Problematische Schweinereien am Stadtrand

1. Oktober 2012, 19:06
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Wildschweine haben die Stadtränder längst in Besitz genommen. Der Klimawandel schafft für sie ideale Lebensbedingungen. Damit die borstige Plage nicht überhandnimmt, wird seit einigen Jahren verstärkt gejagt

Wien/Linz - Die vorwitzigste Wildsau hat es in Wien bis weit in die Stadt hineingeschafft. Das Tier ist einfach die Schienen entlanggetrottet - bis es beim Westbahnhof stand. In der Bundeshauptstadt ist es aber trotzdem lange nicht so weit wie in Berlin, wo schon einmal eine ganze Wildschweinfamilie die Straße überquert hat und die Tiere sich in den innerstädtischen Parks breitgemacht haben.

In Wien kommen die Tiere derzeit ungefähr bis zur Vorortelinie, sie halten sich in der Lobau und rund um den Bisamberg auf. "In Berlin hat man das Wildschweinproblem lange nicht erkannt", sagte Forstdirektor Andreas Januskovecz am Montag in einem Pressegespräch. Auch in Wien ist die Zahl der Wildschweine in den vergangenen Jahren stark gestiegen. In den privaten Gärten am Stadtrand kann schon einmal der mit der Nagelschere geschnittene englische Rasen über Nacht von den Wildschweinen auf der Suche nach Engerlingen komplett umgegraben werden.

Januskovecz rät daher, die Zäune zu kontrollieren, Kompost mit einem Gitter abzudecken und vor allen die Jungtiere nicht zu füttern. " Natürlich ist es nett, mit Frischlingen sein Butterbrot zu teilen", sagt er, "aber wenn die Tiere dann ein paar Monate später als Halbwüchsige wieder dastehen, ist das oft nicht sehr lustig." Zirka fünfmal im Jahr müssen die Jäger des Forstamtes ausrücken, weil es eine brenzlige Situation gibt. Im Februar wurde dafür eigens das ganze Wiener Stadtgebiet zum Jagdgebiet erklärt.

Paradies fürs Borstenvieh

Der Klimawandel kommt den Wildschweinen entgegen. Gerade heuer ist die Population besonders hoch und derzeit in den Weingärten zugange. Weil das Frühjahr mild war, haben viele Frischlinge überlebt, 2011 gab es besonders viele Bucheckern und Eicheln - also ideale Bedingungen für die borstigen Rüsseltiere.

Außerdem werden die Tiere früher geschlechtsreif. "Früher haben die Bachen mit drei oder vier Jahren erstmals Junge bekommen, mittlerweile werfen manche bereits im zweiten Lebensjahr", schildert Januskovecz Und nicht nur sechs bis acht Frischlinge pro Wurf, sondern bis zu zwölf.

Wie hoch die Population ist, lässt sich nicht genau beziffern. Wildschweine sind mobil und können in einer Nacht 30 Kilometer zurücklegen. Doch anhand der Abschusszahlen lässt sich ablesen, dass die Tiere immer mehr und immer stärker bejagt werden. Wurden 1996 in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland 11.000 erlegt, waren es vor zwei Jahren bereits 34.000.

Dabei ist die Kombination intelligent und nachtaktiv durchaus eine Herausforderung. So mussten auch die Jäger in der Au nahe der Solar City in Linz-Pichling einen Monat warten, bis sie schließlich zwei stattliche Keiler erlegen konnten. Damit wurde der Beweis erbracht, dass die Schwarzkittel auch in Oberösterreich im Vormarsch sind. Und immer öfter den Waldboden mit dem Straßenasphalt tauschen.

Abschuss als einzige Handhabe

"Auch in Oberösterreich haben sich Wildschweine vielerorts in Stadtnähe niedergelassen. Etwa bei der Solar City, aber auch am Pichlinger See, in den Traunauen bei Ebelsberg, in Asten und Luftenberg", schildert Wildbiologe Christopher Böck vom Landesjagdverband die Situation. Als einzige Handhabe gegen die Wildschweinschwemme bleibt nach wie vor der Abschuss. "In Oberösterreich liegt die Jagdstrecke zwischen 800 und 1500 Tieren. Bejagt werden darf ganzjährig, ausgenommen sind führende Bachen" , erläutert Böck. Mit der Landwirtschaft haben sich die Jäger in vielen Bereichen arrangiert. So wird etwa vielerorts Mais nicht mehr direkt angrenzend an Wälder angebaut, sondern sogenannte Schussschneisen innerhalb der Mais- und Rapsfelder geschaffen.

Dass manchmal nicht einmal ein Schloss hilft, weiß Januskovecz zu berichten. "Ein Mitarbeiter hat einmal beobachtet, wie ein Wildschwein ein Gittertor seelenruhig aus den Angeln gehoben hat und dann durchmarschiert ist." (Bettina Fernsebner-Kokert, Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 2.10.2012)

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    Familienausflug in die Stadt: In manchen deutschen Ballungsräumen gehören Wildschweine bereits zum Straßenbild. In Wien sind mehr Jäger im Einsatz, außerdem ist nun die ganze Stadt Jagdgebiet.

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