April veröffentlicht.

"Keine kritischen Punkte"

Zu Tschechiens AKWs heißt es dort, es seien "keine kritischen Punkte" entdeckt worden, die "sofortige Maßnahmen nötig machen". Es werden aber Verbesserungen empfohlen: So soll etwa ein Filtersystem eingebaut werden, dass verhindert, dass Radioaktivität austritt, wenn nach einem Unfall Druck aus dem Reaktor abgelassen werden muss. In Fukushima waren so radioaktive Stoffe in die Luft gelangt. Auch die Slowakei ist laut Bericht auf Unfälle vorbereitet, allerdings sollten etwa Anlagen wie Notfall-Dieselgeneratoren besser gegen "externe Bedrohungen" geschützt werden.

Frankreich wird vor allem in zwei Punkten kritisiert: Das Land habe bei seinen Sicherheitskonzepten bis zum Unfall in Fukushima "externe Ereignisse" wie Erdbeben zu wenig berücksichtigt, zudem seien die Konzepte nicht auf Unfälle ausgelegt, bei denen es in mehreren Reaktoren gleichzeitig zu Problemen kommt. (Tobias Müller, DER STANDARD, 2.10.2012)

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Alle Länderberichte und ihre Evaluierungen unter: www.ensreg.eu

  • Das Atomkraftwerk in Temelin - laut EU-Bericht sollen tschechische Anlagen nur unzureichend gesichert sein.
    foto: armin weigel dpa

    Das Atomkraftwerk in Temelin - laut EU-Bericht sollen tschechische Anlagen nur unzureichend gesichert sein.

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