Arbeitslosigkeit als Filmprojekt

1. Oktober 2012, 18:36
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Salzburger Künstler gestaltet Kurs für Jobperspektiven

Salzburg - Interviews mit Vertretern von Politik und Sozialvereinen, dazwischen assoziative Bilder aus Einkaufszentren oder von Rettungsaktionen - seit einigen Wochen läuft am freien Salzburger Fernsehsender FS1 der rund 40 Minuten lange Film Arbeitslos!. Verantwortlich dafür zeichnen der Salzburger Künstler Balthasar Göritzer und die Teilnehmer eines Kurses zur "Perspektivenplanung" für Langzeitarbeitslose am Beruflichen Fortbildungszentrum (BFZ) in Salzburg.

Göritzer ist das, was man gemeinhin ein Multitalent nennt. Als Maler gestaltete er zur Jahrtausendwende ein grafisches Tagebuch über 366 Tage, die "Millenniumsserie". Als Dokumentarfilmer hatte er 2006 die Friedensflotte Mirno More durch die Adria begleitet. Bis vor wenigen Monaten war er als freier Sozialarbeiter für die Jugendwohlfahrt im Einsatz.

Der 53-Jährige betreute Familien und Jugendliche im Flachgau. Nach acht Jahren Sozialarbeit war der gebürtige Kärntner am Ende: "Zu viele Klienten, allein im Feld, keine Supervision, Überlastung", beschreibt er den Grund für den Jobausstieg Mitte 2011: "Plötzlich bist du arbeitslos."

In Absprache mit dem Arbeitsmarktservice wurde Göritzer schließlich in einen Kurs am BFZ geschickt. Diese Tochterfirma des Bayerischen BFZ ist in Salzburg und Oberösterreich aktiv und übernimmt neben anderen Sozialaufgaben auch AMS-Kurse.

Dass er gemeinsam mit den anderen 15 Kursteilnehmern das Seminar mit Bewerbungsschreiben vertrödle, sei für ihn nicht infrage gekommen, beschreibt er die Anfangsidee zum Film. Und so wurde er zum arbeitslosen Kursteilnehmer und De-facto-Trainer in Personalunion.

Nachdem er selbst das technische Equipment hatte und mit Markus Kroh auch einer der Kursteilnehmer über Filmschnitt-Basiskenntnisse verfügte, war das Filmprojekt geboren. "Maske, Schauspiel, Requisite, Beleuchtung - alles wurde von den Kursteilnehmern selbst organisiert", erzählt Göritzer im Standard-Gespräch. Herausgekommen ist ein Streifen, der sich bei allem gebotenen Ernst auch mit viel Witz der Arbeitslosigkeit nähert.

Nachfolgeprojekte

Nach dem großen Erfolg denkt Göritzer an Nachfolgefilme. Das BFZ sei " mit Göritzer bezüglich eines Filmprojektes mit Jugendlichen in Verhandlung", sagt BFZ-Sprecher Andreas Nabicht. Von konkreten Gesprächen weiß der mögliche Projektkoordinator Göritzer freilich noch nichts.

Für Cutter Kroh ist die Sache wenig zufriedenstellend gelaufen. Der chronisch kranke 36-Jährige wollte über das AMS eine Schnitttechnikerausbildung finanziert bekommen. Dort blitzte er ab. Diese Ausbildung sei nur berufsbegleitend möglich; zudem gebe es zu wenige offene Stellen, arbeitsmarktpolitisch wäre die Förderung nicht sinnvoll, sagt Anton Költringer vom AMS-Salzburg.

Einen Nachfolgefilm, der die Lebenssituation der Filmakteure selbst zum Thema macht, wird es aber geben. Göritzer und Kroh wollen diesen notfalls auch auf eigene Rechnung umsetzen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 2.10.2012)

 

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