"Breite Aufklärungskampagnen bringen nichts"

Interview |
  • Die Glücksspielsucht ist in den meisten Fällen kein singuläres Problem.
    foto: apa/maurizio gambarini

    Die Glücksspielsucht ist in den meisten Fällen kein singuläres Problem.

Risikopopulationen bleiben durch flächenpräventive Maßnahmen unerreicht - Suchtexpertin Gabriele Fischer plädiert für den Einsatz klinischer Psychologen in Glücksspieleinrichtungen

Die Glücksspielsucht tritt nur selten isoliert auf. Häufig ist sie von anderen Abhängigkeiten und psychiatrischen Erkrankungen begleitet. Therapeutisch muss diese Sensibilität für Süchte berücksichtigt werden, sonst bleibt der Erfolg aus, sagt die Wiener Suchtexpertin Gabriele Fischer im Gespräch mit derStandard.at. Am Donnerstag wird Fischer beim Symposium "Glücksspiel im Spannungsfeld der Interessen" in Wien auf therapeutische Implikationen für Glücksspielabhängige eingehen.

derStandard.at: Wie verbreitet ist die Glücksspielsucht in Österreich?

Fischer: Wir haben in Österreich leider keine wissenschaftsepidemiologische Untersuchung zur Häufigkeit von Suchterkrankungen. Wir wissen nur, dass die Nikotinsucht bei Erwachsenen in Österreich eine Prävalenz (Krankheitshäufigkeit, Anm. Red.) von circa 30 Prozent hat. Die Prävalenz bei Alkoholismus liegt bei circa 15 Prozent. Bei der Spielsucht geht man derzeit international von einer Prävalenz von 0,4 bis 0,7 Prozent aus. Es ist also unglaublich schwierig, hier eine epidemiologisch korrekte Aussage zu treffen. 

derStandard.at: Die Glücksspielsucht wird häufig auch als Zwangserkrankung bezeichnet. Ist der pathologische Spieler süchtig oder zwangskrank?

Fischer: Das ist wissenschaftlich klar definiert. Zwänge sind etwas anderes als Suchterkrankungen. Bis jetzt wurde das pathologische Glücksspiel unter abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle klassifiziert. In dieser Kategorie findet sich auch die Pyromanie (krankhafter Zwang, Feuer zu legen, Anm.) und die Trichotillomanie (zwanghaftes Haareausreißen, Anm.). Demnächst wird die Glücksspielsucht im internationalen Klassifikationssystem DSM V im Suchtbereich zu finden sein. Im Neuroimaging-Bereich sieht man völlig idente Muster, egal ob jemand glücksspiel-, nikotin- oder esssüchtig ist

derStandard.at: Was macht denn den Glücksspieler zu einem pathologischen Spieler?

Fischer: Das sind einfach die Kriterien der Sucht. Dazu gehören beispielsweise Vernachlässigung familiärer und beruflicher Interessen, Toleranzentwicklung und Toleranzbruch, Kontrollverlust und natürlich die Aspekte einer Verschuldung. 

derStandard.at: Gibt es eine Spielerpersönlichkeit?

Fischer: Nein. Entscheidend ist aber zu wissen, dass Süchte und im Besonderen die Glücksspielsucht sehr selten alleine auftreten. Die Mehrheit süchtiger Personen hat auch noch andere Abhängigkeiten. In Kombination mit der Spielsucht treten Nikotin-, Alkohol- und Kokainsucht besonders häufig auf. Dazu kommen dann noch andere psychiatrische Grunderkrankungen. Viele spielsüchtige Personen leiden unter einer bipolaren Störung - am zyklischen Spielverhalten spiegelt sich das Erkrankungsbild dann wider. 

derStandard.at: Das macht die Therapie der Glücksspielsucht vermutlich zur Herausforderung.

Fischer: Ja, gerade im therapeutischen Kontext darf die Glücksspielsucht nicht als singuläres Problem betrachtet werden. Denn wenn ich ausschließlich diese Sucht erfolgreich therapiere, kann es passieren, dass die Person anschließend beispielsweise esssüchtig wird. Das Problem der Sucht verlagert sich einfach. Es muss also immer das gesamte Individuum mit seiner Sensibilität für Süchte gesehen werden. Und wenn bestehende Angststörungen, Depressionen oder bipolare Erkrankungen übersehen werden, werde ich nie erfolgreich bei der Suchterkrankung intervenieren können. 

derStandard.at: Aber fokussieren Suchthilfe-Einrichtungen nicht vor allem auf die Suchterkrankungen?

