Singen, bis die Nazis kommen

2. Oktober 2012, 12:30
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Schwiegermütter-Hit: "Die Comedian Harmonists" im Wiener Volkstheater

Wien - Nicht wenige Kinnladen sanken hinunter, als Birgit Minichmayr anno 2000 in Pompes Funèbres am Burgtheater ihr Gesäß krächzend über einen Sarg wälzte oder Markus Meyer in So leben wir und nehmen immer Abschied im Trachtenanzug Mutti-Lieder trällerte (ebenda, 2009): Wenn sich Schauspieler im Singen erproben, dann wachsen den Publikumsherzen Ohren.

Franz Wittenbrink ist auf den deutschsprachigen Bühnen für diese gesungenen Dramen zuständig. Mit seinen musikalischen Schauspielen - Geschichten, die sich in aufeinanderfolgenden Liedern erzählen lassen - hat der Regisseur und Komponist in den letzten zwanzig Jahren ein Genre populär gemacht, das den Sänger im Schauspieler entfesselt.

Michael Schottenberg und Marcello de Nardo haben für das Volkstheater nun eine Lieder- und Textcollage von Wittenbrink und Gottfried Greiffenhagen adaptiert (uraufgeführt 1997 in Berlin), die die Geschichte der Comedian Harmonists nachzeichnet. An Komplexität ist der Abend überschaubar - auf Szenen folgen Lieder -, doch was die sechs Schauspieler hier gesanglich vollbringen, das macht staunen und wurde vom Premierenpublikum zurecht beifallstrunken bejubelt. Die Cash-Cow der Saison dürfte damit gefunden sein.

Das Stück zeichnet wie schon der Spielfilm von Joseph Vilsmaier (1997) die Geschichte des legendären Berliner Vokalensembles nach, vom mühsamen Anfang in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, über die internationale Karriere bis hin zum gewaltsamen Ende durch das NS-Regime. Drei der sechs Männer durften aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ab 1934 ihren Beruf nicht mehr ausüben; die Gruppe zerbrach.

Das lindgrüne Mansardenzimmer des Harmonist-Gründers Harry Frommermann (Marcello de Nardo), in dem alles mit einem Vorsingen in dicken Wollschals seinen Anfang nahm, dreht sich im Volkstheater viele Male weg, um Konzertauftritten Platz zu machen (Bühne: Hans Kudlich). Im zweiten Teil geschieht das leider allzu oft, und es wird länglich.

Patrick O. Beck, Thomas Kamper, Patrick Lammer, Alexander Lutz, Matthias Mamedof und de Nardo in den Rollen der sechs Titelhelden sowie Alexander Lhotzky in einem Dutzend Nebenrollen haben gehörig an ihrer Berliner Schnauze gefeilt, vor allem aber ihren A-capella-Gesang fleißig trainiert (musikalische Leitung: Patrick Lammer). Diesem lässt die Inszenierung auch ganz den Vortritt. Vom "Onkel Bumba aus Kalumba" bis zum "Kleinen grünen Kaktus" wird pfiffig jede Hürde genommen. Und wenn sich "Kastilien" auf "Utensilien" reimt, ist der Höhepunkt auch erreicht. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 1.10.2012)

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    'Die Comedian Harmonists' im Volkstheater in Wien.

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