Jugendhilfe, ein System der Hoffnungslosigkeit

Kommentar der anderen1. Oktober 2012, 19:15
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Der Tod des 17 Monate alten Kleinkindes Luca hat Österreich vor einigen Jahren erschüttert - in der Kinder- und Jugendhilfe hat das kaum Spuren hinterlassen. Kritiker sprechen immer noch von einem System der Hoffnungslosigkeit

Der Fall Luca sorgte vor Jahren für einen "Weckruf", der die Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe wachrütteln sollte. Erfolglos, denn es ist unglaublicherweise nichts passiert, das Kindeswohl in Österreich ist gefährdeter denn je. Es bedarf offenbar eines drastischen " Rundumschlages", um endlich die Verantwortlichen zum Handeln zu zwingen, denn wiederum wurden haarsträubende Fälle bekannt. Man kann von einem System der Hoffnungslosigkeit sprechen.

Bekanntlich fängt der Fisch beim Kopf zum Stinken an. Wir haben einen zuständigen und politisch verantwortlichen Minister, der sich um das Thema Kinder- und Jugendhilfe einfach nicht kümmert. Er ist nicht einmal imstande, das längst überfällige Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJG) mit den Bundesländern so zu verhandeln, dass es umgesetzt wird. Die Jugendwohlfahrt agiert noch immer auf einer gesetzlichen Grundlage, die 23 Jahre alt und längst nicht mehr zeitgemäß ist.

Armutszeugnis

Der vorliegende Gesetzesentwurf wird von den Experten kritisiert, weil viele Forderungen wie z. B. das verpflichtende "Vier-Augen-Prinzip" (zwei Sozialarbeiter klären eine Gefährdung ab) oder verpflichtende Standards für alle Bundesländer aus finanziellen Gründen herausgestrichen wurden. Wenn man sich die Stellungnahmen der Länder zum Entwurf dieses Gesetzes durchliest, dann geht es hier um ein paar hunderttausend Euro, die von den Ländern nicht aufgebracht werden können, um einen besseren Schutz unserer Kinder zu garantieren. Und der Bund weigert sich auf der anderen Seite, mehr Geld dafür in die Hand zu nehmen. In Anbetracht dessen, dass Österreich nach wie vor eines der reichsten Länder der Erde ist, ein Armutszeugnis. Das Kindeswohl wird im Föderalismusstreit mit Füßen getreten.

Aber auch dort, wo die gesetzliche Kinder- und Jugendhilfe operationalisiert wird, finden sich suboptimale Bedingungen. Zu wenig Geld bedeutet in der Sozialarbeit zu wenig Mitarbeiter, die ihrem Auftrag nicht adäquat gerecht werden können. Mehrfach wird von unabhängigen Stellen wie zuletzt der Volksanwaltschaft oder dem Berufsverband der Sozialarbeiter nachgewiesen, das österreichweit hunderte Planstellen in der Jugendwohlfahrt fehlen, um die Mindeststandards einzuhalten. In Deutschland gibt man rund fünfmal mehr Geld aus.

Auch wenn viele sehr engagierte und hochprofessionelle Akteure mit den Kindern und Familien arbeiten, gibt es allerorts Missstände, die einmal in aller Deutlichkeit benannt werden müssen: Das Jugendamt agiert in Summe nicht mehr zeitgemäß. Von Freitag bis Montag gibt es in Österreich so gut wie keine Jugendamtssozialarbeit, die wird dann von Polizei und Rettung "miterledigt". Wir haben Jugendamtsleiter, die nicht qualifiziert oder desinteressiert an diesem Thema sind und dementsprechend handeln.

Vielfach Überforderung

Wir haben Richter, die über das Kindeswohl entscheiden, die die Lebenswelten der Familien unzureichend kennen und oft eigenwillig und selbstherrlich handeln. Und wir haben neben engagierten Sozialarbeitern offenkundig auch eine Ansammlung an unqualifizierten, die mit der Aufgabe völlig überfordert sind. Diese üben entweder ihren Kontrollauftrag fahrlässig oder gar nicht aus oder überreagieren und nehmen offenbar die Kinder bei "Kleinigkeiten" aus der Familie.

Wir übergeben immer mehr psychosoziale Aufgaben an freie Träger, wo teilweise nicht entsprechend Ausgebildete auf Multiproblemfamilien losgelassen werden. Wir haben ein System bar jeglicher ökonomischer Logik: Bei Fremdunterbringungen ist es kein Problem, für einen Heim- oder Wohngemeinschaftsplatz 3000 bis 5000 Euro im Monat auszugeben. Eine vielleicht sinnvolle Unterbringung im gesunden Familienumfeld mit finanzieller und professioneller Unterstützung ist nahezu nicht möglich, da geizt man vonseiten der Verwaltung um jeden Cent.

Wir haben untergebrachte Kinder und Jugendliche in "Aufbewahrungsstätten" , wo die Historikerkommission für Heimkinder sofort auch in der Gegenwart ihre Arbeit fortsetzen könnte. Wir haben aber keine Konsumenten-schutzrechte für Familien und Kinder, die können sich am " Salzamt" beschweren. Und wir haben Organisationen in diesem Bereich, die diese dramatische Situation jederzeit bezeugen können, aber "kuschen" müssen, weil sie sonst Budgetkürzungen und Disziplinierungsmaßnahmen von Politik und Verwaltung zu fürchten haben.

Dieses System der Hoffnungslosigkeit hat sich in dieser Form bilden können, weil es keine Diskussion und qualifizierte Auseinandersetzung gibt und so überhaupt kein adäquates Lobbying für unsere Kinder, Jugendlichen und Familien möglich ist. Dieses System der Hoffungslosigkeit muss zerschlagen und neu aufgebaut werden, wenn wir diesen Kindern eine Zukunft mit Hoffnung bieten wollen. (Roland Fürst, DER STANDARD, 2.10.2012)

Roland Fürst ist Sozialarbeiter und Politikwissenschafter und lehrt an der FH Campus Wien.

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