Der Tod eines Helden in den Fängen der russischen Justiz

1. Oktober 2012, 18:11
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Teatr.doc mit Doku-Drama beim Steirischen Herbst

Graz - Gehörig Mut lässt sich der freien Gruppe Teatr.doc aus Moskau nicht absprechen: Im Doku-Drama 1 hour 18 minutes beschäftigt sie sich mit dem sonderbaren Tod eines aufrechten Buchhalters namens Sergej Magnitskij in den Fängen der russischen Justiz. Aus diesem Grund präsentierte Veronica Kaup-Hasler, Intendantin des Steirischen Herbstes, die Produktion auch in der Grazer Thalia, die in der Vorwoche, wie berichtet, als Camp politischer Aktivisten diente: 1 hour 18 minutes passt hervorragend zum diesjährigen Generalthema truth is concrete.

Magnitskij hatte die Behörden über ein Wirtschaftsverbrechen gewaltigen Ausmaßes informiert. Doch diese waren nicht wirklich an der Klärung bemüht: Sie nahmen Magnitskij, weil er ein Mitwisser gewesen sein musste, in Untersuchungshaft. Und dort starb der Wirtschaftsprüfer noch vor Prozessbeginn - innerhalb von einer Stunde und 18 Minuten, in denen der schwerkranke Mann, der nach medizinischer Betreuung verlangt hatte, gestreckt und gefesselt allein in einer Zelle war.

Über das hochkomplexe Wirtschaftsverbrechen erfährt man in 1 hour 18 minutes zunächst nichts. Hier geht es nur um den Fall Magnitskij: Die Mutter erhebt, an der Rampe zum Publikum sprechend, Anklage. Dann treten nacheinander die involvierten Personen - die Ärztin der Haftanstalt, der leitende Ermittler, der Wärter usw. - als Zeugen auf. Ihre Stellungnahmen basieren zumeist auf tatsächlichen Aussagen; sie sind erschreckend decouvrierend.

In der ursprünglichen Fassung besteht 1 hour 18 minutes aus zehn durch eine Klammer verbundene Szenen mit einer Spielzeit von etwa 45 Minuten: Zu Beginn und am Ende widerfährt dem Richter in der Vision von Teatr.doc das gleiche Schicksal wie Magnitskij, dem ein Glas heißes Wasser verweigert wurde.

Man könnte sich die Frage stellen, ob der Ansatz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, richtig ist. Doch das Publikum kommt gar nicht dazu: Für Graz ergänzte die Gruppe ihr nüchtern dargebrachtes Doku-Drama - das Ensemble sitzt im Halbkreis auf der schwarzen Bühne - um ein paar Szenen. In einer wird mithilfe eines Comics versucht, das Wirtschaftsverbrechen zu erklären. Doch damit zerstört Teatr.doc die Wirkung des kurzen Abends ziemlich. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 2.10.2012)

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