Vinyl lebt trotz iTunes, Spotify und Co

In Berlin wird wieder "Direct to Disc" aufgenommen

David Bowie, U2 oder Herbert Grönemeyer - im Berliner Meistersaal am Potsdamer Platz ist schon manche berühmte Platte entstanden. Im Lauf der Zeit hat sich die Aufnahmetechnik gewandelt. Fast alles läuft hier heute digital. Doch seit einiger Zeit werden im Meistersaal auch wieder Schallplatten aufgenommen. Trotz Internet-Downloads und Streamingdiensten über Dienste wie iTunes und Spotify macht sich Tonmeister Rainer Maillard wenig Sorgen. "Ich wette, dass es die Platte noch in 100 Jahren gibt", sagt er. "Sie wird der letzte analoge Tonträger sein."

"Direct to Disc"

Die Technik dafür hat Erfinder Emil Berliner vor 125 Jahren als Patent angemeldet - damals noch für Schallplatten aus Zinkblech und ein Grammofon zum Abspielen. Sein Name ist fast vergessen, doch hier, am Potsdamer Platz, lebt er weiter. Schräg unter dem Meistersaal liegen seit 2010 die Emil Berliner Studios für akustische Musik. Tonmeister Maillard hat sie mitgegründet - rund 300 Quadratmeter Hightech im Altbau, ruhiges Erdgeschoß.

Seit kurzem produzieren sie hier auch wieder sogenannte "Direct to Disc"-Schallplatten - eine Art Extremform in einer digitalen Welt. Derartige Direktschnitt-LPs verkürzen den Signalweg und verzichten auf ein Masterband. Musiker müssen ihr Stück in einem durch ohne Fehler einspielen.

Vom Meistersaal führen Mikrofonkabel für analoge Aufnahmen direkt ins Emil-Berliner-Tonstudio. Dort stehen Mischpulte aus den 1950er-Jahren neben modernem Equipment. Eine Platten-Schneideanlage aus den 1990ern wird gepflegt wie ein teurer Oldtimer - denn gebaut wird sie heute nicht mehr.

Nischenprodukt

Platten sind ein Nischenprodukt der Musikindustrie. Downloads aus dem Internet sind gerade dabei, die Nachfolgerin der Platte, die CD, ebenfalls ins Nischendasein zu verdrängen. Doch kann man sich in einen iTunes-Ordner verlieben wie in eine Schallplatte mit markantem Cover? Immer mehr Menschen verneinen diese Frage und sorgen dafür, dass von Jahr zu Jahr wieder mehr Musik auf Platte gepresst wird.

"Direct to Disc"-Aufnahmen sind für die Musiker, die die Annehmlichkeiten der digitalen Welt gewohnt sind, eine Herausforderung. Die Musizierenden müssen ihre Stücke fehlerfrei durchspielen. Denn Patzer können bei den Aufnahmen nicht herausgeschnitten werden. Musiker und Hörer nennen diese Aufnahmen "honest", sagt Tonmeister Maillard: ehrlich. "Musiker müssen hier zeigen, was sie können. Und nicht, was die Software oder die Schnitttechnik kann".

Perfektionszwang

Führen Digitalaufnahmen nicht zwangsläufig zu einem Perfektionszwang? Maillard, Professor für Musikübertragung, schüttelt den Kopf. "Es ist die Frage, was Sie wollen", sagt er. Der eine schätze handgeschriebene Briefe mit Füller, der andere E-Mails. Bei Musikaufnahmen sei das nicht anders.

"Mit Ästhetik hat das für mich nichts zu tun", sagt Maillard. Seinen Beruf sieht er pragmatisch: "Ich vermittele wie ein Übersetzer zwischen der Welt der Musik und den Zuhörern." Sein Instrument? "Man muss keinen Roman schreiben können, um ein guter Übersetzer zu sein." (dpa, pum, DER STANDARD, 2.10.2012) 

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