Geistererscheinung

2. Oktober 2012, 17:29
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Zu den Bildern des Abschiednehmens ertönte wundermilder Kärntner Brauchtumsgesang

Kärntner Gerichtssäle unterscheiden sich in nichts von anderen Stätten der Rechtspflege. Überall dieselben Pressholzlandschaften: die nämliche Bemühung um Sachlichkeit. Die Gesichtsfarbe der noch nicht rechtskräftig Verurteilten wetteifert mit dem Weiß der Resopalplatten.

Und doch bereichert das südlichste Bundesland die Nüchternheit der Justiz um eine spirituelle Note. In der montägigen ZiB 2 fand die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle zur Verurteilungsserie im Klagenfurter Landesgericht die passenden Worte. Jörg Haiders Geist sei über dem Gerichtssaal geschwebt. Niemand habe ihn zu Gesicht bekommen. "Gespürt" indes hätten ihn wohl viele.

Diese sehr treffende Beobachtung kontrastierte mit einem vorab eingeblendeten Beitrag, in dem das ganze innerweltliche Weh des Ex-ÖVP-Politikers Josef Martinz greifbar wurde.

Dieser bekennende Fruchtgenießer des sogenannten "Patriotenrabatts" ist im wirklichen Leben Campingplatzbetreiber am malerischen Ossiacher See. In Martinz' Gesicht spielte während der Urteilsverkündung die ganze Melancholie eines Menschen, der - wenn die Verurteilung denn wahr wird - so bald keinen rostigen Hering mehr aus dem Acker seines Zeltlagers herausziehen wird. Zu den Bildern des Abschiednehmens ertönte wundermilder Kärntner Brauchtumsgesang. Und man erinnert sich, wie vor gar nicht allzu langer Zeit eine CD auf deutschen Kommerzsendern beworben wurde, randvoll mit Grenzlandgesängen des verstorbenen Landeshauptmanns.

Das erinnert an den Witz: "Mein Vater, der Ganove, ist sehr musikalisch." - "Wie das?" - "Dem bringt man in Sing-Sing gerade die Flötentöne bei." (Ronald Pohl, DER STANDARD, 3.10.2012)

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