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Das menschliche Immunsystem ist ein hochkomplexer Schutzmechanismus, der sowohl die Unversehrtheit ("Integrität") des Organismus als auch seine " Identität" zu gewährleisten hat. Letztere wird bei Organtransplantationen massiv gestört. Das Immunsystem greift deshalb das als fremd erkannte Transplantat durch sogenannte T-Zellen an. Diese Immunzellen werden im Knochenmark gebildet und wandern dann in die Thymusdrüse, wo sie "körpereigen" und "körperfremd" zu unterscheiden lernen.
Um die Attacke der T-Zellen auf das transplantierte Organ zu verhindern, müssen diese "Abwehrkämpfer" des Immunsystems mit Medikamenten handlungsunfähig gemacht werden. "Die Gefahr einer Abstoßungsreaktion kann weiter reduziert werden, wenn den Patienten vor der Transplantation überdies tierische Antikörper gegen T-Zellen injiziert werden", erläutert Georg Wick vom Labor für Autoimmunität am Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck.
Schlucken statt spritzen
Diese Möglichkeit, die Immunreaktion zu unterdrücken, funktioniert allerdings nur für kurze Zeit, weil das menschliche Immunsystem die tierischen Antikörper als fremd erkennt und bald entsprechende Antiantikörper produziert. Außerdem besteht bei einer Injektion dieser aus Mäusen und Zellkulturen gewonnenen Antikörper die Gefahr eines " Entzündungssturms". Deshalb werden solche Antikörper nur bei akuter Lebensgefahr eingesetzt.
Möglicherweise, so eine neue Hypothese, könnte dieser bedrohliche Entzündungssturm vermieden werden, wenn die fremden Antikörper nicht injiziert, sondern geschluckt werden. Ein Lösungsansatz, der in diesem Zusammenhang überraschen mag, in der Allergologie aber längst eingesetzt wird: So bekommen beispielsweise Birkenpollenallergiker in Tablettenform Birkenpollen verabreicht, die sie unter der Zunge zergehen lassen müssen. "Auf diese Weise wird das Immunsystem nicht angeregt, sondern es werden sogenannte regulatorische T-Zellen erzeugt, die die Immunreaktion gegen die Birkenpollen unterdrücken", erläutert Wick. "So wird eine Desensibilisierung des Immunsystems praktiziert."
Die regulatorischen T-Zellen bzw. "Suppressor-T-Zellen" sind eine spezialisierte Untergruppe der T-Zellen und für die Modulation der Immunreaktion zuständig. Sie können auch eine überschießende Immunantwort auf "harmlose" Antigene prinzipiell unterdrücken und regulieren beispielsweise die Toleranz des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen. Dadurch können sie im gesunden Organismus die Entstehung von Autoimmunkrankheiten verhindern.
Neuen Ansatz entdeckt
Diesen neuen Ansatz der "oralen Toleranz", hofft der Mediziner, könnte nicht nur ohne Nebenwirkungen Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantationen verhindern, sondern auch die Behandlung von Autoimmunerkrankungen enorm verbessern. Am Beispiel der Atherosklerose - die in ihrer Entstehungsphase eine immunologische Erkrankung ist, wie Wick und seine Forschergruppe nachweisen konnten - haben die Innsbrucker Wissenschafter diese Hypothese überprüft: "Wir haben in Mausmodellen die verblüffende Beobachtung gemacht, dass verfütterte Anti-T-Zell-Antikörper die Gesamtzahl der T-Zellen in den Mäusen erwartungsgemäß nicht beeinflussen, wohl aber regulatorische T-Zellen im Magen-Darm-Trakt heranzüchten", berichtet Cecilia Grundtman, Laborleiterin der Wick'schen Arbeitsgruppe. "Diese regulatorischen T-Zellen wiederum unterdrücken die für den Angriff auf die Arterien verantwortlichen Effektorzellen und damit auch die entzündliche immunologische Erkrankung, die Atherosklerose."
Bestätigen sich die Erwartungen der Wissenschafter, hätte das enorme Folgen für die Behandlung unterschiedlichster Autoimmunerkrankungen und die Durchführung von Transplantationen. Bevor die weitgehend nebenwirkungsfreie "Schluckvariante" praxistauglich ist, müssen gemeinsam mit einem interdisziplinären Forscherteam noch einige grundlegende Fragen geklärt werden. Dies soll nun im Rahmen des von der Standortagentur Tirol finanzierten Translational-Research-Projekts " T-Oral" in den nächsten drei Jahren erfolgen. "Die zentrale Frage ist, wie die Unterdrückung der Immunreaktion durch die Anti-Maus-T-Zell-Antikörper nach dem Schlucken genau funktioniert", sagt Wick.
Grundlegende Fragen klären
Um das zu erfahren, werden die Forscher regulatorische T-Zellen aus dem Magen-Darm-Trakt und den Lymphknoten der Versuchstiere isolieren. "Wir wollen wissen, wie solche winzigen Bruchstücke von Antikörpern, die den Magen-Darm-Trakt passieren, überhaupt in den Lymphknoten wirken können, wie sie die schlummernden regulatorischen T-Zellen dazu bringen, sich zu vermehren und ihre Wirkung zu entfalten."
Auch wenn man noch nicht weiß, wie dieses komplexe immunologische Zusammenspiel im Detail funktioniert, sind die bisherigen Ergebnisse brisant: "Es ist uns bereits gelungen, dieses Prinzip in der Zellkultur auf das menschliche System zu übertragen", sagt Wick. Bis in die Praxis ist es für die neue Methode trotzdem noch ein langer Weg, denn ihre Wirksamkeit muss nun auch an realen Patienten in klinischen Studien noch viele Male unter Beweis gestellt werden. (Doris Griesser/DER STANDARD, 3. 10. 2012)
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