Fischer: Genau das ist das Problem. Ich glaube nicht, dass solche Einheiten, die ausschließlich suchtspezifisch arbeiten, sinnvoll und zeitgemäß sind. Prävention beziehungsweise Behandlung gehören in den psychiatrischen Bereich beziehungsweise in den Public-Health-Bereich integriert. 

derStandard.at: Ist die völlige Spielabstinenz das Ziel der Therapie?

Fischer: Ich würde da differenzieren, denn das Bild ist inhomogen. Es gibt Personen, die nur bei völliger Abstinenz in der Lage sind, stabil zu bleiben. Und es gibt Menschen, bei denen man therapeutisch schon gezielt beurteilen kann, wie der Stoppmechanismus am besten reguliert wird. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Alkoholabhängigkeit. Es gibt Patienten, die in der Lage sind, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren, und andere kommen nur im On/Off-System mit ihrer Suchterkrankung zurande. Es gibt auch Menschen, die Heroin oder Kokain nur gelegentlich konsumieren. Hier ist halt die Illegalität das zusätzliche Problem. 

derStandard.at: Das heißt, wie in der Medizin generell geht es auch im Bereich der Suchterkrankungen um Individualisierung?

Fischer: Ja, und diese notwendige Individualisierung zeigt auch, dass breite Aufklärungskampagnen nichts bringen, weil sie die Risikopopulationen nicht erreichen. Die Amerikaner haben uns das schon gezeigt. Im Suchtbereich erwecken Flächenpräventionen die Aufmerksamkeit von drogenfreien Jugendlichen in stabilen Verbindungen und Kirchengemeinschaften. Unsere Risikogruppen sind jedoch andere. Das sind Menschen mit geringerem Bildungsniveau, Migranten und auch spezielle Gruppen von Frauen. 

derStandard.at: Wie lassen sich die Risikogruppen erreichen?

Fischer: Es ist wichtig, das Personal in Glücksspieleinrichtungen zu schulen. Und wenn sich Personen auffällig zeigen, dann sollten Klinische Psychologen als professionelle Unterstützung vor Ort gerufen werden und mit den Betroffenen reden. 

derStandard.at: Lässt sich das mit den Glücksspielbetreibern vereinbaren?

Fischer: Genau das ist die Quadratur des Kreises. Die Betreiber sind aufgefordert, spezielle Präventionsmaßnahmen und Interventionen zu setzen. Es ist ja nicht so, dass jeder, der gerne spielt, ein pathologischer Spieler ist. 99 Prozent der Menschen spielen aus purem Vergnügen. Pathologische Spieler sind eine kleine Minderheit, und diese Minorität gilt es rasch zu erkennen und zu behandeln. Die Länder sind aufgerufen, hier adäquate Behandlungsbedingungen zu schaffen.

derStandard.at: Von geschäftsschädigend kann also keine Rede sein?

Fischer: Genau, aber es die Verantwortung, die auch die Betreiber tragen müssen. Ich habe kein Problem mit dem regulierten Glücksspiel, wenn die Verantwortlichkeiten wahrgenommen werden. Ich habe ein Problem mit den Bundesländern, in denen es nicht reguliert ist. Dort stehen die Automaten in den Hinterzimmern, und die Leute hängen stundenlang vor diesen Geräten und verlieren ihr Geld.

derStandard.at: Dasselbe gilt vermutlich auch für Kinder und Jugendliche, die ihre Zeit mit Computerspielen verbringen.

Fischer: Ja, der zentrale Punkt ist immer die Kontrolle und Regulation. Wenn ein Kind viel Computer spielt, ist es ganz wichtig, dass es das in einem Raum tut, in dem sich die Familie oft aufhält. Problematisch wird es immer erst dann, wenn das Kind nur mehr zurückgezogen im eigenen Zimmer sitzt. (Regina Walter, derStandard.at, 4.10.2012)

Gabriele Fischer (52) ist seit 1994 Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und -therapie der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. Sie hat zahlreiche Bücher zum Thema Suchtforschung veröffentlicht und mehr als 150 wissenschaftliche Publikationen verfasst. Fischer berät das Europaparlament, die WHO und die UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime). Die Mutter dreier Söhne ist Gründungsmitglied der Plattform "Frauen für Frauen - Gesundheit im Brennpunkt".

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