Soziale Landesverteidigung

Leserkommentar3. Oktober 2012, 08:57
84 Postings

Das Bedrohungspotenzial ist nicht mehr eine militärische Aggression, sondern eine Bedrohung der sozialen und zivilen Sicherheit

Es ist also wieder eine unserer politischen Dauerbaustellen aktuell. Die Wehrpflicht wird wieder einmal in Frage gestellt. Man kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich unsere Denker und Lenker nicht dafür zuständig fühlen, darüber nachzudenken, wie man die Lücken stopfen kann, die die fehlenden Soldaten und vor allem die Zivildiener unweigerlich hinterlassen werden.

Dabei geht es hier um äußerst Wichtiges. Es geht um Altenpflege, Krankenpflege, Ambulanzdienste, Katastrophenhilfe, es geht um Kernfragen der sozialen und zivilen Sicherheit - Landesverteidigung, Schutz und Hilfe. Das Bedrohungspotenzial für einen Staat wie Österreich ist inzwischen nicht mehr eine militärische Aggression von außen, sondern viel mehr eine Bedrohung der sozialen und zivilen Sicherheit von innen.

Freiwilligendienst: Motivationsmodelle entwickeln

Dabei ist der Zivildienst nicht einfach nur wichtig, um billige Arbeitskräfte als Krücke zur Stützung des Systems zur Verfügung zu stellen. So ein Dienst ist auch für die Dienenden eine wertvolle Erfahrung. Gut, wir wissen, dass die EU Zwangsdienste verbietet. Wir werden uns Wege überlegen müssen, wie man Menschen motiviert, einen solchen Dienst freiwillig abzuleisten. Und zwar so, dass man nicht über einen gewissen finanziellen Background verfügen muss, um sich ein solch "soziales Gewissen" leisten zu können. Es muss was bringen, einen Sinn haben, neben dem ideologischen Opfer beziehungsweise dem guten Gefühl.

Folgendes kann festgehalten werden: Es sollte sich auch bei Teilnahme an einem Freiwilligendienst ausgehen, einigermaßen überleben zu können. Daneben sollte es andere Anreize und Begründungen geben, sich gerne freiwillig zu melden, unabhängig von Alter und Geschlecht, etwa einen "weiterführenden Sinn" für den Einzelnen.

Wie lässt sich das bewerkstelligen? Den engagierten Menschen müssen ihre Fixkosten erstattet werden und sie müssen darüber hinaus genug verdienen, um ein einigermaßen übliches, sorgenfreies Leben führen zu können; das könnte eine Basis sein. Darüber hinaus braucht es eben andere Anreize. Nötig ist eine nachhaltige Motivation, indem man zum Beispiel über den Weg der Sozialversicherung einen anhaltenden Vorteil für den Dienstleister einführt.

Ideen und Visionen

Im Detail könnte das folgendermaßen aussehen: Abhängig von der abgeleisteten Zeit erwerben die Freiwilligen eine prozentuelle Entlastung bei der eigenen Leistung an die Sozialversicherung. Nach einem zwölfmonatigen Dienst sinkt der Sozialversicherungsbeitrag zum Beispiel dauerhaft um fünf Prozent, und zwar sowohl für den Arbeitnehmeranteil als auch für den Arbeitgeberanteil. (Die hier verwendeten Zahlen dienen als Beispiele, um das Ganze zu veranschaulichen, und sollen nicht als absolute Zahlen für Rechenaufgaben dienen.)

Richtig, der Freiwillige erwirbt sowohl einen persönlichen finanziellen Vorteil als auch einen Wettbewerbsvorteil am Arbeitsmarkt, da er den Arbeitgeber billiger kommt. Das würde nebenbei den Faktor Arbeit entlasten. Danach kann man durch weitere Dienstzeit zusätzlich, bis zu einem Maximum, noch Abschläge auf der Arbeitnehmerseite erwerben. Dabei müsste es auch möglich sein, diese weitere Zeit in Form einer Art "Milizdienst" abzuleisten oder im Block, um einen Arbeitsplatzwechsel oder Ähnliches zu überbrücken. Auch im Zuge einer Karenz sollte es möglich sein, das "Beitragskonto" zu erhöhen. Die maximale Sozialversicherungsbeitragsreduktion wird dann in etwa nach drei Jahren Dienst erreicht.

Wunschdenken Wunschdienst?

Wie schon beim Wehrdienst könnten sich die Freiwilligen für einen Wunschdienst eintragen. Aber auch eine Zuteilung nach Qualifikation und Bedarf sollte möglich sein. Dabei sollte neben den klassischen Betätigungsfeldern des bestehenden Zivildienstes auch ein Katastrophenschutz-Kontingent mit entsprechender Ausstattung, ähnlich dem deutschen THW, gebildet werden. So eine Organisation könnte bei Muren, Lawinen, Überschwemmungen eingreifen. Die in diesem technischen Hilfswerk ausgebildeten Personen könnten wesentlich effizienter helfen, als das bis dato die schlecht ausgerüsteten Bundesheerrekruten machen konnten. Sollte es dann zu einer Naturkatastrophe kommen, werden die benötigten Helfer über ein Einberufungssystem mobilisiert.

Natürlich braucht es für alle diese Aufgaben auch entsprechende Ausrüstung und Material. In diesem Sinne sollte es nicht nur für Privatpersonen die Möglichkeit geben, diese Art von "direktem Sozialbeitrag" zu leisten. Das Zurverfügungstellen von Material und Gerät, sei es nun vollständig oder "auf Abruf", sollte für Unternehmen ebenfalls einen nachhaltigen Effekt haben. Auch durch eine Verkürzung von Abschreibungszeiten könnte ein zusätzlicher wirtschaftlicher Lenkungseffekt bei der Anschaffung erzielt werden mit dem großen Vorteil, dass für die sozialen Aufgaben moderne, gut gewartete Geräte zur Verfügung stehen.

Das alles ist ein grundlegender Vorschlag und vieles muss noch besprochen und ausdiskutiert werden. Doch wenn wir es schaffen, die sozialen Bedürfnisse unserer Gesellschaft über ein solches System der freiwilligen Dienste abzudecken, werden wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln.

Wir könnten mit weniger Sorge um unseren sozialen Standard in die Zukunft blicken. Auch die Verteidigung der sozialen Sicherheit ist eine Art von Wehrdienst, und zwar eine aktuellere und humanere. (Oliver Hacker, Leserkommentar, derStandard.at, 3.10.2012)

Oliver Hacker (geb. 1974) lebt als selbstständiger Grafiker und Maler in Wien.

Share if you care.